Engagement 1/2019: Lernen im Dialog – 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention

engagement 1/2019 dokumentiert den Bundeskongress Katholischer Schule vom September 2018: Lernen im Dialog.

In der offenen „Umschau“ des Heftes würdigt der Bonner Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze das diesjährige Jubiläum der Kinderrechtskonvention:

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird dreißig Jahre alt. Eine Würdigung aus Perspektive der Erzieherausbildung, in: Engagement 1/2019, S. 34 – 37.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Rez.: Mariano Barbato)
  • Robert Kruschel (Hg.): Menschenrechtsbasierte Bildung. Inklusive und Demokratische Lern- und Erfahrungswelten im Fokus (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Marcus Weber: Erlebnispädagogik in der Grundschule. 89 Aktionen und Spiele (Rez.: Julian Daubaris)
  • Konrad Fees: Geschichte der Pädagogik. Ein Kompaktkurs (Rez.: Ulrich Reichmann)
  • Matthias Asche, Dietmar Klenke (Hgg.): Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Ernst Peter Fischer, Klaus Wiegandt (Hgg.): Dimensionen der Zeit – Die Entschleunigung unseres Lebens – Forum für Verantwortung (Rez.: Gottfried Kleinschmidt)
  • Werner Schneider: Oskar Schindler/Steven Spielberg. Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt (Rez.: Volker Ladenthin)
  • Michele Minelli: Passiert es heute? Passiert es jetzt? (Rez.: Astrid Frey)
  • Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen (Rez.: Astrid Frey)
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Rezension: Wieviel Bildung braucht die Demokratie? …

… Axel Bernd Kunze geht es bei der Beantwortung dieser Frage weder um PISA-Studien und Kompetenztraining noch um eine Agenda der politischen Bildungsarbeit zur Stärkung staatsbürgerlicher Resilienz gegenüber dem Populismus. Erfrischend altmodisch hält Kunze die Fahne eines humanistischen Bildungsideals hoch und fordert Freiheit und pädagogischen Eigensinn. […]

Auch wenn man Kunze bei der Kontroversität der Themen nicht immer zustimmen wird, lohnt sich die anregende und kurzweilige Lektüre für jeden, der sich der Frage nach dem Zusammenhang von Demokratie und Pädagogik stellen möchte. Kunze legt mit diesem schlanken Büchlein einen klugen und anregenden Debattenbeitrag vor.

Mariano Barbato, Politikwissenschaftler an der Universität Passau, in Engagement 1/2019, S. 43 f.

Bildergebnis für Kunze Bildung in der Demokratie

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind, Bonn 2018.

Schlaglicht: Schule zwischen Werterziehung und Indoktrination

Die Demonstrationen „Fridays for Future“ beschäftigen Land auf Land ab die schulische Debatte. Wie soll die Schule, wie sollen die Schulleitungen hierauf reagieren, wenn Schüler hierfür die Schule schwänzen? Schulrechtlich ist die Sachlage eindeutig. Wer während der Schulzeit an Demonstrationen teilnimmt, bleibt dem Unterricht fern und muss hierfür die Konsequenzen tragen. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Maaßen hat in anderem Zusammenhang vor kurzem darauf hingewiesen, dass die Grundrechte verfassungsmäßig geschützt sind – aber nicht in jedem Fall zum Nulltarif zu haben sind. Das müssen sich auch Schüler und Eltern gewärtigen, wenn sie „Fridays for Future“ unterstützen.  Eine Schule, die ihrem Bildungsauftrag gerecht wird, sollte ihre Schüler dazu befähigen, die rechtlichen, politischen und ethischen Implikationen solcher Aktionen beurteilen und einschätzen zu können. Wie sich der Einzelne dann politisch dazu verhält, muss er selbst verantworten – dies zu entscheiden, ist nicht Aufgabe der Schule.

„Fridays for Future“ weist aber auf ein sehr viel grundlegenderes Problem hin: die Gefahr einer Ideologisierung der Schule, gerade auch um noch so vermeintlich guter Ziele willen. Schule hat einen Auftrag zur Werterziehung und ist in diesem Sinne keinesfalls moralisch neutral. Sie muss sich aber hüten, die Schüler zu indoktrinieren oder zu manipulieren. Die Debatte wird nicht einfacher dadurch, dass heute viele parteipolitische Ziele, für welche Schüler vereinnahmt werden, als ein vermeintlich neutrales, alternativlos Gutes daherkommen.

