Pädagogische und bildungsethische Überlegungen zu Internaten an beruflichen Schulen – ein Beitrag vom 2. Wissenschaftstag zur Internatspädagogik

Am 11./12. November 2018 fand in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften der zweite Wissenschaftstag zur Internatspädagogik statt, ausgerichtet vom Verband Katholischer Internate und Tagesinternate e. V., von der internate-Vereinigung e. V. und von PBS Private Bildung Schweiz. Ziel der Veranstaltung war es, der Bildungsinstitution Internat wissenschaftlich und politisch zu stärkerer Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Internate an beruflichen Schulen sind wenig im Blick, wenn es um Internatspädagogik geht. Der folgende Beitrag greift dieses Thema explizit auf. Er wurde als Vortrag auf der Veranstaltung in Berlin gehalten, eine überarbeitete Druckfassung ist in Vorbereitung.

 

Beim Einstieg in das Berufsleben nicht allein … – Pädagogische und bildungsethische Überlegungen zu Internaten an beruflichen Schulen

Vortrag von Axel Bernd Kunze beim 2. Wissenschaftstag zur Internatspädagogik am 12. November 2018 in Berlin

 

Sehr geehrter Herr Nationalrat Pfister,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Junges Wohnen bietet viele Vorteile“ – so wirbt das Wohnheim unserer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt, an der ich als Schulleiter tätig bin, für seine Angebote – im Einzelnen werden genannt: gute Lern- und Arbeitsbedingungen, Möglichkeiten vielfältiger Freizeitgestaltung, eine Mischung aus Verpflegungsangeboten und Selbstverpflegung, Wohnen in guter Gesellschaft sowie Leben in gegenseitigem Verstehen.

Internate oder Wohnheime an beruflichen Schulen stehen nicht unbedingt im Vordergrund. Auch ein Beitrag aus diesem Sommer, um nur ein aktuelles Beispiel zu zitieren, im Themenheft Bildungswahl und Bildungsverläufe der Zeitschrift für Pädagogik nimmt ausschließlich die Rolle von Internaten im Zusammenhang des allgemeinbildenden Schulwesens in den Blick. Offene Forschungsfragen erkennen die Autoren des Beitrags etwa dort, wo es um Schnittstellen zwischen Internatspädagogik und Ganztagsschulentwicklung, Hilfen zur Erziehung, Migrationspädagogik oder allgemein der Kinder- und Jugendforschung geht.

Konstitutiv für das Internat ist das gemeinsame Wohnen. Das bestimmende Unterscheidungsmerkmal zu anderen pädagogischen Einrichtungen besteht darin, dass wir es beim Internat mit einer Institution „aus Anlass von Bildung“ zu tun haben, so Christopher Haep in seinem Werk „Grundfragen der Internatspädagogik“. Im Gegensatz zu anderen sozialstaatlich begründeten, kurativ orientierten, sozialpädagogisch ausgestalteten  Unterstützungsleistungen sind Internate zentral auf die Idee der Bildung ausgerichtet. Dabei geht es – so Dietrich Benner – um „das Problem einer Vermittlung zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Bestimmung des Menschen, die die Individuen weder der Gesellschaft opfert, [sic!] noch die menschliche Gesamtpraxis auf ein Spielfeld individueller Willkür und Selbstverwirklichung reduziert.“

Im Folgenden soll das Internat als pädagogische Institution im Bildungssystem verortet werden. Zwei Perspektiven sind dabei leitend: Zum einen folgen die Überlegungen einer bildungsethischen Perspektive; zum anderen wird es vorrangig um Internate im beruflichen Schulwesen gehen, verstanden als Einrichtungen, die gleichfalls dem „Wohnen aus Anlass von Bildung“ dienen.

Aus gegebenem Anlass soll also zunächst die Idee der Bildung kurz skizziert werden. Danach soll gefragt werden:

  1. Was kann die bildungsethische Perspektive leisten?
  2. Wie lässt sich der Anspruch auf Gerechtigkeit auf das Bildungssystem hin auslegen?
  3. Welcher Maßstab eignet sich für das bildungsethische Urteil?
  4. Welche Rolle kommt dem Internat in bildungsethischer Perspektive zu?

Den Abschluss werden ein paar beispielhafte Einblicke in das schon erwähnte „Junge Wohnen“ bilden.

  1. Was ist unter Bildung zu verstehen?

Der Mensch vermag nicht einfach zu existieren, er muss sich erst zu dem machen, der er sein will, in den Grenzen der Natur und des Rechts. Diesen Prozess der Selbstbestimmung bezeichnen wir als Bildung. Damit ist eine deutliche antitotalitäre Spitze verbunden: Der Mensch ist nicht selbst ein Zweck, sondern er ist dazu fähig und herausgefordert, selbst eigene Zwecke zu setzen. Und so erkennt sich der Mensch als ein geschichtliches, zum Vernunft-, Freiheits- und Sprachgebrauch fähiges Wesen selbst, bringt sich im Licht der Selbsterkenntnis als autonome Person hervor, bildet eine unverwechselbare Individualität aus und setzt eigene Geltungsansprüche.

Bildung meint nicht allein die Fähigkeit des Menschen, Welt zu verstehen oder Wissen anzuhäufen.  Vielmehr ist der Mensch auch in der Lage, den eigenen Prozess des Welterkennens zu reflektieren und zu werten – oder anders gesagt: Bildung ist im umfassenden Sinne als verantwortete Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit zu verstehen. Denn Geltungsansprüche nötigen uns dazu, diese zu akzeptieren oder abzulehnen – andernfalls würden wir tatsächlich in „postfaktischen“ Zeiten leben, die aktuell so gerne beschworen werden: Es wäre beliebig, wie wir handelten. Die Unterscheidung zwischen sinnvoll und nicht sinnvoll, zwischen sittlich gut und sittlich schlecht setzt voraus, dass wir für unser Reden und Tun Geltung beanspruchen.

Dieser Anspruch liefe allerdings ins Leere, wenn es keine Adressaten gebe, die diesen Anspruch anerkennen würden und die erhobenen Geltungsansprüche prüfen könnten. Die Kultivierung des vernunftgemäßen Freiheits- und Sprachgebrauchs sowie die Fähigkeit, das eigene Reden und Handeln zu verantworten, müssen in jeder Generation immer wieder neu auf Dauer gestellt werden – und zwar durch pädagogisches Handeln.

  1. Was kann die bildungsethische Perspektive leisten?

Pädagogisches Handeln lässt sich nicht allein von einem Endpunkt, beispielsweise einem bestimmten formalen Bildungstitel, her beurteilen. Die Ziele des pädagogischen Handelns sind immer schon mitzudenken. Der Gehalt von Bildung – verstanden im vorstehenden Sinne als Befähigung zur Selbstbestimmung – muss implizit grundsätzlich jedes Tun bestimmen, das pädagogische Geltung beansprucht. Dies gilt auch für die gerechtigkeitstheoretische Reflexion über bildungsbezogene soziale Praktiken. Es kommt darauf an, dass die Educandi kontinuierlich in ihrem Freiheitsvollzug gefördert werden; andernfalls würden sie vom Lehrer oder Erzieher zu etwas bestimmt.

Was Bildung ist oder was pädagogisch sinnvoll realisierbar ist, kann nicht aus der Gerechtigkeits- oder Menschenrechtstheorie abgeleitet werden. Die Frage, wie der Mensch seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung und die Reindividualisierung von Kultur so vollziehen kann, dass seine ihm aufgegebene Freiheit dabei erhalten bleibt und nicht durch äußere Zweckbestimmungen aufgehoben wird, stellt sich so nur für die pädagogische Praxis – und kann auch nur pädagogisch entschieden werden. Denn würde Bildung sozialethisch auf ihre äußere soziale Seite reduziert, ginge es nur noch um ein Problem der Passung zwischen Person und Sozialstruktur. Die Widerständigkeit des Subjekts und die Befähigung des Einzelnen, Welt „selber zu denken“, blieben auf der Strecke.

Pädagogen tragen Verantwortung für die Heranwachsenden, aber auch für die Gesellschaft, die nicht unerhebliche Ressourcen für das Bildungssystem zur Verfügung stellt. Ein eigener bildungsethischer Ethikkodex ermöglicht ferner die kritische Reflexion vorgegebener Erwartungen, hilft aber auch, Distanz zu wahren gegenüber Zeitströmungen, modischen Trends oder Verengungen innerhalb des eigenen Fachdiskurses.

Eine eigenständige Sozialethik der Bildung kann ihren Beitrag dazu leisten, über pädagogische und bildungspolitische Möglichkeiten aufzuklären, über die im pädagogischen und bildungspolitischen Diskurs zu reflektieren und zu entscheiden bleibt: Denn „Bildung […] ist von der Art, dass sie erst den Raum für einen Diskurs über Gerechtigkeit, über Recht, über Menschenrechte eröffnet, der nur dann überflüssig wäre, wenn man bereits wüsste oder zu wissen glaubte, was gerecht ist oder die Entscheidung darüber an eine oder mehrere andere Instanzen delegieren würde. In Bildung geht es nicht um die unbedachte und fraglose Akzeptanz von bestehenden oder vorgegebenen Ordnungen, sondern gerade um deren Infragestellung und Problematisierung als Instanz und als Ordnung.“ – so der Pädagoge Andreas Poenitsch auf dem Abschlusskongress des DFG-Projekts „Das Menschenrecht auf Bildung: Anthropologisch-ethische Grundlegung und Kriterien der politischen Umsetzung.“

Auch wenn zwischen Legalität und Moralität zu unterscheiden bleibt, ist das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit kein rein äußeres. Vielmehr wohnt dem Recht selbst eine ethosbildende Kraft inne, indem es das Handeln der Glieder einer Rechtsgemeinschaft auf jene Werte lenkt, ohne die Freiheit nicht möglich wäre. Die Menschenrechte können als Antwort auf historisch-konkrete Erfahrungen von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt gelesen werden – und zwar im Medium des positiven Rechts, das die Ausformulierung der Menschenrechte von Anfang an entscheidend inhaltlich konturiert hat. Sozialethik als Bildungsforschung fragt, wie der menschenrechtliche Anspruch auf Bildung in der Menschenwürdeidee wurzelt und welche Konsequenzen sich daraus für Gehalt und Grenzen eines Rechts auf Bildung ergeben. Vorausgesetzt wird dabei, dass Recht den realen Freiheitsvollzug des Menschen unterstützt, indem es Rechtssicherheit schafft, Orientierung stiftet und Konflikte mindert.

Die entlastende Funktion des Rechts gilt auch für Bildung, ohne die der Einzelne seine Freiheit nicht real verwirklichen könnte und ohne die er auch nicht aktiv am sozialen Leben teilnehmen könnte. In der Moderne ist Gerechtigkeit für die politische Teilpraxis des Menschen zur bestimmenden regulativen Idee geworden. Eine Sozialethik der Bildung hat zu fragen, wie die Menschenrechte auf den Bildungsbereich hin ausgelegt werden können und wie die Möglichkeitsbedingungen für Bildung unter dem Anspruch auf Gerechtigkeit gestaltet werden können.

Zwei Herausforderungen machen es grundsätzlich notwendig, im Blick auf bildungsbezogene soziale Praktiken von Gerechtigkeit zu sprechen: Pädagogisches Handeln muss zum einen mit der Tatsache faktischer Ungleichheit umgehen, zum anderen mit begrenzten Ressourcen der Bildungsförderung haushalten.

  1. Wie lässt sich der Anspruch auf Gerechtigkeit auf das Bildungssystem hin auslegen?

Jeder Einzelne hat grundsätzlich dasselbe Recht, sich zu bilden und seine Fähigkeiten zu entfalten. Die Chance, sich jenen Bildungsstand zu erarbeiten, der ihm möglich ist, darf niemandem abgesprochen werden. Frei und gerecht wäre weder ein Bildungssystem, das Schwächere gezielt bevorzugen und talentiertere Schüler gezielt benachteiligen wollte, noch eines, das umgekehrt verfahren wollte. Die Einsicht, dass alle einen gleichwertigen Anspruch haben, sich zu bilden und bestmöglich gefördert zu werden, entspricht der klassischen Forderung nach arithmetischer Gerechtigkeit: Allen das Gleiche! Dieses Prinzip verlangt nach Diskriminierungsfreiheit für jeden Schüler und gleicher Qualität für alle Bereiche des Schulwesens.

Pädagogisches Handeln muss immer mit faktischer Ungleichheit umgehen. Eine optimale individuelle Förderung für alle wird angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnisse, welche die Einzelnen mitbringen, nicht dadurch zu erreichen sein, dass jedem dasselbe pädagogische Angebot gemacht wird. Das Prinzip egalisierender Gerechtigkeit vermag nicht, alle sozialen Beziehungen im Bildungssystem zu regulieren; es bedarf der Ergänzung um das Prinzip unterscheidender oder proportionaler Gerechtigkeit: Jedem das Seine! – ein Grundsatz, der schon in der römischen Rechtsphilosophie formuliert wurde, auch wenn er im zwanzigsten Jahrhundert in Buchenwald auf übelste Weise pervertiert wurde. Der Lernende muss sich in einer verfassten Gruppe bewähren. „Jedem das Seine!“ meint, jeden Schüler nach seinen Leistungen und Bedürfnissen zu behandeln, zu fördern, aber auch zu fordern.

Beide Prinzipien der Gerechtigkeit – „Allen das Gleiche“ sowie „Jedem das Seine“ – müssen miteinander verbunden werden: in der pädagogischen Praxis wie bei der Gestaltung der strukturellen Rahmenbedingungen im Bildungssystem. Entscheidend bleibt das komplementäre Zusammenspiel von Freiheit und Gleichheit.

Sozialethisch gestaltbar sind allein die „Chancen zur Bildung“. Allerdings bleiben diese abhängig von sozialisatorischen Voraussetzungen und Persönlichkeitsmomenten, die zu einem nicht unwesentlichen Teil immer schon Bildung, nicht allein formale, voraussetzen. Die „Chancen durch Bildung“ entziehen sich jedoch jeder Standardisierung. Denn insoweit das Bildungssystem gleiche Chancen zur Bildung garantieren soll, darf es doch um der Freiheit willen nicht ausschließen, dass die Individuen diese unterschiedlich nutzen. Die Einzelnen sollen in der Schule nicht „gleich gemacht“ werden. Alle sollen aber gleichermaßen in der Lage sein, sich jene Fähigkeiten anzueignen, die für eine selbstbestimmte Lebensführung notwendig sind – und sie sollen die Möglichkeit haben, über den eigenen Lebensweg selbst zu bestimmen, soweit sie andere nicht darin hindern, dies gleichfalls zu tun.

  1. Welcher Maßstab eignet sich für das bildungsethische Urteil?

Bildung ist im Wesentlichen Beziehungsarbeit; die pädagogische Beziehung ist als ein Vertrauensverhältnis anzusehen. Der Heranwachsende muss darauf vertrauen können, dass die Ziele und Inhalte im pädagogischen Tun auch des Lernens und des Verstehens wert sind. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, wie Leben gelingen kann: Wer erzieht, muss sich mit dieser Frage auseinandersetzen – oder er wird die Antwort schuldig bleiben müssen, woraufhin er überhaupt erziehen will. Dies gilt für den Unterricht wie die Erziehungsarbeit im Internat. Der zu Erziehende wiederum wird die Antwort auf diese Frage nicht einfach an den Erzieher delegieren können, wenn er an Freiheit und Verantwortungsfähigkeit gewinnen will. Bildung setzt ein Interesse an der Freiheit des anderen und das Zutrauen in dessen grundsätzliche Werturteilsfähigkeit voraus. Pädagogisches Handeln ist so auszugestalten, dass die Heranwachsenden dabei zunehmend lernen, sich selbst zu vertrauen.

Die normative Auseinandersetzung mit bildungsbezogenen sozialen Praktiken verlangt nach einem Maßstab, der hilft, die Beobachtungen zu ordnen und zu beurteilen. Bildungsgerechtigkeit kann als eine spezifische Ausformung von Beteiligungsgerechtigkeit verstanden werden, auch wenn sich eine Sozialethik der Bildung keinesfalls darin erschöpft. Ohne Bildung wird der Einzelne sich nicht aktiv am sozialen, politischen, rechtlichen, kulturellen oder beruflichen Leben beteiligen können. Dieser Anspruch wird durch zwei, sich wechselseitig bedingende Aspekte bestimmt, und zwar Beitragen und Teilhaben.

Einerseits kann der Einzelne sich als Subjekt nur im sozialen Miteinander verwirklichen und damit in der gemeinsamen Sorge um das Gemeinwohl. Die Möglichkeit, sein Leben aktiv gestalten und etwas zum gemeinsamen Zusammenleben beitragen zu können, ist eine zentrale (wenn auch nicht die einzige) Quelle sozialer Anerkennung und Wertschätzung. Beteiligung umfasst mehr als ein System technokratischer Qualitätsindikatoren.

Andererseits sind die sozialen Institutionen so zu gestalten, dass sie dem Einzelnen die aktive Teilhabe am sozialen Leben auch real ermöglichen – und damit die Beteiligung an jenen Aushandlungsprozessen, in denen das Gemeinwohl immer wieder von neuem gefunden und angestrebt werden muss. Die Fähigkeit, aktiv etwas beitragen zu können, bleibt abhängig von realen Teilhabemöglichkeiten; diese wiederum können auf Dauer nicht ohne ein sie stützendes Ethos gesichert werden, also ohne den gelebten Willen, auch etwas zum Gemeinwohl beizutragen.

Weder darf das individuelle Bedürfnis auf Beteiligung für die Interessen der Gemeinschaft funktionalisiert noch das Gemeinwohl auf individualistische (vielleicht sogar egoistische) Beteiligungsansprüche reduziert werden. Im ersten Fall würden moralische Ansprüche vom Wohlverhalten des Einzelnen abhängig gemacht; im zweiten Fall würde der Aspekt der Beitragsgerechtigkeit auf die gesetzliche Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft reduziert.

Drei Aspekte sind zusammen zu denken, wenn es um bildungsbezogene Beteiligungsansprüche geht. Bildung kann nicht hergestellt, produziert oder zugeteilt werden – sie muss durch Selbsttätigkeit des Einzelnen angeeignet werden. Als soziales Freiheitsrecht garantiert das Recht auf Bildung aber die Beteiligung an unterrichtlichen oder anderen pädagogischen Angeboten, die den Erwerb von Bildung ermöglichen.

Beteiligung durch Bildung ist für die reale Beteiligung am sozialen Leben unverzichtbar. Dabei geht es nicht allein um die Bewältigung funktionaler Herausforderungen, sondern um die Fähigkeit zur eigenständigen Urteilsbildung. Die pluralistische Willensbildung stellt ein notwendiges Grundprinzip des Bildungssystems einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft dar.

Insofern Bildung ein soziales Geschehen ist, kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Die Beziehungen zwischen den einzelnen pädagogischen Akteuren müssen gleichfalls unter Gerechtigkeitsansprüchen gestaltet werden. Dies setzt angemessene Mitbestimmungsmöglichkeiten – oder anders gesagt: Beteiligung in der Bildung – voraus.

Die dreifache Perspektive – Beteiligung an Bildung, durch Bildung und in der Bildung – spiegelt sich auch im Menschenrecht auf Bildung wider. Dessen Gehalt bestimmt sich gleichfalls durch drei Kernbereiche: Recht auf Bildung im engeren Sinne, also den Zugang zu Bildungsangeboten; Recht durch Bildung, also die Befähigung, sich selbst überhaupt als ein soziales Wesen mit Rechten und Pflichten wahrzunehmen; schließlich Rechte in der Bildung, also gesicherte Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Lernenden auf der einen und die Lehrenden auf der anderen Seite.

  1. Welche Rolle kommt dem Internat in bildungsethischer Perspektive zu?

Ein beteiligungsoffenes Bildungssystem, das unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen, Bedürfnissen  und Interessen gerecht werden will, wird mehrere Wege offenhalten, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Zugleich wird jeder erfolgreiche Bildungsschritt unterschiedliche Anschlussmöglichkeiten eröffnen.

Doch wird Beteiligung im Bildungssystem nicht als ein irgendwie von außen herstellbarer Zustand verstanden werden können. Beteiligung meint vielmehr eine der selbstverantwortlichen Aus- und Mitgestaltung aufgegebene Qualität des sozialen Lebens. Beteiligungsmöglichkeiten sind nicht einfach gegeben; sie verändern sich in dem Maße, wie sie genutzt oder auch nicht genutzt werden. Beteiligung ist eine Praxis, für deren Realisierung von Anfang an immer schon Verantwortung übernommen werden muss. Die Beteiligungsmöglichkeiten im Bildungssystem hängen nicht allein von der Schule ab, sondern ergeben sich aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher formaler, nonformaler und informeller Bildungsmöglichkeiten.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Internat? Die Antwort auf diese Frage wird die vorstehend skizzierte Trias von Beteiligung an Bildung, Beteiligung durch Bildung und Beteiligung in der Bildung berücksichtigen müssen.

  • Beteiligung an Bildung

Beteiligung an Bildung wird nicht dadurch erreicht werden können, dass jedem dasselbe pädagogische Angebot gemacht wird. Aufgrund individueller Merkmale, Voraussetzungen oder Bedürfnisse kann es sehr viele Ursachen dafür geben, warum der Einzelne bestimmte Bildungsangebote nicht annehmen kann. Die natürlichen, psychischen, sozialen oder kulturellen Voraussetzungen, welche die Individuen im Bildungsprozess mitbringen, sind äußerst heterogen; hierauf ist pädagogisch und erzieherisch entsprechend differenziert zu reagieren. Die Annehmbarkeit und Adaptierbarkeit von Bildungsangeboten zu verbessern, verlangt nach einem differenziert ausgestalteten Angebot, das verschiedenen Bedürfnissen gerecht wird und Wahlfreiheit ermöglicht.

Eine Funktion der Schule ist ihre Qualifikationsfunktion. Die Heranwachsenden sollen Fähigkeiten erwerben, die sie einmal in die Lage versetzen, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Im beruflichen Schulwesen steht die Ausbildungsfunktion im Hinblick auf ein konkretes Berufsfeld sehr deutlich im Vordergrund, auch wenn sich die Bildungsfunktion der beruflichen Schulen darin keinesfalls erschöpft. Der Erwerb jener Kompetenzen, die für den angestrebten Beruf zentral sind, erfolgt vorrangig durch die wechselseitige Verschränkung von Praxiserfahrung und unterrichtlicher Reflexion. Dieser Prozess des Kompetenzerwerbs ist kein rein äußerlicher Vorgang. Vielmehr erkennt der Einzelne dabei neue Möglichkeiten für sein eigenes Selbst, er wird herausgefordert diese zu werten und nach den sich daraus ergebenden Konsequenzen für sein eigenes Handeln zu fragen. Auf diese Weise entwirft er sich als Träger einer bestimmten Berufsrolle. Im Rahmen dieses Bildungsprozesses wird es zugleich darauf ankommen, weitergehende Anforderungen menschlicher Praxis auf die eigene Berufsrolle hin auszulegen, diese „selbst zu denken“ und so ein eigenständiges professionelles Selbstverständnis zu entwickeln.

Dieser Bildungsprozess wird entscheidend beeinflusst durch das personale Miteinander am Lernort Schule und am Lernort Praxis, aber etwa auch durch den Einfluss beruflicher Vorbilder oder den Umgang mit Gleichaltrigen, die sich in einer ähnlichen Ausbildungssituation befinden. Im beruflichen Wohnheim oder Internat spielt Letzteres eine entscheidende Rolle, nicht zuletzt die gegenseitige Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung oder in belastenden Ausbildungssituationen.

Ein sozialpädagogisch gestaltetes Internat kann helfen, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Lern- und Ausbildungsbiographie zu sichern: etwa durch Gewährleitung einer zumutbaren Entfernung; durch einen geordneten und verlässlichen Alltag; durch gesunde Ernährung und andere Hilfen bei der Alltagsbewältigung; durch eine Gemeinschaft, die Unterstützung bietet und eine sinnvolle, erholsame Freizeitgestaltung ermöglicht; durch eine Umgebung, die Interesse an den notwendigen Ausbildungsanforderungen zeigt und Störungen möglichst minimiert; durch Unterstützung bei den schulischen Anforderungen und Beratung in lebensweltlichen Fragen; durch Vorbilder und neue Lernorte, die helfen können, eigene problematische Lernroutinen zu durchbrechen; durch verlässliche Kontakte und das Einbezogensein in eine aufgabenbestimmte, wertgebundene Gemeinschaft.

Das ausbildungsbegleitende Internat bietet keine sozialpädagogische Rundumbetreuung, schafft aber in bestimmten Fällen erst eine Umgebung, welche das Lernen wieder ermöglicht – die Bandbreite reicht vom begleiteten, langsamen Ablöseprozess aus der Familie in die berufliche Selbständigkeit bis hin zum vollständigen Ortswechsel aufgrund krisenhafter, zerrütteter Familienverhältnisse. Der Übergang zu anderen Formen sozialpädagogischer Unterstützung mag mitunter fließend sein, doch wird beim Internat die Sicherung des Schul- und Ausbildungserfolgs im Vordergrund stehen. Anders als in der Schule kommt dabei die personale Gesamtsituation in den Blick und kann entsprechend gestützt oder verändert werden. Auf diese Weise leistet das Internat bildungsethisch einen nicht zu unterschätzenden, subsidiären Beitrag, die vor- oder außerschulischen Voraussetzungen für die Beteiligung an Unterrichts- und Ausbildungsangeboten zu sichern.

  • Beteiligung durch Bildung

Bildung zielt nicht allein auf funktionales Handeln oder fachspezifische Qualifizierung. Aus dem Gelernten soll eine Haltung werden: Der Einzelne soll in ein Arbeitsverhältnis eintreten und ökonomisch selbständig werden, er soll im Beruf Verantwortung übernehmen und zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung beitragen. Eine Bildungspraxis, die allein auf Anpassung an aktuelle Herausforderungen setzen würde, hätte nicht mehr die Kraft, die gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und die Einzelnen zur gemeinsamen Vorsorge auf eine noch unbekannte Zukunft hin zu befähigen. Hierfür braucht es nicht uniformierte Bewerber, sondern Persönlichkeiten, die Originalität und Einzigartigkeit, Kreativität und Entscheidungsfreude, Mitgefühl und Menschenkenntnis mitbringen.

Der Unterricht kann Handlungsfähigkeiten aufbauen helfen. Bestimmte Bereitschaften im Umgang mit dem Gelernten sind hingegen nicht intentional zu vermitteln. Auch können ethische Fragen im Unterricht nur hypothetisch bearbeitet werden. Ein Unterricht, der normieren wollte, welchen Gebrauch die Einzelnen von ihrer Freiheit machen, wäre übergriffig. Haltungen und sittliche Motive entwickeln sich im gemeinsamen Umgang sowie durch intentionale Erziehungsprozesse.

Internate können als Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften begriffen werden, welche die umfassende Persönlichkeitsbildung der Einzelnen unterstützen. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung strategischer Karrierevorteile; entscheidend bleibt vielmehr eine humane Haltung, die dem Einzelnen etwas zutraut und davon überzeugt ist, dass nur so auch der Gesellschaft am besten gedient ist. Moralische Fragen können sich zum Beispiel aus der gemeinsamen Ausbildungssituation, aus dem gemeinsamen Zusammenleben im Internat, aus der biographischen Übergangssituation oder der sozialpädagogisch-erzieherischen Begleitung ergeben. Persönlichkeitsbildende Kraft besitzen auch die Rituale, Feste und Feiern, die in der Gemeinschaft gepflegt werden. Die Gemeinschaftsstrukturen können in belastenden Lebenssituation stabilisierend wirken und helfen, den notwendigen Alltagsaufgaben gerecht zu werden.

Die Aneignung von Moralität wird nur ohne Gruppenzwang, als Selbstformung des Subjekts gelingen. Die Gemeinschaft hat hier aber eine wichtige unterstützende Aufgabe. In einer Atmosphäre, die geprägt ist durch Achtung vor der persönlichen Freiheit des Einzelnen und gegenseitigen Respekt, kann der Einzelne jenes Zutrauen in sich selbst und jene Verantwortungsfähigkeit entwickeln, die nötig sind, sich aktiv am sozialen Leben in seinen vielfältigen Formen zu beteiligen.

  • Beteiligung in der Bildung

Damit das Leben in Gemeinschaft gelingen kann, ist eine bestimmte soziale Ordnung notwendig. Diese Ordnung wird in der Pädagogik als Disziplin bezeichnet. Diese Ordnung schützt einerseits den Einzelnen vor Übergriffen der Gruppe und garantiert den notwendigen Raum an Privatheit. Umgekehrt schützt die Disziplin die Gruppe vor Eigenmächtigkeiten oder der Verantwortungslosigkeit Einzelner. Disziplin dient also einem bestimmten Zweck und fordert nicht um ihrer selbst willen Beachtung. Daher bleibt es wichtig, dass die soziale Ordnung, die für das gemeinsame Wohnen vorausgesetzt wird, und ihre Regeln einsichtig, nachvollziehbar, öffentlich und funktional sind. Gleiches gilt auch für Sanktionen oder Formen der Konfliktlösung, die zur Durchsetzung einer jeden sozialen Ordnung notwendig sind.

Die Aufrechterhaltung der notwendigen sozialen Ordnung nötigt dem Einzelnen ab, Bedürfnisse möglicherweise aufzuschieben und auf die Verwirklichung spontaner Ansprüche um der Gemeinschaft willen zu verzichten. Gleichfalls bleibt es wichtig, dass die Ansprüche der Einzelnen artikuliert werden können und Berücksichtigung finden. Hierfür bedarf es entsprechender Mitbestimmungsinstrumente, die den Einzelnen die Möglichkeit sichern, an der Praxis der Disziplin mitzuwirken und diese mitzugestalten. Diese sind auf der pädagogischen Ebene im Rahmen der Konzeption wie auf der juristischen Ebene in der Hausordnung abzusichern.