Werterziehung im Sinne der Befähigung zum Werten ist ein personales Erziehungshandeln zwischen Erzieher und zu Erziehenden. Dies ist etwas anderes als ein politisches Programm, das aufgrund bestimmter politischer Interessen der Schüler-, Eltern- oder Lehrerschaft übergestülpt wird – ein Beispiel hierfür ist das Programm „Schule ohne Rassismus“, dessen „Label“ über vielen Schultüren hängt (wobei bereits Zweifel anzumelden sind, ob der hier verwendete Rassismusbegriff überhaupt hinreichend geklärt und tragfähig ist).

Erziehung ist normativ, darf aber nicht normierend werden. Oder anders gesagt: Wer erzieht, tut dies aus einem motivlosen Interesse dem Heranwachsenden gegenüber. Das Einzige, was er vorab bestimmt, ist die Selbstbestimmung des anderen, nicht aber, welchen Gebrauch der junge Mensch von seiner Freiheit machen will. Erziehung aus Interesse an einem bestimmten (partei-)politischen Interesse heraus wird hingegen zur Ideologie. … und dabei ist es gleich, ob wir „Schule ohne Rassismus“ oder „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ über die Schultür schreiben.

In einer freiheitlichen Gesellschaft sollten wir vorsichtig sein mit staatlichen Parolen. … sind wir aber in vielen schulischen Bereich schon lange nicht mehr. Die Schule ist heute voll davon. Allerdings ist die Schule umgekehrt auch kein wertfreier Raum. Der Verfassungsgesetzgeber hat starke Wertvorentscheidungen getroffen, auch für die Schule. Und das zu Recht. Wichtig bleibt aber: Schule ist politisch, aber niemals parteipolitisch. Und sie muss mit der Widerständigkeit des Subjekts rechnen – das heißt: Sie darf Handlungsfähigkeiten fördern, aber keine Handlungsbereitschaften intentional steuern. Diese Grenze gilt immer. Doch wo ist diese zu ziehen?

Schulen dürfen staatliche Gedenktage wie den Volkstrauertag, den Tag der Deutschen Einheit oder den Holocaustgedenktag begehen. Hier geht es um das sozialmoralische Fundament wie das historische Gedächtnis des Staates; dieses zu pflegen, ist Bestandteil einer gemeinwohlverantwortlichen Schule (selbstverständlich dürfen entsprechende Feiern dann nicht wiederum parteipolitisch vereinnahmend oder indoktrinär-manipulativ ausgestaltet werden). Und eine solche Gedenk- und Erinnerungskultur muss das Überwältigungsverbot achten, also eingebettet sein in eine für die Schüler gedanklich nachvollziehbare historische Bildung. Eine Grenze wäre überschritten, wenn Erinnerungskultur nur mit Moralisierung und Emotionalisierung arbeiten würde – dies widerspricht dem Bildungsauftrag der Schule.

Schwieriger wird es bei Aktionen, bei denen genuin geistig produktive Akte gesetzt werden. Ein Beispiel: Viele Schulen beteiligen sich an der „Stolpersteinaktion“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Zur Erinnerung an Holocaustopfer werden vor Wohngebäuden oder Schulen Gedenksteine ins Pflaster eingelassen. Solche Aktionen gehören allenfalls in das freiwillige Angebot der Schule, nicht in den Pflichtunterricht. Schule soll die Schüler dazu befähigen, Kunst zu rezipieren und selber künstlerisch tätig zu werden. Sie darf aber nicht vorschreiben, welche Art von Kunst die Schüler kollektiv zu praktizieren oder gut zu finden haben. Dies hieße, eine Art „Staatskunst“ zu produzieren.

Der vor kurzem verstorbene Verfassungsrichter und Sozialdemokrat, Ernst-Wolfgang Böckenförde, hat davor gewarnt, Demokratie als Lebensform zu verstehen. Die Freiheit bliebe sonst auf der Strecke. Diese Warnung haben heute – ausgenommen die AfD – alle Parteien im Bundestag vergessen. Und hier liegt ein Grund für die gesellschaftliche Spaltung, die wir gegenwärtig erleben. Diese sollte nicht auch noch in der Schule reproduziert werden.