Ein Ort gelebter Mitbestimmung ist etwa die Internats- oder Wohnheimkonferenz. Entsprechende Mitbestimmungsmöglichkeiten im Internatsalltag können eine wichtige Vorbildfunktion für andere Situationen erfüllen. Sie bieten die Chance, in einem pädagogisch begleiteten, geschützten Rahmen sich selbst zu erproben und Fähigkeiten einzuüben, die auch für berufliche oder politische Mitbestimmung wichtig sind.

  1. Zum Abschluss: Beispielhafte Einblicke in das „Junge Wohnen“

Wenn am Ende noch ein paar Einblicke in das eingangs erwähnte „Junge Wohnen“ unserer Fachschule stehen sollen, erhebt dies keinesfalls den Anspruch, die vorstehenden Ansprüche seien hier alle beispielgebend umgesetzt. Vielleicht mögen die vorstehenden Überlegungen aber ein wenig an Anschaulichkeit gewinnen.

Das Internat stand ursprünglich ausschließlich Schülerinnen der Fachschule zur Verfügung, die sich auf einen Abschluss als staatlich anerkannte Erzieherin vorbereiteten. Seit 2013 ist die Fachschule erheblich gewachsen. Neue Ausbildungsformen wie die praxisintegrierte Erzieherausbildung, eine Berufsfachschule für Kinderpflege oder ein Integriertes Studienmodell mit den beiden Hochschulen in Ludwigsburg, der Pädagogischen und der Evangelischen Hochschule, kamen hinzu. Gleichzeitig zeigte sich allerdings eine schwindende Nachfrage nach Internatsplätzen. So entschlossen sich Schulträger und Schulleitung zu zwei Änderungen: Die Betriebserlaubnis wurde von Internat auf Wohnheim umgestellt, der Name in „Junges Wohnen“ geändert. Seitdem steht das Wohnheim jungen Frauen in Ausbildung und Studium bis 27 zur Verfügung. In diesem Fall ist der S-Bahnhof in drei Gehminuten erreichbar. Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ist in der Region Stuttgart weiterhin ungebrochen groß. Daneben stehen nur wenige Wohnheime zur Verfügung, die ausschließlich Studentinnen vorbehalten sind. Der Namenswechsel bewirkte einen deutlichen Imagewandel, sodass die Zahl der schulinternen Bewohnerinnen wieder anstieg.

Die Fachschule geht in ihren Wurzeln auf eine Gründung durch Wilhelmine Canz zurück, die junge Frauen um sich sammelte und 1856 damit begann, erste Lernschwestern in einer Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen auszubilden. Das Lebensmodell der Diakonissen, das jungen Frauen früher Ausbildung und Auskommen ermöglichte, hat sich erfüllt und ist historisch an ein Ende gekommen. Neue Formen von Gemeinschaft sollen den bisherigen Geist der Schwesternschaft auch zukünftig weitertragen. Die konzeptionelle Umgestaltung des früheren Internats ist eingebunden in die damit einhergehende Entwicklung alternativer Wohnformen, die das Gelände des Mutterhauses künftig immer stärker prägen sollen. Neben dem gemeinschaftlichen Wohnen im Mutterhaus gibt es verschiedene Formen, die als „Wohnen mit Anschluss“ beworben werden: „Die Großheppacher Schwesternschaft stellt auf ihrem weitläufigen Gelände interessierten Frauen und Männern Wohnraum zur Verfügung, die eine Wohnform mit Anschluss an gemeinschaftliches und spirituelles Leben suchen.“

Das „Junge Wohnen“ bietet möblierte Einzel- und Doppelzimmer an. Für das gemeinsame Wohnheimleben steht eine Gemeinschaftswohnküche zum gemeinsamen Kochen oder für die Selbstverpflegung zur Verfügung. Frühstück und Mittagessen können im Speisesaal des Mutterhauses eingenommen werden. Auch wenn aufgrund der geänderten Betriebserlaubnis eine pädagogische Begleitung nicht mehr erforderlich ist, hielt der Schulträger daran fest. Die Bewohnerinnen entscheiden selbst, mit wieviel Nähe oder Distanz sie am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Angelegenheiten, die alle angehen, werden in regelmäßigen Wohnheimkonferenzen gemeinsam besprochen. Für die Freizeitgestaltung stehen eine Bibliothek, ein Übungsraum mit Klavier, eine Sauna, ein Rhythmikraum und das große Gartengelände des Mutterhauses zur Verfügung. Gemeinsame Freizeitaktivitäten spielen eine nicht unwichtige Rolle.

In der Konzeption des „Jungen Wohnens“ lautet ein Punkt: Wohnen in guter Gesellschaft – Leben in gegenseitigem Verstehen. Es geht um Respekt vor Unterschiedlichkeit und kultureller Vielfalt auf der einen Seite sowie um Begegnung dem anderen gegenüber auf der Grundlage christlicher Werte mit Offenheit und Wertschätzung. Die Lebens- und Lerngemeinschaft im „Jungen Wohnen“ spiegelt jene kulturelle und religiöse Pluralität wider, wie sie inzwischen auch für die Fachschule typisch ist. Nach der amtlichen Schulstatistik gehören etwas über fünfzig Prozent der Schülerschaft einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Mittlerweile arbeitet das „Junge Wohnen“ auch mit Netzwerkpartnern der Region zusammen, die Wohnraum für junge Fachkräfte aus anderen Ländern suchen, gegenwärtig wohnt beispielsweise eine junge Ärztin aus Mexiko im Haus.

Die Einrichtung ist zertifiziert nach dem Qualitätssiegel „Auswärts zuhause“ des Forums Jugendwohnen, wofür die pädagogische Begleitung eine zentrale Voraussetzung ist, wie es in den „Qualitätsmerkmalen“ heißt: „Soviel Begleitung und Förderung wie nötig und soviel Freiheit und Freiraum wie möglich. Jugendwohnheime sind Orte, an denen soziales, berufliches und außerschulisches Lernen gefördert und aktiv unterstützt wird. Auf die Bedürfnisse der Bewohner/-innen gehen wir im Sinne eines ganzheitlichen Auftrags ein und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Verfügung.“

Der Beratungs- und Unterstützungsbedarf im Rahmen der Ausbildung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie die Erfahrung zeigt. Die Ausbildungssituation stellt immer auch eine Übergangssituation dar, in der bisherige Selbstverständlichkeiten ins Rutschen kommen, Fragen der Selbstfindung oder Neufindung aufbrechen oder Zukunftsängste aufsteigen können. Die pädagogische Leitung des Wohnheims ist neben den Angeboten der Schulseelsorge ein wichtiger Baustein, hierauf zu reagieren. Derzeit wird das Wohnheim durch eine Musikpädagogin mit Zusatzqualifikationen in Tanztherapie, Psychologie und Spiritualität geleitet. Angebote der gemeinschaftlichen oder individuellen Lernbegleitung unterstützen das Lernen im Rahmen der Ausbildung. Eine wichtige Rolle spielen daneben aber auch spirituelle Angebote, Meditationsformen und Stilleübungen auf der einen Seite sowie Elemente theaterpädagogischer Arbeit auf der anderen Seite.

Ein Höhepunkt im vergangenen Schuljahr war die Aufführung des Märchens „Der Vogel in des Königs Brust“, gespielt auf einer Bühne mit mehreren Ebenen, gestaltet durch die komplexe Verknüpfung verschiedener künstlerischer Formen, vom klassischen Theater über Schattentheater und Gesang bis zum Tanz – und alles unter dem Motto: „Mutige Märchen Mädchen performen“. Der auf den ersten Blick nicht ganz einfache Slogan war Programm: Im Rahmen des Theaterprojekts wurden nicht allein musikalisch-rhythmische Fähigkeiten und solche im darstellenden Spiel gefördert, sondern darüber hinaus verschiedene Formen der persönlichen Wahrnehmung. Der gemeinsame Arbeitsprozess bot den Schülerinnen die Möglichkeit, Dinge auszudrücken, über die nicht einfach gesprochen werden kann – vielleicht auch nicht im Rahmen der üblichen pädagogisch-individuellen Beratungs- und Unterstützungsangebote. Es war erstaunlich zu sehen, wie verändert und mit welchem Selbstbewusstsein die Schülerinnen auf der Bühne agierten, mitunter kaum wiederzuerkennen.

Die pädagogische Arbeit im Wohnheim ermöglicht auf diese Weise Erfahrungen und Zugänge, für die im Schulalltag angesichts einer enger werdenden Dienst- und Fachaufsicht – auch und gerade für staatlich anerkannte Ersatzschulen – immer weniger Spielraum bleibt. Zugleich eröffnet sich ein pädagogischer Erfahrungs- und Erprobungsraum jenseits der formalen Anforderungen der Ausbildungs- und Prüfungsordnung und der notwendigen Leistungsbeurteilung. Der Unterricht wird von sozialpädagogischen Erwartungen entlastet. Umgekehrt schafft dieser Freiraum wesentliche Voraussetzungen, die eigenen Fähigkeiten zur Beteiligung – über die unmittelbaren Ausbildungserfordernisse hinaus – zu erweitern und weiterzuentwickeln.

Vielen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit. Ich freue mich auf Fragen oder Anregungen von Ihrer Seite.

 

Verwendete Literatur

Dietrich Benner: Allgemeine Pädagogik. Eine systematisch-problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns, 4. Aufl., Weinheim/München 2001.

Christopher Haep (Hg.): Grundfragen der Internatspädagogik. Theorie und Praxis, Würzburg 2015.

Axel Bernd Kunze: Befähigung zur Freiheit. Beiträge zum Wesen und zur Aufgabe von Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften, München 2013.

Axel Bernd Kunze: Bildungsgerechtigkeit als Beteiligungsgerechtigkeit, in: Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Thomas Gaube (Hgg.): Bildungsgerechtigkeit und Gymnasium (Gymnasium – Bildung – Gesellschaft; 9) Bad Heilbrunn 2017, S. 58 – 77.

Axel Bernd Kunze: Freiheit im Denken und Handeln. Eine pädagogisch-ethische und sozialethische Grundlegung des Rechts auf Bildung (Forum Bildungsethik; 10), Bielefeld 2012.

Volker Ladenthin, Herbert Fitzek, Michael Ley, Verband Katholischer Internate und Tagesinternate (V.K.I.T.) e. V. (Hgg.): Das Internat. Struktur und Zukunft. Ein Handbuch, Würzburg 2009.

Andreas Poenitsch: Bildung – Menschenrecht – Reformpolitik. Überlegungen zu deren Verhältnis, in: Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Bildung, Politik und Menschenrecht. Ein ethischer Diskurs (Forum Bildungsethik; 6), Bielefeld 2009, S. 17 – 32.

Ivo Züchner, Katrin Peyerl, Lisa-Marie Siegfried: Internate in Deutschland. Annäherungen an ein heterogenes Feld, in: Zeitschrift für Pädagogik 64 (2018), H. 4, S. 417 – 440.

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Vortrag im Bonner Museum König: Rote Fahnen, bunte Bänder

Der Vortrag wurde am 20. Oktober 2018 im Bonner Museum König anlässlich der deutschen Studentenhistorikertagung gehalten. Eine überarbeitete Fassung wird in der Reihe „Beiträge zur deutschen Studentengeschichte“ erscheinen.

 

Teil I: Was sind politische Parteien?

Wie haben sich die Parteien historisch entwickelt?

Der Begriff „Partei“ entwickelte sich im frühen Mittelalter – vorrangig als Rechtsbegriff – aus dem lateinischen „pars“, vor allem gebraucht im Sinne von Streit- oder Prozesspartei. Erinnert sei an den bereits in der Antike formulierten Rechtsgrundsatz: „audiatur et altera pars“. In dieser Wortherkunft klingen die beiden Bezugspunkte an, die im Parteienbegriff bis heute mitschwingen: Teil und Ganzheit. Parteiengeist wurde schon früh mit Spaltung, Zersplitterung, Uneinigkeit und Eigennutz in Verbindung gebracht. Die deutsche Parteiengeschichte kennt die beständige Kritik am zersplitterten Parteienstaat, aber auch das Gegenstück: eine quasireligiöse Überhöhung der Partei als „Mutter der Massen“. Die Wurzeln der Parteienkritik reichen – so z. B. der Parteienforscher Peter Lösche – weit zurück bis in die „konfessionellen, landsmannschaftlich-territorialen, ständischen, sozialen und wirtschaftlichen Spaltungen […] seit der Reformation des 16. Jahrhunderts“.

In einem weiten Sinne politischer Gruppenbildung hat es bereits in der Vormoderne „Parteien“ gegeben, z. B. rivalisierende Gruppen bei Hofe oder in Stadtrepubliken, Geheimgesellschaften, verwandtschaftliche oder konfessionelle Faktionen in Dörfern und Städten. Diese informellen Zusammenschlüsse spielten allerdings keine anerkannte Rolle bei der Besetzung politischer Ämter. Im konfessionellen Zeitalter entstand der Begriff der Religionspartei, der seit dem Westfälischen Frieden zur Bezeichnung der reichsrechtlich anerkannten Konfessionen verwendet wurde. Politische Parteien im heutigen Sinne sind ein Kind der modernen Demokratiebewegung und des Parlamentarismus. In Deutschland schlug ihre Geburtsstunde im Vorfeld der Märzrevolution von 1848. Bereits in dieser Zeit entwickelten sich die großen weltanschaulichen Strömungen, die bis heute im Parteiensystem erkennbar sind.

Das Grundgesetz räumt den Parteien erstmals in der deutschen Geschichte einen verfassungsmäßigen Rang ein und würdigt positiv ihre Rolle im Prozess der politischen Willensbildung. Parteien sind eine hybride Organisationsform des Dritten Sektors: Sie spielen eine intermediäre Rolle zwischen Gesellschaft und Staat. Es handelt sich um Zusammenschlüsse von Bürgern, die sich zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele zusammengeschlossen haben. Die Mitgliedschaft in ihnen ist freiwillig. Faktisch besitzen die Parteien in Deutschland ein Monopol bei der Aufstellung von Kandidaten für öffentliche Ämter und Mandate.

Stecken die Parteien in der Krise?

Gegenwärtig sind Auszehrungserscheinungen der Parteien nicht mehr zu übersehen. Die traditionellen Milieubindungen werden schwächer, die Zahl der Aktiven sinkt, und das mitunter recht deutliche Vereinsimage der örtlichen Parteigliederungen ist für jüngere politisch Interessierte kaum noch attraktiv. Parteiarbeit ist mühsam, verlangt Durchhaltevermögen, setzt auf lokale Verankerung sowie kommunalpolitisches Interesse und beansprucht ein hohes Maß an disponibler Zeit.