PS: Und Schule ist kein Reparaturbetrieb für alle möglichen politischen oder gesellschaftlichen Probleme. Schule sollte die Schüler befähigen, die Klimadiskussion kundig zu verfolgen und zu beurteilen. … damit sie sich ein eigenständiges, fundiertes Urteil bilden können. Hierfür braucht es eine solide naturwissenschaftliche und geographische Bildung – keinen „Klimatag“, wie Christian Lindner jetzt vorgeschlagen hat.

Schlaglicht: Wahlen ändern nichts …

… diesen Eindruck kann man gewinnen: „länger gemeinsam lernen“ – denn Jugendliche müssen möglichst lange vor der Realität des Lebens bewahrt werden. Rauchen am besten erst ab 21 … Möglichst lange Anwendung des Jugendstrafrechts … Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Aber: Wählen bereits ab 14 – es geht ja schließlich um keine ernsten Dinge, Hauptsache: Der Staat macht das Leben schön. Und der Strom kommt aus der Steckdose. Moral ersetzt Politik. Und so erfahren die Freitagsdemos Zustimmung aus Parteien, Kirchen, Verbänden … Broder hat den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen: https://www.achgut.com/artikel/broders_spiegel_waehler_mit_kindergeld

Und es bleibt noch eine Frage: Wundert sich eigentlich niemand, dass Greta europaweit herumgereicht wird – alles nur ein Schülerprotest von unten!? Ein Schelm, der an böse Interesse dahinter denkt – die gibt es nur, wenn es um wohlfeile Antikapitalismuskritik gibt. Was war doch noch der Sinn von Lernen? Bildung – damit junge Menschen selber denken und die Welt gestalten können. Und eben nicht gelenkt werden durch politische Interesse, gleich von welcher Seite.

Rezension: Befähigung zum Selbstdenken

„Befähigung zum Selbstdenken“ – Unter diesem Titel würdigt Stefan Martin in der aktuellen Ausgabe der „Akademischen Blätter“ (120. Jg., H. III/2018, S. 18 f.) den Band „Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Bonn 2018)“. Die Akademischen Blätter werden herausgegeben vom Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDSt).

„In dem nun vorgelegten Band Bildung in der Demokratie greift der renommierte Sozialethiker (und Burschenschafter) Axel Bernd Kunze ein Thema auf, das ihn auf seinem gesamten akademischen Werdegang begleitet hat. Bereits in seiner Habilitationsschrift aus dem Jahre 2011 (Das Menschenrecht auf Bildung – eine pädagogisch-ethische und sozialethische Grundlegung) hat er sich eingehend mit der Bedeutung von Bildung für ein gelingendes demokratisches Gemeinwesen beschäftigt. Seither hat er das Thema in zahlreichen Vorträgen und Publikationen weiter vertieft. Die reifen Früchte dieser wissenschaftlichen Kärrnerarbeit werden nun in einem übersichtlich gegliederten und flüssig geschriebenen Buch vorgelegt. […]

Unser liberaler Verfassungs- und Rechtstaat überschreitet Grenzen und verletzt die Würde der Heranwachsenden, wenn er versucht, bestimmte Haltungen als notenmäßig überprüfbare Kompetenzen zu erzwingen. ‚Im Unterricht geht es um die Befähigung zur kritischen Reflexion, nicht um die pädagogische Exekution eines bereits feststehenden Vor-Urteils‘. Das Denken und Wollen der Schüler, hier ist Kunze vorbehaltlos zuzustimmen, muss gegenüber gesellschaftlicher Einflussnahme unverfügbar bleiben. […]

Lasst die Meinungen zu strittigen Themen ruhig aufeinanderprallen! Reinigende Gewitter im politischen Diskurs tragen zur Klärung gesellschaftlicher Fragen bei und fördern letztlich das Gemeinwohl. Dafür muss jedoch die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit der Heranwachsenden von klein auf kultiviert werden. Bildung in Freiheit, so die Quintessenz des Buches, ist dafür eine unverzichtbare Voraussetzung.“

(Stefan Martin, Rez.)

Staatslexikon online: Artikel über Christliche Bildungs- und Erziehungsverbände

Seit September 2018 ist die Onlineversion der achten Auflage des renommierten Staatslexikons der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft frei zugänglich. Neu aufgenommen wurde in die achte Auflage ein Artikel über Christliche Bildungs- und Erziehungsverbände:

Axel Bernd Kunze: Art. Christliche Bildungs- und Erziehungsverbände, in: Staatslexikon. Recht – Wirtschaft – Gesellschaft in 5 Bänden, hgg. von der Görres-Gesellschaft u. dem Verlag Herder, Band 1 (2017), Freiburg (Brsg.): Herder, 8. Aufl., Sp. 1059 – 1066; die Onlineausgabe ist über folgenden Link abrufbar:

https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/Christliche_Bildungs-_und_Erziehungsverb%C3%A4nde

Christliche Sozialethik – ein persönlicher Rückblick auf fünfundzwanzig Jahre

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Doch sind wir nicht bloß Produkt der Zeitläufte – dann wäre unser akademisches Tun allein Reaktion auf das, was uns äußerlich begegnet. Zugleich sind wir Akteure, die sich zu den Entwicklungen – mal mehr, mal weniger aktiv – verhalten können. Für die bildungsethische Reflexion spielt dieser Punkt eine nicht unbedeutende Rolle …

 

Umweltethik und Gemeinsames Sozialwort der Kirchen

Wenn Bildung zum Gegenstand sozialethischer Reflexion werden soll, genügt es nicht, allein deren äußere soziale Seite zu betonen. Bildung wäre dann nicht mehr als äußere Anpassung; von einer Widerständigkeit des Subjekts könnte keine Rede mehr sein. Die vorgängig subjektiv – personal – bestimmte Sicht auf Bildung in Beziehung zu setzen zu ihren sozialen Bedingtheiten, bildet die spezifische Herausforderung jeder Sozialethik der Bildung.

Diese gehört nicht zu den traditionellen Themen der Disziplin. Das seinerzeitige Bamberger DFG-Forschungsprojekt „Menschenrecht auf Bildung: Anthropologisch-ethische Grundlegung und Kriterien der politischen Umsetzung“ zeigt, wie sich das Fach ausdifferenziert hat. In Münster, wo mein Interesse an der Christlichen Sozialethik geweckt wurde, war diese Entwicklung deutlich wahrzunehmen – in jenen Jahren vor allem geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen Sozialwort. Das Oberseminar in Bamberg, später in Münster, an dem ich fast zwölf Jahre teilnehmen durfte, hat gezeigt, dass sozialethisches Forschen nicht allein Fragen der Staats- und Wirtschaftsordnung betrifft. Diese Offenheit für eine Bandbreite an Themen habe ich als bereichernd empfunden. Den Beginn, tiefer in die Christliche Sozialethik einzusteigen, bildete vor fünfundzwanzig Jahren eine Hausarbeit im umweltethischen Unterseminar von Prof. DDr. Franz Furger und Dr. Marianne Heimbach-Steins am Institut für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster.

 

Axel Bernd Kunze: Soziale Verantwortung zum Thema machen! Das Sozialwort der Kirchen und die kirchlich-soziale Bildungsarbeit (Akademische Abhandlungen zu den Erziehungs­wissenschaften), Berlin 2001.

 

Politische Ethik

Die damalige Spendenaffäre der Union legte ein Thema für die geplante Dissertation nahe: Unser Gemeinwesen lässt sich zentral als Parteiendemokratie bestimmen. Einfluss auf die Ausgestaltung unseres staatlichen oder gesellschaftlichen Zusammenlebens verläuft in entscheidender Weise über die Parteien, denen das Grundgesetz erstmals in der deutschen Verfassungsgeschichte ausdrücklich eine verfassungsrechtliche Rolle zubilligt. Gleichzeitig gibt es ein Unbehagen, das sich auch im Titel der Arbeit niederschlug: Parteien zwischen Affären und Verantwortung. Das erste Mal führte mich beim Vorgespräch mein Weg in die Stadt an der Regnitz …

 

Axel Bernd Kunze: Parteien zwischen Affären und Verantwortung. Anforderungen an eine Verant­wortungsethik politischer Parteien aus christlich-sozialethischer Perspektive (Schriften des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; 52), Münster (Westf.) 2005.

 

Bildungsethik

Die erste Berufung meiner Doktormutter nach Bamberg, der ich – ausgestattet mit einem Promotionsstipendium – folgte, erwies sich als glückliche Fügung. Schnell hatte ich mich in Franken eingelebt, Bamberg wurde so etwas wie eine zweite Heimat. Durch Aufnahme des Bandes der Bamberger Alemannia hat sich diese Verbindung verstärkt – und dauert im Lebensbund fort, auch wenn ich die Stadt mittlerweile beruflich Richtung Schwaben verlassen musste.