Schon 1989, aber wenig beachtet, hat der niederländische Soziologe Abram de Swaan auf eine Entwicklung in den westlichen Staaten hingewiesen, die sich der Bildungsexpansion der Nachkriegszeit verdanke und die politischen Beteiligungsmöglichkeiten erheblich verändert habe: Entstanden sei „eine Schicht von wissenschaftlichen Fachleuten und Staatsbeamten […], deren berufliches Fortkommen von kollektiven Einrichtungen abhing. […] Die Akademikergruppen knüpften nicht allein enge Bindungen zum Staatsapparat, sondern unterwarfen weite Teile der Bevölkerung ihrem ‚Regiment‘ – formten sie als Klientel“. Die Debatte verlagere sich zugunsten der Herrschaft von Expertenregimes, die sich politischer Mitsprache entzögen: „Die Klientel der staatsbezogenen Experten ist also überwiegend ein virtueller Kreis geblieben, den Akademiker, Bürokraten und Politiker definieren.“ Die Forderungen der Betroffenen, wenn sie sich überhaupt in Parteien, Gewerkschaften oder Verbänden artikulieren, gehen in „einem Wust sonstiger Forderungen“ unter.

In radikaler Form wird die Kritik an einer hermetisch abgeschlossenen Parteiendemokratie, die keine echten Beteiligungsmöglichkeiten mehr bietet, derzeit vom postdemokratischen Diskurs aufgegriffen, der mit Beginn des neuen Jahrtausends entstanden ist. Einer seiner Vordenker, Colin Crouch, spricht in seinem Bändchen „Postdemokratie“, von Langeweile, Frustration und Desillusionierung, die sich ausbreiten würden: „Alle Parteien mußten erfahren, daß sie dadurch verwundbar werden. Diese Entwicklung steckt hinter vielen der Korruptionsskandale, die Parteien jeder Couleur in allen Industriestaaten in Mitleidenschaft gezogen haben. Sobald die Vorstellung davon, was den öffentlichen Dienst auszeichnet, der Lächerlichkeit und dem Zynismus preisgegeben und das persönliche Profitstreben zum höchsten Ziel des Menschen stilisiert worden ist, muß man damit rechnen, daß Politiker, Berater und andere es für einen wichtigen und gänzlich legitimen Aspekt ihrer Beteiligung am politischen Leben halten, Einfluß gewinnbringend zu verkaufen.“ Zwar überlebten die formalen Merkmale der Demokratie, doch verlagerten sich die Arenen der politischen Entscheidung: Nicht mehr der Bürger, sondern Interessengruppen hätten das Sagen. Die Wahlbürger würden durch professionelles „change management“ gelenkt; die Politiker imitierten die Regeln des Showbusiness und Marketing.

In der Folge verändere sich die Organisationsstruktur der Partei: Diese bilde nicht mehr ein Modell konzentrischer Kreise, dessen innerer Zirkel durch die Führungsspitze gebildet wird, um den sich dann die weiteren Kreise der professionellen Aktivisten, ehrenamtlichen Funktionäre und Partei­mitglieder ziehen. Ausweiten würden sich die Berater- und Lobbyistenzirkel im Umfeld der führen­den Politiker. Im Zuge der Massenakademisierung dürfte der intermediäre öffentliche Bereich weiter an Einfluss gewinnen. Es entstehe eine Ellipse aus politischen Entscheidungsträgern und Beratern.

Haben sich die Parteien somit überholt?

Parteien sind in erster Linie freie Zusammenschlüsse von Bürgern zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele. Ihre Ausschaltung wäre nur um den Preis der Freiheit möglich.

Dieser Überzeugung gab zu Beginn der Moderne James Madison im zehnten Artikel der „Federalist Papers“ an prominenter Stelle und auf klassische Weise Ausdruck. Die Zeitungsserie gilt als erster Verfassungskommentar der USA. Madison schrieb damals: „Der Einsatz für religiöse, politische und andere Überzeugungen in Wort und Tat, die Bindung an verschiedene politische Führer, die voller Ehrgeiz um Vorherrschaft und Macht ringen, oder an andere Persönlichkeiten, deren Schicksal die menschlichen Leidenschaften erregt haben – all dies hat die Menschheit immer wieder in Parteien gespalten, sie mit Feindseligkeit gegeneinander erfüllt und sie dazu gebracht, einander eher zu peinigen und zu unterdrücken als um des gemeinsamen Wohls willen zusammenzuarbeiten.“

Die Einschätzung ist deutlich: Parteiungen sind ein Übel. Doch ist Madison davon überzeugt, dass es unter den Menschen immer unterschiedliche Meinungen und Leidenschaften geben werde, solange der Mensch seine Freiheit gebraucht. Keiner Regierung sei es erlaubt, eine Gleichheit an Interessen vorzuschreiben oder gar durchzusetzen: „Freiheit ist für Parteiungen, was die Luft für das Feuer ist; die Nahrung, ohne die es augenblicklich erlischt.“ Im freiheitlichen Gemeinwesen könne es nicht darum gehen, die Ursachen von Partei­ungen zu beseitigen, sondern allein über „Mittel zur Kontrolle ihrer Wirkungen“ nachzudenken.

Parteien sind in der repräsentativen Demokratie in erster Linie weltanschauliche, wertorientierte Gruppierungen mit einem politischen Gesamtprogramm und nicht bloße Interessenverbände. Die Parteien bilden einen wichtigen Transmissionsriemen zwischen gesellschaftlicher und politischer Willensbildung. Ihnen obliegt die Aufgabe, gesellschaftliche Interessen auszuhandeln, zu durchsetzungsfähigen Programmen zu bündeln und getroffene Entscheidungen nachträglich kommunikativ zu vermitteln.

Teil II: Mehr Gemeinsamkeiten als gedacht – Studentische Verbindungen und Parteien

Das deutsche Korporationsstudententum verdankt sich der nach staatlicher Einheit und Freiheit strebenden Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts, die sich als Antwort auf Napoleon unter Studenten formierte. Als Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften von Studenten und Alten Herren mit Studienabschluss fördern diese unter ihren Mitgliedern ein akademisches Bildungsideal und sittliches Verantwortungsgefühl. Studentische Korporationen haben keinen parteipolitischen Auftrag. Doch vermitteln sie ihren Mitgliedern gehaltvolle soziale Erfahrungen und bieten dem jungen Studenten Hilfestellung, diese geistig zu verarbeiten. Auf diese Weise vermitteln studentische Korporationen wichtige Bildungs- und Sozialisationserfahrungen, die für politisches Engagement fruchtbar gemacht werden können. In ihnen lernen junge Menschen beispielsweise Verantwortungsgefühl, Organisationstalent, Gesprächs- und Diskussionsfähigkeit, Kompromissfähigkeit und Zusammenhalt. Dabei geht es um mehr als funktionales Wissen oder formale Fähigkeiten. Es geht um Vermittlung eines geistigen Orientierungswissens, um Gemeinwohlbindung und um den Aufbau einer sittlichen Haltung, die daran interessiert ist, die Selbstbestimmung des anderen zu fördern und seine Freiheit zu stärken. In studentischen Korporationen geschieht dies in der schöpferischen Auseinandersetzung mit Werten und Traditionen, durch die Einübung von Regeln, das Ringen um gemeinsame Überzeugungen und durch Einbindung in eine konkrete Verantwortungsgemeinschaft, die ein Leben lang trägt. Dies geschieht im Rahmen basisdemokratischer Entscheidungen; in den Conventen studentischer Verbindungen wurde eine demokratische Kultur der Willensbildung und Entscheidungsfindung schon lange vor Einführung der Demokratie als Staatsform praktiziert.

Dies alles mag für viele Zeitgenossen (nicht in unserem Kreis) antiquiert klingen, ist aber äußerst aktuell. Denn eine Politik, der die Bindung an ein tragfähiges Orientierungswissen verloren geht, wird insgesamt schnelllebiger, sprunghafter und unberechenbarer, ausgerichtet an medialen Stimmungen und kurzatmigen Umfragetrends. Aktuelle Beispiele gibt es in der Politik zuhauf. Der politische „Pragmatiker des Augenblicks“, der seine Entscheidungen nur noch an momentanen, medial beherrschten Stimmungen ausrichtet und auch noch in immer kürzeren Abständen revidiert – alles frei nach dem Motto: „Hier stehe ich, ich kann auch jederzeit anders“ –, verspielt das Zutrauen in seine Kompetenz und schränkt seine eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielräume dadurch selbst ein. Politische Durchsetzungsfähigkeit hängt nicht nur von der richtigen Strategie und Taktik ab, so wichtig beide für das Durchsetzen von Interessen und das Herstellen hierfür notwendiger Mehrheiten auch sind. Der nicht selten beklagte Vertrauensverlust in die Steuerungsfähigkeit und Problemlösekompetenz der politischen Akteure zeigt die Auswirkungen einer Politik, der langfristige Orientierungen verloren zu gehen scheinen.

Politische Parteien könnten von den Erfahrungen, dem Engagement und dem Orientierungswissen ihrer korporierten Mitglieder profitieren. Überdies zeigen sich bei genauerem Hinsehen deutliche Parallelen zwischen Parteien und Verbindungen. Die Mitgliederpartei vermittelt wichtige politische Sozialisationserfahrungen. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen technischer und strategischer Politikfähigkeiten, sondern auch um die Weitergabe gemeinsam geteilter Traditionen und politischer Werte. Diese bestimmen das sozialethische Urteilen und Handeln der Parteimitglieder. So garantieren Parteien dem politischen Prozess über den Weg kollektiver Selbstregulierung ein bestimmtes Maß an Wertebindung und die kontinuierliche Weitergabe „kollektiv gespeicherter“ Erfahrungen. Dem kulturethischen Wissen, das die Parteien vermitteln, kommt eine nicht zu unterschätzende kulturstaatliche Orientierungsfunktion zu: Erst auf Basis einer solchen Wertgrundlage wird die Politik zu nachhaltigen Entscheidungen fähig und ist eine verlässliche Organisation des politischen Prozesses möglich.

In der SPD gründet dieses Bedeutung in der Bindung an eine mehr als hundertfünfzigjährige Geschichte, in welcher sich die Partei – nicht selten gegen harte Widerstände – für den Aufbau einer starken sozialen Demokratie eingesetzt hat. Verpflichtet sieht sich die SPD den Werten des Demokratischen Sozialismus: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Diese Werte müssen sich nach außen sich im Einsatz für den demokratischen Rechts- und Sozialstaat bewähren. Verstehen sich studentische Korporationen als ein generationenübergreifender Lebensbund, hat sich die SPD von ihren Anfängen her gleichfalls als eine starke Gemeinschaft Gleichgesinnter verstanden. Sichtbarer Ausdruck hierfür ist, dass sich Sozialdemokraten gegenseitig als Genossen anreden und – wie Bundesbrüder – einen Duzcomment pflegen.  Die politischen Werte, für welche die Partei steht, sollten sich auch in innerparteilicher Solidarität, im Einstehen für die gemeinsamen Überzeugungen und in einem lebendigen Parteileben zeigen.

Teil III: Korporierte Genossen

Das Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und studentischen Korporationen ist nicht immer einfach gewesen – bis heute. Doch gab es seit Gründung der SPD zu allen Zeiten zahlreiche korporierte Genossen, berühmte und weniger berühmte, die couleurstudentisches und parteipolitisches Engagement miteinander verbanden. An erster Stelle ist hier Ferdinand Lassalle, der Gründer der deutschen Sozialdemokratie, zu nennen. In nicht wenigen Fällen wird man sogar sagen können, dass die gemeinsame Korporations- und Parteizugehörigkeit mehr als Zufall war, sondern vielmehr eine Quelle gegenseitiger Inspiration bedeutete. Auch dies gilt bis heute, wie der 2006 gegründete Lassalle-Kreis als Netzwerk korporierter Sozialdemokraten deutlich macht. Stellvertretend soll mit dem Band an verstorbene korporierte Sozialdemokraten erinnert werden: an ihr Leben und Wirken, an ihre politischen Leistungen und ihr gesellschaftliches Engagement.

Die getroffene Auswahl versammelt korporierte Genossen von den Anfängen der Partei bis in die Gegenwart, vom Vormärz und das Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis zur Bundesrepublik und dem wiedervereinigten Deutschland. Die vorgestellten Genossen waren auf Reichs- oder Bundesebene, in der Landes- oder Kommunalpolitik aktiv; einige von ihnen waren maßgeblich am Aufbau der ersten deutschen Republik von Weimar oder am Wiederaufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt. Einige mussten den Einsatz für ihre politischen Überzeugung und ihren Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrecht – wie Willy Aron und Adolf Reichwein – mit ihrem Leben bezahlen.

Die gesammelten Lebensbilder repräsentieren überdies unterschiedliche Strömungen und Flügel innerhalb der Partei. In ihnen zeigen sich unterschiedliche persönliche Motive oder Lebenserfahrungen, die dazu geführt haben, warum jemand zur Sozialdemokratie gestoßen ist. Die Portraits zeigen zugleich, auf welch unterschiedliche Weise die Einzelnen ihre Partei- und Korporationszugehörigkeit mit dem Eintreten für weitere gesellschaftliche oder kirchliche Anliegen verbunden haben. Unterschiedlich sind auch die Berufe der korporierten Genossen, die der Band vorstellt. Neben Sozialdemokraten, die ihr berufliches Leben vollständig der Politik widmeten, begegnen zum Beispiel Journalisten, Juristen, Manager, Pädagogen oder Wissenschaftler.

Nicht verschwiegen werden soll, dass es auch immer wieder zu unüberbrückbaren Konflikten kam, die dazu führten, dass die jeweiligen Betroffenen sich entweder von ihrer Verbindung oder von der SPD trennten. In manchen Fällen lagen der Trennung konkrete Konflikte im Verhältnis zwischen SPD und Verbindungen zugrunde, in anderen Fällen hatte man sich einfach auseinander entwickelt, sei es im persönlichen Verhältnis zur eigenen Korporation oder im gemeinsamen Verständnis sozialdemokratischer Politik. Der Band konzentriert sich auf Genossen, die Zeit ihres Lebens sowohl der SPD als auch ihrer Verbindung die Treue hielten, halten konnten und halten durften. Daher fehlen im Band dann aber auch solche Namen wie Rudolf Breitscheid oder Ernst Reuter.

Nicht zuletzt zeigt sich in den zusammengetragenen Lebensbildern die Vielgestaltigkeit des deutschen Couleurstudentums. Die korporierten Genossen waren Corpsstudenten oder Burschenschafter, Angehöriger paritätischer – jüdisch geprägter – oder christlicher Verbindungen. Am Beispiel Adolf Reichwein zeigt sich, wie der Eintritt in eine Studentenverbindung auch aus der Jugendbewegung erwachsen konnte.

Eines kann das Buch im Letzten aber nicht beantworten (der Rezensent in der F.A.Z. hatte dies als Manko des Bandes angemerkt) – hier wären tiefergehende Forschungen, beispielsweise im Rahmen einer Qualifikationsarbeit notwendig: Wie hat sich die Korporationszugehörigkeit letztlich auf das parteipolitische Engagement ausgewirkt? Welchen Ausschlag hat die korporative Prägung bei politischen Schlüsselentscheidungen gespielt? Aber selbst bei aufwendiger Recherche wäre es vermutlich nicht möglich, diese Frage aufgrund der Quellenlage befriedigend zu beantworten.

Die Lebensbilder sind auf Anregung des früheren Vorsitzenden des Lassalle-Kreises, Alexander Stintzing, über mehrere Jahre hinweg zunächst für die Rubrik „Korporierte Genossen“ auf den Internetseiten des Lassalle-Kreises entstanden. Eine erste, noch deutlich kleinere Zusammenstellung wurde 2010 anlässlich der Lassalle-Tagung in Tübingen in Manuskriptform an die eigenen Mitglieder herausgegeben. Eine Erweiterung ist geplant, zumindest in der Onlinefassung.

Teil IV: Ein Lebensbeispiel – Willy Aron

Politischer Werdegang

„Wenn man heute in Bamberg der Opfer des Nazismus gedenkt, dann ist an erster Stelle ein Name zu nennen – Willy Aron. Er war der erste Bamberger, der im Kz. Dachau sein Leben für Recht und Freiheit lassen mußte.“ (so Stadtrat Georg Grosch, 1947) – Willy Aron, Sohn des jüdischen Justizrates Albert Aron und dessen Frau Berta (beide starben später ebenfalls im Konzentrationslager), engagierte sich in der jüdischen und sozialistischen Jugendbewegung. Nicht zuletzt die Nationalsozialisten verspotteten Aron, der auch als Student und Justizreferendar ein aktiver Funktionär der Bamberger SAJ blieb, als  „Stehkragenproletarier“. Er hielt Bildungsveranstaltungen, nahm an Wanderungen und Jugendtagen teil.

Schon früh geriet der kämpferische Jungsozialist ins Visier der Nationalsozialisten. Hierzu beigetragen hatte nicht zuletzt, dass Aron im Prozess um die sogenannte „Schlacht am Schillerplatz“, eine von den Nazis am 31. Juli 1932 initiierte Massenschlägerei, die Verteidigung mehrerer Sozialdemokraten übernommen hatte.

Ob seine Führungstätigkeit innerhalb des Bamberger Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold oder seine Äußerung, die Nationalsozialisten hätten den Reichstag selbst in Brand gesteckt, den äußeren Anlass für seine frühe Verhaftung gab, ist umstritten. Auf jeden Fall gehört Willy Aron, den die Nazis einen „Roten Hund“ nannten, in Bamberg zu den Ersten, die das neue Regime am 10. März 1933 aus politischen Gründen in „Schutzhaft“ nehmen ließ, wie es verschleiernd in der Sprache der Nazis hieß. Im Konzentrationslager Dachau, wo er am 15. Mai, eintraf, wurde Aron, der durch seine Körpergröße und seine roten Haare auffiel, auf äußerst brutale Weise misshandelt. Zeugen berichteten später, dass dem bereits Fieberwahnsinnigen immer wieder von neuem auf die eiternden Wunden geschlagen wurde.

Die SS, deren Macht zu dieser Zeit noch nicht hinreichend gefestigt war, versuchte, den Mord an Aron zu vertuschen, und befürchtete, er könnte zum jüdischen Märtyrer werden. Als der Sarg in Bamberg eintraf, durfte er bis zur Beisetzung am 22. Mai nicht mehr geöffnet werden. Im März 1948 begann die strafrechtliche Verfolgung des Falles. Die Täter, die bis zum Schluss kein Schuldgefühl aufbrachten, kamen mit vergleichsweise harmlosen Strafen davon; einer von ihnen beging 1964 Selbstmord.

Andreas Dornheim spricht in seiner Biographie über Aron davon, „dass viele Nationalsozialisten zumindest ahnten, dass sie mit Wilhelm Aron nicht nur einen unschuldigen, sondern auch einen begabten Menschen mit einem gewissen Charisma umgebracht haben“. Schon kurz nach dem Krieg beginnt die öffentliche Erinnerung an Aron, auch dank des publizistischen Einsatzes Thomas Dehlers. Heute erinnern in seiner Heimatstadt die nach ihm benannte Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V., drei „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig (vor dem Anwesen Luitpoldstraße 32) und eine Aronstraße an ihn und seine Familie. Willy Arons Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Bamberg.

Akademischer Werdegang

Willy Aron begann sein Studium im Mai 1925 in Erlangen, wechselte aber, vielleicht wegen des latent antisemitischen Klimas dort, nach nur einem Semester nach Würzburg. Hier wurde er, den sie wegen seiner politischen Auffassung mit Spitznamen „Ilja Andrewitsch“ riefen, Waffenstudent des paritätischen Burschenbundes Wirceburgia.

Die Reception zum Burschen erfolgte nach zwei genügenden Bestimmungsmensuren auf dem Semesterantrittsconvent im Sommer 1926. Sein Leibfuchs Günther Berger berichtete später: „Mir wurde mein Leibbursch ein wertvoller Freund im Gedankenaustausch. Im Zweifel hätte ich mit einem anderen Leibburschen nur über Banalitäten sprechen können.“

Im folgenden Semester wurde Aron zum Zweitchargierten und damit zum Fechtwart gewählt. Als der Semesterabschlussconvent den als still, schlank und sportlich beschriebenen Burschen aus seiner Charge entließ, wurde ihm sofort die Klammerung gestattet. Zeitgleich ließ Aron sich inaktivieren, da er das Sommersemester 1927 in München verbringen will. Dort wurde er Verkehrsgast des Burschenbundes Südmark. Als Aron im Wintersemester 1927/28 nach Würzburg zurückkehrte, erhielt er die Aufgabe des Fuchsmajors übertragen.

Trieb ein Bundesbruder seinen Ulk mit Aron, ließ dieser so etwas keinesfalls einfach auf sich sitzen. Der Studentenhistoriker Thomas Schindler schreibt Aron die Fähigkeit zur Selbstironie zu. So zeichnete er zum 45. Stiftungsfest seiner Wirceburgia (1930) das Liederheft seines Bundesbruders Hellmann hinter seinem Namen nicht nur mit Zirkel (unter Weglassung der Klammer), sondern auch mit der zweimaligen Wiederholung seines Nachnamens – einmal auf Griechisch, einmal auf Hebräisch.

Ab dem 4. März 1930 war Aron wieder dauerhaft in Bamberg ansässig. Ursprünglich preußischer Staatsbürger, war ihm erst Anfang April 1929 im Hinblick auf das erste juristische Staatsexamen die bayerische Staatsbürgerschaft verliehen worden; mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten zerschlugen sich alle Hoffnungen auf eine spätere Beamtenlaufbahn. Sein mutiges politisches Engagement sollte Willy Aron bereits kurz danach mit seinem Leben bezahlen. Das Haus seiner Wirceburgia wurde in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1933 von einem SA-Trupp gestürmt. Willy Aron war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Das Bamberger Volksblatt schloss am 23. Mai 1933 die Notiz über sein Begräbnis mit den Worten: „An der offenen Gruft sprach ein Bundesbruder des Toten herzliche Worte des Abschiedes.“

 

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute, Bonn 2016.

„Erziehen als Beruf“ – Überlegungen zu einem pädagogischen Grundbegriff

Heute werden Sie Ihre staatliche Anerkennung als Kinderpflegerin oder Kinderpfleger, Erzieherin oder Erzieher mit nach Hause nehmen können – und damit endgültig den Schritt in die berufliche Selbständigkeit vollziehen: Sie werden Erziehen zu Ihrem Beruf machen.

Von Erziehung sprechen wir nicht allein, wenn es um die professionelle Arbeit in Kindertageseinrichtungen geht. Auch in der politischen und öffentlichen Debatte kommt der Begriff häufig vor:  „Erziehung 2.0 – Wie Eltern alles richtig machen“ hieß eine Ausgabe der Wissenschaftssendung „Quarks“. „Warum der Wunsch nach konsequenter Erziehung oft scheitert“, titelte das Magazin „Focus“. „Mehr Mut zur Erziehung“, forderte vor einigen Jahren der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann von den Eltern hierzulande. Diese und ähnliche Forderungen sind genauso allgegenwärtig wie bekannt.

Je häufiger Begriffe verwendet werden, desto mehr wächst die Gefahr, dass diese konturlos werden. Jeder von uns bringt ein Vorverständnis von „Erziehung“ mit. Und doch fällt es oft schwer, auf den Punkt zu bringen, was damit gemeint ist. Dieser Frage möchte ich im Folgenden ein wenig nachgehen.

 

Das folgende Beispiel, das ich Ihnen gleich vorstellen möchte, ist, wie bei Fallbeispielen nicht selten, konstruiert – das werden Sie sicher schnell merken. Es greift den Erziehungsbegriff Wolfgang Brezinkas auf. Der 1928 geborene Erziehungswissenschaftler lehrte in Würzburg, Innsbruck und Konstanz. Sein Anspruch bestand darin, aus dem breiten Spektrum an Erziehungsvorstellungen jene beschreibenden Merkmale von Erziehung herauszufiltern, die es erlauben, diesen Grundbegriff der Pädagogik wissenschaftlich präzise zu fassen. Nicht zuletzt sollte die Frontstellung jener beiden Grundvorstellungen von Erziehung überwunden werden, die sich nahezu durch die gesamte Pädagogikgeschichte zieht: Einmal wird Erziehung als ein „herstellendes Machen“ verstanden; der Erzieher wird dabei als eine Art „Handwerker“ gedacht. Das andere Mal geht es um ein „Wachsenlassen“ unter der Pflege und Obhut des Erziehers; dieser erscheint dabei wie ein „Gärtner“.

Merkmalskataloge, die einen Fachbegriff präzisieren wollen, ziehen zugleich eine Grenze und scheiden andere Phänomene aus, auf welche die betreffenden Merkmale eben nicht zutreffen. Was das vorliegende Fallbeispiel ausdrücklich nicht erfasst, sind Formen funktionaler oder informeller Erziehung, beispielsweise durch Medien, herrschende gesellschaftliche Standards oder gesellschaftlich relevante Vorbilder. In diesem Fall wird auch von sogenannten „heimlichen Miterziehern“ gesprochen, deren Einfluss auf die Heranwachsenden nicht unmittelbar erkennbar ist. Personen mit starker Fernsehpräsenz etwa – beispielsweise Sportler, Stars oder häufige Talkshowgäste – können einen Einfluss auf andere ausüben, etwa über ihre Vorbildwirkung, ihren Lebensstil, den sie propagieren, oder die Meinung, die sie vertreten. Eine erzieherische Wirkung wird hier nicht zu leugnen sein, diese erfolgt allerdings indirekt, nicht planmäßig und ohne bewusste pädagogische Absicht.

Genug der Vorrede – stellen Sie sich bitte folgende Situation vor:

Der dreizehnjährige Tobias hat über seine Clique in der Schule angefangen zu rauchen, worüber seine Eltern nicht besonders glücklich sind. Zuhause sprechen sie mit ihm über die Gefahren des Rauchens und bitten ihn, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie machen ihm sogar ein Angebot: Wenn er sofort aufhört, wird die Familie im Sommer den von Tobias so sehr gewünschten Kanuurlaub in Schweden machen.

Welche Merkmale von Erziehung lassen sich aus dem Beispiel ableiten?

Bei Erziehung geht es um eine soziale Interaktion zwischen Menschen, in der ein oder mehrere Erzieher [hier: die Eltern] im Idealfall planvoll mittels sozialer Handlungen [in diesem Fall: Gespräch, Aufklärung, Angebot] und zielgerichtet versuchen, beim zu Erziehenden [hier: Tobias] unter Berücksichtigung von dessen menschlicher Eigenart [in diesem Fall: seiner Kanubegeisterung] ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Haltung möglichst dauerhaft zu erreichen, zu verstärken oder zu beseitigen.

 

Schauen wir uns die genannten Merkmale eines Erziehungsprozesses noch etwas näher an:

  1. Erziehungsprozessen liegt eine pädagogische Beziehung zwischen Menschen zugrunde. Es geht nicht um anonyme oder abstrakte gesellschaftliche Einflüsse.
  2. Erziehung ist ein soziales Geschehen. Es geht um ein Handeln, das auf andere bezogen ist. Ein solches Handeln ist zielgerichtet und planvoll. Der Erziehende ist sich seines erziehenden Handelns bewusst. Die erzieherische Situation wird arrangiert, hier etwa dadurch, dass die Eltern gezielt das Gespräch mit Tobias suchen.
  3. Unweigerlich werden die eigenen Vorstellungen des Erziehers, die dieser immer schon mitbringt, den Erziehungsprozess mehr oder weniger beeinflussen. Die beteiligten Personen agieren in ganz bestimmten Rollen. Diese Rollen sind sozial definiert und mit bestimmten Erwartungen belegt – das heißt: Es bestehen bestimmte gesellschaftliche, politische oder anderweitige Erwartungen, welche Aufgaben Eltern, Erzieher, Kinder, Schüler, Auszubildende usw. erfüllen und wie sie sich verhalten sollten.
  4. Dabei besteht zwischen dem Erzieher und dem zu Erziehenden ein Wissens-, Erfahrungs- und Verantwortungsgefälle. Allerdings folgt aus dieser Differenz kein direktes Befehlshandeln; dann hätten wir es mit einem Herrschafts-, Macht- und Befehlsverhältnis statt mit einem Erziehungsverhältnis zu tun. Vielmehr geht es darum, durch die erzieherische Handlung dieses Gefälle abzubauen. Der andere soll am eigenen Wissens- und Erfahrungsvorsprung teilhaben; auf diese Weise soll ein eigenständiges Urteil wachsen und ein Erfahrungsgewinn ermöglicht werden.
  5. Erzieher suchen, ein bestimmtes Erziehungsziel zu erreichen. Das heißt aber zugleich: Erziehung kann auch fehlgehen oder scheitern.
  6. Bei den Erziehungszielen kann noch einmal zwischen direkten und indirekten Zielen unterschieden werden. Das direkte Ziel – Tobias soll nicht mehr rauchen – ist mit indirekten Zielen verbunden. In diesem Fall etwa: Tobias soll lernen, sich vom Druck seiner Clique unabhängig zu machen und selber zu entscheiden, was gut und richtig für ihn ist.
  7. Es geht um eine Änderung im Verhalten oder um eine Veränderung von Kenntnissen, Haltungen, Einstellungen oder Interessen des Heranwachsenden, die nicht flüchtig, nur zeitweilig oder zufällig zustande kommt, sondern möglichst dauerhaft ist.
  8. Ein Verhalten oder eine Einstellung soll verändert, verstärkt oder beseitigt werden. Dies setzt auf Seiten des Erziehers eine Zielvorstellung und eine Wertvorentscheidung voraus. In diesem Sinne ist Erziehung immer normativ – aber sie darf nicht normierend sein, indem der Erzieher das Kind auf seine eigene Vorstellungen festnagelt. Erziehung zielt auf Freiheit und Mündigkeit – und will sich im Letzten selbst überflüssig machen. Dabei müssen Erzieher auch aushalten können, dass sich die zu Erziehenden für ihr Leben auch einmal andere Ziele suchen und andere Vorstellungen entwickeln.

Jeder theoretische Zugang hat seine Grenzen – das gilt auch hier: Der zu Erziehende erscheint im vorliegenden Beispiel fast als Objekt, das nach den Vorstellungen der zu Erziehenden geformt werden kann. Individueller Eigensinn oder eine Widerständigkeit des Subjekts haben wenig Platz. Der gesellschaftlich-politische Kontext, der die Vorstellungen von Erziehung und das erzieherische Handeln beeinflusst, kommt nicht zur Sprache. Und schließlich ist der Erziehungsbegriff in diesem Fall sehr allgemein gehalten und zunächst einmal wertneutral. Auch die Förderung eines sozial nicht wünschbaren – etwa kriminellen – Verhaltens wäre demnach erzieherisches Handeln, soweit der Erzieher ein solches Ziel bewusst anstreben wollte. Dies leitet zu einem letzten Gedanken über:

 

Erziehung umfasst mehr als die Unterstützung funktionaler Lernprozesse. Erziehung ist keine Sozialtechnologie oder der Versuch, den Heranwachsenden von außen zu normieren und zu steuern. Dies wären Fehlformen der Erziehung. Erziehung kann nicht bei bloßer Wissensvermittlung stehen bleiben, sondern spricht vielmehr den Einzelnen als sittliches Subjekt an, ist immer auch Werterziehung.

Dies hat Konsequenzen: Erzieher, Lehrer oder Eltern kennen Entgegnungen jener Art, dass ein bestimmtes Buch „total ätzend“ oder ein Museumsbesuch „voll langweilig“ sei. Sich mit derart knappen Antworten zufrieden zu geben, mag ein einfacher und auf den ersten Blick sehr bequemer Weg sein; ihrer pädagogischen Verantwortung und ihrer Erziehungsaufgabe werden Erwachsene damit keinesfalls hinreichend gerecht. Erzieherisch zu wirken, bedeutet, die in jedem Menschen grundsätzliche Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln sich selbst und anderen gegenüber zu wecken – durch gezieltes Fördern, aber auch gezieltes Fordern. Im Erziehungsprozess muss der Einzelne herausgefordert werden, nach dem Wert einer Handlung oder eines Inhalts zu fragen und eine eigene sittliche Haltung einzunehmen. Dies geschieht elementar bereits im Kindergarten, wenn Erzieherinnen ein bestimmtes Angebot anschließend kurz mit den Kindern reflektieren, wenn sie eine Kinderkonferenz durchführen oder Kinder altersangemessen mitentscheiden lassen. Dies geschieht etwa im Deutschunterricht, wenn die Prüfungslektüre nicht allein als notwendiges Übel zum Erwerb der Fachhochschulreife hingenommen wird, sondern um ein angemessenes Verständnis des literarischen Textes gerungen, gestritten und reflektiert wird.

Erziehung soll dazu anleiten, die erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen lebensdienlich und gemeinwohlförderlich einzusetzen. Erzieherisch zu wecken, ist die wachsende Einsicht in die eigenen Handlungsmöglichkeiten, die Fähigkeit, zwischen Alternativen begründet auszuwählen, und dann auch die Bereitschaft, nach eigener moralischer Einsicht zu handeln und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen.

Kinder und Jugendliche zu einer solchen Haltung zu führen, ist eine lohnende, aber keinesfalls einfache Aufgabe. Der Pädagoge Jürgen-Dieter Löwisch spricht deshalb auch – Achtung: jetzt brauchen Sie noch einmal Ihre Kenntnisse aus dem Mathematikunterricht bei Herrn Merz! – von einem „potenzierten Ethos des Pädagogen“: Denn wer erzieht, dem ist Verantwortung übertragen, dem Heranwachsenden dabei zu helfen, eine eigene Haltung der Verantwortung zu entwickeln.

(aus einer Schulleitungsrede zur feierlichen Zeugnisübergabe am Ende des Schuljahres 2017/18)

Politische Bildung: Staat, Recht, Identität – Konfliktpunkte in der aktuellen politischen und politikethischen Debatte

Wie weit die Positionen in der Flüchtlingsfrage in der sozialethischen Beurteilung auseinander gehen, zeigte sich exemplarisch im Herbst 2016 bei der 34. gemeinsamen Medientagung des Cartellverbandes – CV – und der Hanns-Seidel-Stiftung im Kloster Banz.

Josef Isensee, Staatsrechtslehrer sowie Verfasser des Grundsatzartikels zum Stichwort Staat im Handbuch der Katholischen Soziallehre, nannte die weitreichende, einseitige Grenzöffnung Deutschlands im Sommer 2015 einen „humanistischen Staatsstreich“. In einem „Rausch der Moral“ habe man auf jede rechtliche und gesetzliche Grundlage verzichtet. Bis heute ist über Merkels Verzicht auf ein wirksames Grenzregime nicht parlamentarisch entschieden worden. Ähnlich hatte sich im Sommer 2016 auch Richard Schröder in der F.A.Z. vom 15. August 2016 geäußert: Barmherzigkeit oder Nächstenliebe, so der evangelische Sozialethiker aus Berlin, seien keine Kategorien staatlichen Handelns. Der Staat müsse vielmehr gerecht sein, nach Regeln verfahren und die Folgen bedenken.

Gänzlich anders hingegen argumentierte auf der Banzer Tagung der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick: Die weitreichende Flüchtlingsaufnahme sei ein „Gebot christlicher Nächstenliebe“ gewesen. Die Bundeskanzlerin habe im Sommer und Herbst 2015 gar nicht anders handeln können.

Außer Acht gelassen wird hier, dass zwischen Nächstenliebe und Staatsethik ein grundsätzlicher Unterschied besteht: „Einzelne können barmherzig sein, auch Institutionen, die sich der Barmherzigkeit verschrieben haben. Der Staat aber darf nicht barmherzig sein, weil er gerecht sein muss. Er muss nach Regeln verfahren und die Folgen bedenken.“ – so Richard Schröder in der F.A.Z. Dies schließt harte Entscheidungen unweigerlich ein. Selbst Härtefallkommissionen im Bleiberecht sind an Regeln mit definierten Ermessensspielräumen gebunden. Bei staatsethischen Fragen sind immer Aspekte wie staatliche Souveränität und Leistungsfähigkeit, Staatsräson und Ordre public, Wahrung des Rechts und der ideellen Ordnung des Staates zu bedenken.

Werden tugendethische Begriffe wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit oder auch Gastfreundschaft – wie in der Migrationsdebatte – zunehmend als normethische Kategorien verwendet, führt dies leicht zu einer Moralisierung oder Entrüstungsrhetorik im politischen Diskurses, worauf vor allem der Wiener Sozialethiker Ulrich H. J. Körtner immer wieder, zuletzt deutlich in seinem Band „Für die Vernunft“ (Leipzig 2017) hingewiesen hat. Ohne politische Vernunft und Differenzierungsfähigkeit leidet die politische Kompromissfähigkeit, was sich in endlosen Sondierungsgesprächen und einer quälend langen Regierungsbildung zeigt. Und es kommt zu einer Gleichgültigkeit gegenüber staatsethischen Fragen.

Dies verwundert insbesondere vor dem Hintergrund des christlichen Staatsdenkens, im Protestantismus vor allem basierend auf der Zweireichelehre und der im Römerbrief geforderten Gehorsamspflicht der Christen gegenüber dem Staat, im Katholizismus unter Bezug auf Thomas von Aquin und seinen christlichen Aristotelismus verankert. Das politische Denken im Christentum rechtfertigt den Staat als notwendigen organisierenden Faktor des sozialen Lebens und relativiert diesen zugleich. Der Christ gibt dem Staat, was des Staates ist, und Gott, was Gottes ist. Die Verpflichtung des Christen zum staatsbürgerlichen Gehorsam gründet nicht in äußerem Zwang, sondern ist eine Gewissenspflicht, insofern der Staat als Teil menschlicher Daseinsverfassung letztlich in Gott, dem Schöpfer, gründet. Der Mensch ist auf das politische Leben hin angelegt. Die staatliche Gewalt rechtfertigt sich funktional, indem sie die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens erhält und gestaltet.

  1. Was kennzeichnet ein stabiles Staatswesen?

Vom Staat zu sprechen, setzt nach herrschender Auffassung ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und eine Staatsgewalt voraus. Im freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat gelten für die so beschriebene Gebietsherrschaft Volkssouveränität, Gewaltenteilung und Bindung an das Recht. Was der Demokratie- und Rechtsstaatsgedanke verspricht, erhält in der Verfassung – so der Jurist Christoph Möllers – seine „praktisch-juristische Form“.

Staatsgewalt: Der Staat besitzt einen Gemeinwohlauftrag (aber kein Gemeinwohlmonopol) und ein weitreichendes Gewaltmonopol. Die Staatsorganisation besteht nicht um ihrer selbst, „sondern um des Volkes willen, und alles staatliche Handeln [hat] sich aus dessen Wohl zu rechtfertigen“ – so der schon zitierte Josef Isensee im Band „Leitgedanken des Rechts zu Staat und Verfassung“ (Heidelberg 2015). Das Gemeinwohl als Verwirklichung der Freiheit bleibt angewiesen auf das Recht, der Rechtsstaat wiederum auf Souveränität, um sein Recht auch durchsetzen zu können. Zwar ist der freiheitliche Verfassungsstaat auf vorstaatliches Menschenrecht verpflichtet, doch bedarf dieses um seiner Wirksamkeit willen einer positiv-rechtlichen Ordnung. Isensee weiter: Die menschenrechtlich gewährleistete Freiheit „ist nicht die eines wilden Naturzustandes, sondern die der staatlich befriedeten und gehegten Ordnung des Rechts.“  Gerade diese Ordnung jedoch wird in der gegenwärtigen Migrationskrise brüchig.

Staatsvolk: Subjekt wie Objekt der Staatsgewalt ist das Staatsvolk, ein überindividueller, nach formalen Kriterien identifizierbarer Personenverband. Das heißt: Das Staatsvolk, bestimmt durch das Staatsangehörigkeitsrecht, trägt den Staat und ist zugleich der Staatsgewalt unterworfen. Das Grundgesetz versteht unter dem deutschen Staatsvolk die Gesamtheit aller Deutschen. Das Staatsvolk ist mehr als ein zufälliger Verbund von Individuen, der allein persönlichen Beziehungen oder material definierten Sonderinteressen verpflichtet ist. Vielmehr geht es um eine Schicksals- und Solidargemeinschaft, die durch gemeinsame Identität zusammengehalten wird. Diese Gruppenidentität vermittelt sich durch miteinander geteilte Herkunft, Erinnerung und Geschichte, durch Kultur, Bräuche und Mythen, durch Symbole, Sprache und emotionale Verbundenheit.

Die Macht des Staates gründet auf seiner Anerkennung durch die Staatsbürger, ihrem Rechtsgehorsam und der Einsicht, sich der Eigenmacht zu enthalten. Diese Gehorsamspflicht der Bürger ist kein fester Besitzstand. Auf Dauer wird der Staat seine Macht und notwendigen Rechtsgehorsam nur gegen den Willen einer kleinen Zahl Abweichler behaupten können, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Bei Mehrheits- und Kompromissentscheidungen wird es stets Unterlegene geben, die ihre Position nicht durchsetzen konnten. Dies akzeptieren zu können, setzt einen gesellschaftlichen Konsens voraus, der ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten sichert, auf das die Glieder der politischen und rechtlichen Gemeinschaft vertrauen können – gleichgültig davon, ob sie bei einer konkreten Streitfrage zu den Unterlegenen oder Durchsetzungsstarken zählen. Daher ist es für die Stabilität einer Demokratie keinesfalls belanglos, wie sich das Staatsvolk zusammensetzt: „Denn der Verfassungsstaat hegt die Erwartung einer gelebten Demokratie, die ohne die Fähigkeit des Staatsvolkes zur einheitlichen Willensbildung enttäuscht werden dürfte, daher ein gewisses Maß an Zusammengehörigkeit voraussetzt und nach einer beständigen Integration seiner Bürger in die staatlich verfasste Gemeinschaft verlangt, ohne dabei die Anforderungen einer freiheitlichen Gesellschaft zu übergehen.“ – so Christian Seiler im selben Band wie der zuvor genannte Isensee.

Antrag auf Einbürgerung und Annahme derselben stehen und fallen im rechtlichen Sinne miteinander; daraus folgt eine Anpassungsverpflichtung des Einwanderers. Einbürgerung sollte überhaupt erst dann möglich sein, wenn jemand Loyalität zum Aufnahmeland bewiesen hat und für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen kann. Ferner sollte der Rechtsstaat durch robustes Auftreten verhindern, dass fremde kulturelle Konflikte ins Land geholt werden. Eingeschränkt werden müssen z. B. Wahlkampfauftritte ausländischer Politiker oder die Verwendung fremder Hoheits- und Nationalsymbole im Gastland.

Staatsterritorium: Vornehmste Aufgabe des Staates ist die Gewährleistung innerer und äußerer Sicherheit. Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist, dass der Staat die Kontrolle über sein Territorium behält. Umgekehrt sind illegale Einwanderung, Schleuserkriminalität, das Vernichten von Pässen oder Versuche, sich rechtsstaatlichen Verfahren zu entziehen, alles andere als Bagatellen und müssen konsequent verfolgt werden.

Mit dem Schengener Übereinkommen von 1985 und seinen Folgevereinbarungen wurde der Grenzschutz in Europa zunehmend an die Außengrenzen verlagert, allein deren Schutz ermöglichte eine weitreichende Freizügigkeit innerhalb der EU. Dieses System ist mittlerweile kollabiert. Zahlreiche Länder sind wieder dazu übergegangen, die eigenen Grenzen zu kontrollieren. Die Bundesregierung hingegen hat im Sommer 2015 nahezu im europäischen Alleingang eine weitgehende Grenzöffnung vorgenommen. Getroffen wurde dieser schwerwiegende Entschluss, welcher den Kernbereich staatlicher Legitimation berührt, ohne parlamentarische Entscheidung.

  1. Wie steht die zeitgenössische Sozialethik dem Staat gegenüber?

Die Migrations- und Integrationskrise hat eine Leerstelle der zeitgenössischen Sozialethik offengelegt: Ansätze kulturwissenschaftlich orientierter Sozialethik erwecken den Eindruck, der Bezug auf die Nation, das Volk oder den Nationalstaat sei ein letztlich austauschbares, mitunter kolonial vorbelastetes, mehrheitlich bereits überwunden geglaubtes Narrativ. Es wirkt so, als könnten der Bezug auf die Menschenrechte oder ein globales Gemeinwohl den Staatsbezug ersetzen. Zur Begründung wird nicht selten auf komplexe soziale Zugehörigkeiten in einer globalisierten Welt verwiesen, die in nationalstaatlichen Kategorien nicht mehr angemessen zu fassen seien. Zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu unterscheiden, greife zu kurz, so der Tenor.

Wer aber den Nationalstaat nicht als „Problemfall der Geschichte“ verabschieden will, sondern diesen auch weiterhin als verlässliche Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens sowie als Garant innerer wie äußerer Sicherheit ansieht, leugnet damit nicht zwangsläufig die besonderen Herausforderungen einer globalisierten Welt. Wer ein stärkeres Gewicht staatsethischer und staatsphilosophischer Argumente in der Migrationsdebatte einfordert sowie Respekt vor der bestehenden Verfassungslage anmahnt, reduziert politische Ethik nicht zwangsläufig auf Staatsethik. Wer kritisiert, dass in der gegenwärtigen Migrationskrise versucht werde, ein neuartiges „Recht auf ein besseres Leben“ mit faktisch unbeschränkter Niederlassungsfreiheit zu kreieren, reduziert damit noch lange nicht die Menschen- auf Bürgerrechte – zumal ein solches Recht kaum justiziabel wäre. Es gibt berechtigte, unabweisbare humanitäre Schutzansprüche. Diese zu gewährleisten, setzt aber gerade einen handlungsfähigen Staat, den Schutz der inneren wie äußeren Sicherheit, die Bindung an Recht und Verfassung sowie eine geordnete Asyl- und Einwanderungspolitik voraus. Wer vor einem überzogenen Moralismus in der gegenwärtigen Migrationsdebatte warnt, reduziert Ethik nicht einfach auf „Realpolitik“.

Schon der Blick in andere Länder der Europäischen Union zeigt, dass nationale Kategorien weiterhin die politische Realität und das politische Denken bestimmen. Viele deutschsprachige Sozialethiker stehen diesem Phänomen in der gegenwärtigen Integrationsdebatte eher hilflos gegenüber.

Ganz neu ist der „Abschied vom Staat“ innerhalb der Politikethik nicht, was hier nur an drei Schlaglichtern exemplarisch gezeigt werden kann.

Albrecht Langner ging es in seiner Abhandlung mit dem Titel „Menschenrechte – Staat – Gesellschaft“ (Köln 1975) vorrangig darum, im Rahmen der Ost-West-Konfrontation seiner Zeit den Personalismus christlicher Staats- und Gesellschaftsauffassung von einer marxistischen Gesellschaftstheorie abzugrenzen. In klassischer Tradition arbeitet Langner die Rechts-, Wohlfahrts- und Kulturfunktion des Staates heraus. Gleichwohl geht er davon aus, dass der moderne Staat sich vor allem als „Dienstleistungs- und Daseinsvorsorgestaat“ zeige, bei dem weniger die staatliche Rechtsfunktion als die Aufgabe aktiver Gesellschaftspolitik im Vordergrund stehe.

Einen Schritt weiter geht Bernhard Sutor in seiner „Politischen Ethik“ (Paderborn 1991), deren Erscheinen mittlerweile auch schon mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Der Eichstätter Politikdidaktiker und Sozialethiker spricht von einer „zunehmenden Relativierung der nationalstaatlichen Ebene“: Der „Nationalstaat herkömmlicher Form“ habe sich „funktional überholt“, und es sei zu begrüßen, dass „emotionale Bindungen der Menschen an Nation und Vaterland unpolitischer werden“. Heimat, Muttersprache und Vaterland schreibt Sutor nur noch den Wert „unpolitische[r] Selbstverständlichkeiten“ zu, wobei offen bleibt, wie deren Bestand weiter gepflegt und erhalten werden soll. Politische Entscheidungen sollten sich hingegen zunehmend an „allgemeingültigen Prinzipien“  und an den Menschenrechten orientieren.

Walter Lesch setzt in seinem aktuellen Entwurf einer Migrationsethik dann die Gesellschaft konsequent vor den Staat: „Die politisch-ethische Sondierung beginnt mit der Verständigung über das Gesellschaftsmodell, das […] vor allem die Frage in den Raum stellt, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben möchten […]: in einer homogenen Gesellschaft von Gleichgesinnten oder in einer sich dynamisch entwickelnden Umgebung, die kulturell offen ist“ (Kein Recht auf ein besseres Leben? Christlich-ethische Orientierung in der Flüchtlingspolitik, Freiburg i. Brsg. 2016). Zivilgesellschaftliches Engagement ersetzt Politik und Verwaltung, die zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Der Nationalstaat ist für Lesch nur noch als Funktion einer Weltinnenpolitik zu denken, die sich durch weiche Steuerungsinstrumente transnationaler Strukturen realisiert. Am Ende stehen die Bilder einer „Weltrepublik“, welche das vorhandene Völkerrecht fortführt, und einer demokratischen Weltgesellschaft, in der sich die Bürger „als Freie und Gleiche begegnen können“. Zu den Regeln der skizzierten Weltinnenpolitik gehört, dass das „an nationale Herkunft gebundene Staatsbürgerrecht weltbürgerlich transformiert wird“ und der Einzelne nicht mehr „Gefangener eines Territoriums, eines Staates, einer Ethnie oder einer Religion“ sein soll. Etwas prosaischer hat die Bundeskanzlerin die schleichende Umdefinition des Staatsvolkes am 25. Februar 2017 in einer Rede in Stralsund auf den Punkt gebracht: „Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt.“ Offen bleibt bei Lesch, wie ein in beständiger Auflösung begriffener Nationalstaat überhaupt noch integrations- und handlungsfähig sein kann. Denn die Wahrnehmung globaler Verantwortung und die Integration von Fremden „auf allen Ebenen des Politischen“ werden bei aller kosmopolitischen Rhetorik dann doch weiterhin vom Staat erwartet. Der eingangs zitierte Isensee verweist im Handbuch Katholischer Soziallehre darauf, dass es in einem übernationalen Weltstaat letztlich auch kein Asyl mehr geben könne.

Schauen wir auf die Kosten, die mit einer schleichenden Abkehr vom Staat verbunden sind.

  1. Welche Kosten sind mit der gegenwärtigen Politik verbunden?

Verlust an Identität: In Nordrhein-Westfalen schwören Minister nicht mehr, „dem Wohle des deutschen Volkes“ zu dienen, sondern dem „Wohle des Landes Nordrhein-Westfalen“. Begründet wurde die Verfassungsänderung mit dem Hinweis, das Land sei stark durch Einwanderung geprägt. Weitere Beispiele ähnlicher Art ließen sich finden. Was hier passiert ist mehr als der Austausch von Worten: Getilgt wird ein kompletter Herkunfts- und Identitätsbezug. Der kulturelle Kontext wird austauschbar und der Mensch, der aus diesem Kontext Identität, Werte und Sinn bezieht, zum heimatlosen Nomaden.

Sollte jemand als Angeklagter vor Gericht stehen, was niemand für sich wünscht, wäre ihm sicher lieb und recht, dass das „Volk“, in dessen Namen Recht gesprochen wird, kein beliebig austauschbares Narrativ ist, sondern er sich auf tragfähige kulturelle Werte verlassen kann. Sollte jemand als Beamter darauf vertrauen, dass er auch im Ruhestand auskömmlich leben kann, wäre ihm sicher lieb und recht, dass dieses „Volk“, das seinen Beamten gegenüber Loyalität zugesichert hat, kein beliebig austauschbares Narrativ ist, sondern eine berechenbare Größe bleibt, die sich später auch an einmal gegebene Pensionszusagen erinnert.

Gesellschaft, Kultur oder Identität seien nichts Statistisches – dieser Allgemeinplatz wird schnell als Einwand ins Feld geführt, wenn in politischen oder sozialethischen Stellungnahmen Sorge um eine gefährdete Identität des Staatsvolkes und seiner kulturellen, sprachlichen oder moralischen Grundlagen aufscheint. In kirchlichen Stellungnahmen, so Daniel Deckers im Leitartikel der F.A.Z. vom 21. März 2017, „werden das Gefühl des Heimatverlustes und die politisch-sozialen wie kulturell-religiösen Konfliktpotentiale einer Einwanderungsgesellschaft kleingeredet, wenn sie nicht gar geleugnet werden.“

Identität unter Generalverdacht zu stellen, ist sozialpsychologisch unrealistisch und unfreiheitlich. Feste Identitäten gefährden das Zusammenleben weniger als ein Zustand erzwungener Gleichheit oder Vereindeutigung. Eine Gesellschaft, die Toleranz nur mehr über die Kontrolle von Gesinnungen, denen bestehende Ungleichheit oder kulturelle Differenzierungen zu Bewusstsein kommen könnte, aufrecht zu erhalten versucht, wäre repressiv und alles andere als lebenswert. Allerdings müssen die „Spielregeln“ im gesellschaftlichen Zusammenleben klar sein, auf die wir uns verlassen dürfen. Und der Staat muss auch bereit sein, die äußeren Regeln unseres Zusammenlebens aufrecht zu erhalten und durchzusetzen – sonst verliert er auf Dauer als Rechtsstaat an Vertrauen.

Jedes Gemeinwesen, das stabil bleiben will, braucht einen gesellschaftlichen Mindestkonsens. Wichtig sind zunächst einmal zentrale Spielregeln einer formalen Sittlichkeit. Zu diesen müssen wir uns als Gemeinwesen verbindlich bekennen, diese müssen wir deutlich einfordern und diese muss der Staat auch bereit sein durchzusetzen: beispielsweise eine gewaltfreie Streit- und Debattenkultur, ein robustes Maß an Ambiguitätstoleranz, den Willen zu Verständigung und Toleranz, Fairness und gegenseitigen Respekt, Achtung vor der Verfassung und den unveräußerlichen Rechten anderer.

Doch genügt ein Gerüst formaler Verfahrensregeln keineswegs. Die Regeln unseres Verfassungsstaates müssen unterfüttert werden durch ein Fundament konkret gelebter Orientierungswerte. Diese bestimmen das sozialethische Verhalten der Bürger im Alltag und sind Ausdruck gemeinsamer Identität. Man kann von einem Vorrat an kulturellen Selbstverständlichkeiten sprechen, der uns im Alltag den Rücken freihält. An dieser Stelle möchte ich durchaus von „Leitkultur“ sprechen, womit noch nichts darüber ausgesagt ist, wie diese abgesteckt werden kann. Dass eine solche „Leitkultur“ nicht statisch sein kann, ist eine triviale Erkenntnis. Und selbstverständlich sollte eine Leitkultur so offen formuliert werden, dass sie dem heutigen Freiheitsempfinden gerecht wird.

Was wir brauchen, ist ein intelligent geführter Kampf gegen Ausgrenzung. Dieser wird verhindert, wenn Begrenzungen grundsätzlich unter Generalverdacht gestellt werden. Notwendig sind Kategorien und normative Kriterien, mit denen Unterscheidungen möglich bleiben: Was sind ungerechte Ausschließungen? Was sind erhaltenswerte Formen der Differenzierung? Was sind repressive Praktiken? Was sind lebensdienliche Ausdrucksformen persönlicher oder sozialer Identitätsbildung? Die Ausbildung einer Identität, die ihn von anderen unterscheidet, ist für den Menschen lebensnotwendig. Andernfalls könnte es auch keine Individualität geben. Ordnungen, die darauf zielten, alle Menschen gleich zu machen, waren in der Geschichte immer Ordnungen der Unfreiheit.

Schwindendes Vertrauen im Zusammenleben: Unsere Kultur gründet auf drei Hügeln: Areopag, Kapitol und Golgatha – ein Bild, das auf Theodor Heuß zurückgeht. Das griechische Erbe steht für die Selbstregierung freier Bürger und die Anerkennung einer vernunftgeleiteten, autonomen Wissenschaft. Das römische Erbe zeigt sich im Gedanken einer Herrschaft des Rechts. Beides wird geformt durch die christliche Haltung der Solidarität und Barmherzigkeit und die Anerkennung einer gleichen Würde aller Menschen. Alle drei Einflüsse verbinden sich zu dem, was wir als christliches Abendland kennen. Produktiv wurde diese Idee nicht zuletzt durch die spannungsvolle Polarität von politischer und religiöser Sphäre bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten – gemäß der unnachahmlichen Formel: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Der Kampf um das rechte Verhältnis von Religion und Politik durchzieht die gesamte Geschichte unseres Kulturraumes: vom Investiturstreit über die Reformation und die Aufklärung bis zur Gründung säkularer Nationalstaaten – um nur einige Stationen zu nennen.

Richtig verstanden, verbieten sich damit sowohl politische Heilslehren als auch voreilige politische Gewissheiten von Seiten der Kirche. Wenn Christen sich politisch zu Wort melden, muss dies sachkundig geschehen. Innerhalb des demokratischen Spektrums links wie rechts der Mitte werden Christen in politischen Streitfragen zu unterschiedlichen Antworten finden können. Wer den politischen Streit über die künftige Rolle des Staates, den Umgang mit Zuwanderung oder das angemessene Verständnis von Integration gerade mit sozialethischen Argumenten unterbindet, funktionalisiert entweder die Religion für (partei-)politische Zwecke oder dogmatisiert ohne Not staatspolitische Kontroversen – am Ende könnten sowohl die Interessen der einheimischen Bevölkerung wie auch derjenigen, die dringend auf humanitären Schutz und Asyl angewiesen sind, auf der Strecke bleiben.

Dem Verfassungsrecht eignet grundsätzlich ein konservatives Moment. Der liberale Rechts- und Verfassungsstaat kann eine bestimmte „Leitkultur“ seiner Bürger nicht hoheitlich herstellen, aber er darf einen entsprechenden, politisch belastbaren Gedächtnisraum fördern. Der aktuelle Kreuzerlass des bayerischen Ministerpräsidenten ist durchaus legitim. Recht und staatliche Ordnung leben von affektiven Bindungen an ihre kulturellen Prägungen. Und eine stabile Rechts- und Staatsordnung lebt davon, dass die Herkunft der ihnen zugrundeliegenden Werte und Prinzipien aus der spezifischen, einheimischen Tradition nicht geleugnet wird.

Wo kulturelle Gemeinsamkeiten, gegenseitige Verbundenheit und wechselseitig übernommene Verpflichtungen schwinden, wo das Vertrauen in intuitiv gewusste, unproblematisch gelebte Gemeinsamkeiten verloren geht, gehen letztlich Freiheitsräume verloren. Ein Gemeinwesen, in dem man sich nicht mehr aufeinander verlassen kann, muss kontrollieren, regulieren und steuern. Staatlicherseits geschieht dies beispielsweise durch zunehmende Kontrolle im Inland, eine verstärkte Überwachung der Privatsphäre oder Einschränkungen der Meinungs- und Publikationsfreiheit.

Verlust an Transparenz: Das deutsche Staatsvolk ist niemals mit den Bewohnern eines bestimmten Territoriums identisch gewesen (auch heute nicht, wie das Bundesverfassungsgericht deutlich gemacht hat). Daher spielt Abstammung für unser Staatsangehörigkeitsrecht eine größere Rolle als in anderen Ländern – wer dies nicht sieht, verkennt die besondere Geschichte Deutschlands und den komplizierten Prozess seiner Nationalstaatswerdung. Daneben hat es immer auch die Möglichkeit der Einbürgerung gegeben – nur darf diese Möglichkeit nicht unter Wert verkauft werden. Wer die deutsche Staatsangehörigkeit anstrebt, von dem muss mehr als ein formales Bekenntnis zur Verfassung verlangt werden. Andernfalls steht zu befürchten, dass man den zweiten Pass gern mitnimmt, sich im Letzten aber nicht mit Deutschland, seiner Geschichte und Tradition, seiner Identität und seinen Werten identifiziert. Loyalitätskonflikte und kulturelle Auseinandersetzungen sind damit vorprogrammiert.

Deutschland ist kein zentralistischer Nationalstaat – das ist richtig. Aber Deutschland ist seit den Befreiungskriegen und der Einigungsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts auch nicht einfach nur ein loser Verbund regionaler Landsmannschaften. Und Europa? – Die Europäische Union ist ein Bund von Staaten mit eigenen Interessen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein solcher Zusammenschluss kann helfen, den Herausforderungen einer globaler gewordenen Welt, besser zu begegnen und internationale Aufgaben besser zu bewältigen. Für die demokratische Willensbildung und Entscheidungsfindung eignen sich suprastaatliche Zusammenschlüsse aber nur begrenzt, schon allein wegen sprachlicher Barrieren und fehlender identitätsstiftender Elemente. Allein rechtlich und politisch handlungsfähige Staaten, die nicht chronisch überfordert sind, die nicht erpressbar sind, nicht von inneren kulturellen Konflikten zerrieben werden und die das Vertrauen der eigenen Bevölkerung genießen, bleiben berechenbar und werden auf Dauer mit anderen friedlich zusammenleben können. Es gibt einen kulturellen Zusammenhang in Europa, bei allen Unterschieden zwischen Süd- und Nordeuropäern, Ost- und Westeuropa. Der kulturelle Zusammenhang wird aber nicht den identitätsstiftenden Gehalt der einzelnen Nationalstaaten ersetzen können. Europas Stärke war stets seine kulturelle Vielfalt. Ich befürchte aber, dass wir gerade diese Stärke verspielen, wenn die Vielfalt durch einen suprastaatlichen Zentralismus ersetzt wird.

Mangelnde Solidarität innerhalb der Europäischen Union ist nicht erst seit dem Anschwellen der Flüchtlingsbewegungen 2015 zu verzeichnen; das Phänomen zeigte sich schon einige Jahre zuvor, als die ersten Anzeichen einer kommenden Migrationskrise weitgehend ignoriert wurden. Sehr viel seltener ist hingegen vom notwendigen Prinzip der Subsidiarität die Rede, das in Europa zwar vertragsrechtlich verankert ist, aber in der politischen Realität deutlich unterbelichtet bleibt.

Auch wer mehr suprastaatliche Kooperationen einfordert, geht dabei weiterhin von souveränen Staaten aus, die zusammenarbeiten und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wer aber immer mehr Entscheidungen in suprastaatliche Institutionen ausgelagert, stärkt technokratische Strukturen und schwächt die demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger. Demokratische Legitimation, Transparenz und Partizipation blieben auf der Strecke; dies gilt erst recht für das noch äußerst skizzenhafte, anfangs zitierte Modell einer Weltinnenpolitik, wie immer man sich deren demokratische Legitimation und Kontrolle auch vorstellen wollte.

Die katholische Sozialverkündigung hat daran festgehalten, so etwa Johannes Paul II.  1995 in seiner Ansprache vor den Vereinten Nationen zum fünfzigjährigen Bestehen der Weltorganisation oder in seiner Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“, dass gerade die staatliche Souveränität ein wichtiger Garant für die Sicherung internationalen Rechts und die Freiheit zwischen den Nationen darstellt. Politische Entscheidungen würden sich andernfalls in eine Grauzone verlagern; der demokratische Prozess würde immer stärker ersetzt durch Verhandlungen zwischen Regierungen und Expertenzirkeln – schon allein aufgrund einer fehlenden funktionsfähigen gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Das Sozialkompendium der katholischen Kirche (Nr. 385) formuliert es folgendermaßen: „Die politische Gemeinschaft findet in der Bezogenheit auf das Volk ihre eigentliche Dimension: […] Das Volk ist keine amorphe Menge, eine träge Masse, die manipuliert und instrumentalisiert werden kann, sondern eine Gesamtheit von Personen, von denen jede einzelne […] die Möglichkeit hat, sich über die öffentliche Sache eine eigene Meinung zu bilden, und die Freiheit, ihr eigenes politisches Empfinden zum Ausdruck zu bringen und es so zur Geltung zu bringen, wie es dem Gemeinwohl entspricht.“ Das Volk als kritisches Moment!

  1. Warum ist die Rechtsfunktion des Staates so wichtig?

Der Zweck des Staats als einer sittlichen Ordnungseinheit liegt in der Förderung der Personwürde und der Sicherung des Gemeinwohls. Die Menschenrechte schützen die gleiche Würde aller, ermöglichen aber als Freiheitsrechte gerade Differenzierung – auch in kultureller Hinsicht. Zum einen ermöglicht gerade die Mannigfaltigkeit der Staatenwelt, wenngleich sie auch Ursache zwischenstaatlicher Konflikte sein kann, die Entfaltung kollektiver Zugehörigkeit und kultureller Eigenart und garantiert dadurch Individualität und Freiheit. Zum anderen sind die Menschenrechte zwar vorstaatliches Recht, bleiben aber auf einen handlungsfähigen Staat angewiesen, der sie garantiert und wirksam schützt. Nur wenn der Staat seine sittliche Ordnungs- und Freiheitsfunktion im Dienst des Rechts erfüllen kann, wird er auch als Sozial- und Kulturstaat wirken können. Das deutsche Volk hat sich kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt das Grundgesetz gegeben, so steht es ausdrücklich in der Präambel unserer Verfassung. Wer diesen nationalen Bezug verkennt, läuft Gefahr, die rechtliche Ordnung aufzulösen. Die Freiheitsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts wusste, wie unsere Nationalhymne zeigt, um den Zusammenhang von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Im freiheitlichen Rechtsstaat werden die Maximen von Recht und Ordnung nicht starr angewandt, sondern im Licht der Menschenwürde als dem Fundament der gesamten Rechtsordnung. In der Praxis zeigt sich dies beispielsweise darin, dass das angewandte Recht sich an Angemessenheitsnormen orientieren und die zu seiner Durchsetzung eingesetzten Mittel sich am Maßstab der Verhältnismäßigkeit messen lassen müssen. Allerdings dürfen sich auch humanitäre Maximen im Rechtsstaat nicht einfach über Recht und Gesetz hinwegsetzen – so der Soziologe Dieter Prokop in der F.A.Z. vom 24. Juli 2017: „Das Problem hierbei ist, dass das menschliche Gefühl seine eigene Dynamik hat: Gefühlte Angemessenheitsnormen sind weit auslegbar.“ Hierfür gibt es im Rahmen der „Willkommenskultur“, die dem simplifizierenden Slogan „Refugees welcome“ folgt, bis heute reichlich Anschauungsmaterial.

Ein moralischer Impetus, der sich über Recht und Gesetz hinwegsetzt, verhindert notwendige Differenzierungen in der Anwendung bestehenden Rechts, beispielsweise die Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten, die unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallen, Kriegsflüchtlingen, für die gesetzlich bestimmte temporäre Aufenthaltsgenehmigungen gelten, Personen, die ohne Kriegs- oder Verfolgungsgrund unter die übliche Ausländer- und Einreisegesetzgebung fallen, oder sogar kriminellen Grenzverletzern. Wo aber nach dem Gesetz notwendige Differenzierungen nicht mehr vorgenommen werden, nehmen am Ende die Gleichheit vor dem Gesetz und die faire Anwendung bestehenden Rechts schaden – und zwar gerade deshalb, weil am Ende Ungleiches pauschal gleichgesetzt und der gerechten Beurteilung entzogen wird.

Zu den Pflichten der Vernunft gehört es, dass Gesellschaftsverträge, die Rechtssicherheit garantieren sollen, eingehalten werden. Ein Staat, der das Zutrauen in seine eigene Rechtssicherheit und Rechtsverbindlichkeit untergräbt, wird auf Dauer auch kein verlässlicher Adressat der Menschenrechte mehr sein können. Eine Bundeskanzlerin, die ihrer Gemeinwohlverantwortung gerecht werden will, sollte vorsichtig sein, humanitäre Symbolhandlungen als Wahlkampfbonus im Inneren oder staatliche Imagestrategie im Äußeren zu verwenden. Der Ansehensverlust der Europäischen Union, die ihre eigenen Verträge nicht mehr einhält oder zumindest äußerst fahrlässig damit umgeht, zeigt die Waghalsigkeit eines solchen Spiels.

Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit im gemeinsamen Zusammenleben lassen sich auf Dauer nicht durch ein moralisches Maximum garantieren, das die Menschenrechte als beständig auszuweitendes Instrument einer permanenten Gesellschaftsreform gegen den Staat und seine Institutionen in Frontstellung bringt. Die Sicherung des Gemeinwohls bleibt angewiesen auf den vernunftgemäßen Interessenausgleich auf Basis von Recht und Gesetz. Die Menschenrechte qualifizieren als überpositives Recht die Ausübung der staatlichen Rechtsfunktion und bedürfen dieser zugleich um ihrer eigenen Wirksamkeit willen. Die Menschenrechte gehören der Moral und dem Recht an. Der gegenwärtige sozialethische Diskurs neigt allerdings dazu, die moralische Seite der Menschenrechte stärker zu betonen als deren juridischen Charakter. Nebenbei: Wenn wir unser Gemeinwesen konstitutiv als sozialen Rechtsstaat begreifen, sollten wir pädagogisch auch mehr in eine solide Rechtskunde investieren.

Die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins plädiert in ihrem Entwurf einer Migrationsethik für drei Vorrangregeln (z. B. in: Europa und Migration. Sozialethische Denkanstöße, Köln 2017): (1.) Gleiche Würde aller Menschen und menschenrechtliche Anerkennung genießen Vorrang vor allen Differenzen. (2.) Die Person hat Vorrang vor jeder gesellschaftlichen Institution. (3.) Das Gemeinwohl hat Vorrang vor partikularen Interessen. – Eine Gewichtsverlagerung innerhalb der aktuellen Migrationsdebatte fällt an dieser Stelle auf: Traditionell geht die Ethik bei der Güterabwägung von einem Vorrang des Personwohls aus. Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen um des Gemeinwohls willen sind begründungspflichtig (so schützt etwa das Grundgesetz das Recht auf Privateigentum, lässt aber in eng umgrenzten Fällen auch Enteignungen aus Gemeinwohlgründen zu). Hier wird zwar ein Vorrang der Person vor jeder gesellschaftlichen Institution behauptet, gleichzeitig aber auch ein Vorrang des Gemeinwohls – ein Widerspruch?

Freiheit im gemeinsamen Zusammenleben lebt nicht vom Entweder-oder, sondern von polaren Grundspannungen, die im freiheitlichen Gemeinwesen nicht in die eine oder andere Richtung aufgelöst werden dürfen. Vielmehr bedarf es eines vermittelnden Bindegliedes: Die staatliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit bleibt als jener Ort wichtig, wo die notwendige Vermittlung zwischen individual- und gemeinwohlbezogenen Interessen geschieht. Suprastaatliche Verbünde können dies nicht leisten, woran nicht zuletzt auch das Subsidiaritätsprinzip gemahnt. Politik und Politikethik täten gut daran, die Rolle des Staates nicht unbedacht kleinzureden oder gar zu beschädigen – am Ende könnte der Verlust an Humanität gravierend sein.

Beitrag wurde als Vortrag am 30. Mai 2018 auf Einladung des VDSt Münster gehalten.

Festrede: Sprache, Daten, Ethik

Herr Universitätsprofessor Dr. phil. Martin Haase, Inhaber des Lehrstuhls für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Bamberg, ist der diesjährige Festredner beim Sitftungsfestkommers der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg am 2. Juni 2018. Als Mitglied der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft wird er über das Thema „Sprache, Daten, Ethik“ sprechen:

„Im letzten Jahr wurde das Straßenverkehrsgesetz dahingehend geändert, dass nun auch das automatisierte Fahren geregelt ist. Allerdings bleibt die gesamte Verantwortung bei derjenigen Person, die im Zweifelsfall zum Steuer hätte greifen können und müssen. Das widerspricht dem in Deutschland sonst gültigen Prinzip, dass haftet, wer Schuld hat; aber wer sich auf den Autopiloten verlässt, ist sicher nicht schuld an Programmierfehlern. Wer trägt die Verantwortung für Algorithmen und künstliche Intelligenz, insbesondere wenn sich keine Verantwortlichen ermitteln lassen? Wenn Autorenschaft und Nutzung zusammengehören und kollaborativ gearbeitet wird (Wikiprinzip), wer ist dann verantwortlich? Wenn Texte und Programme selbst aus Daten entstehen, wer haftet dann und wem gehören die aggregierten Daten? Eine Maxime der Hackerethik lautet: Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen. Wenn sich aber Privates und Öffentliches nicht mehr unterscheiden lassen, wie ist dann mit den Daten zu verfahren? Wenn Menschen nicht gläsern sein sollen, jedoch der Staat, was passiert, wenn immer mehr Menschen an demokratischen Prozessen beteiligt werden? Wo ist die Grenze zwischen Bürgerbeteiligung und politischer Verantwortung? Wenn Datenaustausch und Vernetzung die Welt sicherer und lebenswerter machen, wo bleibt die informationelle Selbstbestimmung?“

Jahresrückblick 2017

Nachdem auch die letzten Publikationsnachträge aus dem Vorjahr erschienen sind, ist der Jahresrückblick mit Veröffentlichungen, Vorträgen und Hinweisen zu meinen sonstigen pädagogischen und sozialethischen Tätigkeiten aus dem Jahr 2017 online. Sie finden diesen hier.

Für Anfragen oder Rückmeldungen stehe ich gern zur Verfügung. Ich freue mich, wenn Sie meine pädagogische und sozialethische Tätigkeit auch weiterhin interessiert begleiten.

Neuerscheinung: Erinnerung an Adolf Reichwein

Die Festrede zur feierlichen Zeugnisübergabe an die Berufspraktikantinnen und Berufspraktikanten, die Ende des Schuljahres 2016/17 an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik ihre staatliche Anerkennung erhielten, erinnerte an den Kultuspolitiker, Reformpädagogen, Volkskundler und Widerstandskämpfer Adolf Reichwein. Reichwein entwickelte seine reformpädagogischen Ideen während der Zeit des Nationalsozialismus, er gilt als einer der Pioniere moderner Medienpädagogik. Am 20. Oktober 1944 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Sein Geburtstag jährt sich in diesem Jahr zum zweihundertsten Mal. Sein pädagogisches Ethos hat auch für heutige Erzieherinnen und Erzieher nichts an Aktualität verloren, wie die Festrede deutlich machte.

Der Vortrag aus dem vergangenen Jahr ist nun in der schulpädagogischen Fachzeitschrift „Engagement“ veröffentlicht worden:

Axel Bernd Kunze, Vor hundertzwanzig Jahren geboren. Eine Erinnerung an den Reformpädagogen, Kultuspolitiker und Widerstandskämpfer Adolf Reichwein, in: Engagement 35 (2017), H. 4, S. 218 – 221.