Aus der sozialethischen Beschäftigung mit Bildungsfragen ist eine Hauptprofession im Schuldienst und in der Schulleitung geworden. Die Fragen kehren in veränderter Gestalt wieder. Wenn Bildung nur als Selbsttätigkeit denkbar ist, muss gefragt werden, auf welche Weise der Staat bildungspolitisch agieren darf, ohne gerade das zu verhindern, was pädagogisch erreicht werden soll: jene Freiheit der Einzelnen, auf die der Staat um seiner eigenen Zukunft willen nicht verzichten kann. Unser Gemeinwesen lebt von der Produktivität seiner Bürger, die nur begrenzt steuerbar bleibt. Viele Veröffentlichungen aus der Habilitationsphase und der Zeit danach – bis heute – drehen sich nicht zufällig um das Thema Freiheit, an prominenter Stelle im Titel der Habilitationsschrift: Freiheit im Denken und Handeln.

Diese bleibt ein gefährdetes Gut. So werden die Fachschulen „im Ländle“ etwa von der Dienst- und Fachaufsicht verpflichtet, eine Didaktische Jahresplanung zu implementieren. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese als Trojanisches Pferd. Denn was auf diese Weise unter dem Signum pädagogischer Qualitätssicherung gesteuert werden soll, ist darüber hinaus das methodische Handeln der Lehrkräfte. Dies widerspricht der pädagogischen Freiheit, welche die eigentliche Professionalität des Lehrberufes ausmacht. Gerade deshalb verschleiert die staatliche Schulaufsicht ihren Eingriff in die konzeptionell-methodische Freiheit der Lehrer und Privatschulen unter dem Etikett „didaktisch“. Nur ein Beispiel dafür, welche Rolle bildungsethische Fragen im beruflichen Schulalltag spielen …

In guter, dankbarer Erinnerung geblieben sind mir aus der Zeit am Bamberger Lehrstuhl die angenehme, kollegiale Atmosphäre sowie die regelmäßigen Dienstbesprechungen, die über das Organisatorische hinaus Einblick in die Praxis wissenschaftlicher Arbeit ermöglichten.

In unserer damaligen DFG-Projektgruppe bestand keinesfalls Einigkeit darüber, wie das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit bei der Bestimmung von Bildungsgerechtigkeit angemessen auszulegen sei. Der Verfasser dieser Zeilen wird bis heute nicht müde, Widerspruch anzumelden gegen einen aus seiner Sicht schädlichen Egalitarismus im bildungspolitischen und -ethischen Diskurs. Weitere Diskussionspunkte waren etwa die Bewertung des neuen Kompetenzparadigmas, die Aussagekraft, die der empirischen Bildungsforschung zugemessen werden kann, oder die Abgrenzung zwischen unerlässlichen Wesensgehalten und vorläufigen, interpretierenden Prinzipien bei Auslegung eines Rechts auf Bildung. Bemerkenswert und sehr wohltuend war, dass die verschiedenen Auffassungen im gemeinsamen Forschungsprojekt zu Wort kommen konnten und respektiert wurden. Aus Sicht der Projektleitung war es sicher nicht immer leicht, die kontroversen Positionen zusammenhalten, was bis zum Ende gut gelungen ist.

 

Axel Bernd Kunze: Freiheit im Denken und Handeln. Eine pädagogisch-ethische und sozialethische Grundlegung des Rechts auf Bildung (Forum Bildungsethik; 10), Bielefeld 2012.

 

Migrationsethik

Immer wieder sind bei der sozialethischen Reflexion Maß und Mitte nicht aus dem Blick zu verlieren. Dies kann ein hartes, kontroverses Ringen bedeuten, wie sich nicht zuletzt in der jüngeren Migrationsethik zeigt. In der ethischen Beurteilung der migrations-, integrations- und staatspolitischen Herausforderungen, vor denen wir nicht allein kurzfristig stehen, zeigen sich auch innerhalb der sozialethischen Disziplin deutliche Gräben zwischen den verschiedenen Lagern. Einen Niederschlag hat dieses argumentative Ringen in der Beteiligung am Sammelband Zerreißprobe Flüchtlingsintegration gefunden.

Nicht zuletzt der Stellenwert staatsethischer Argumente bleibt strittig. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Christliche Sozialethik in der jüngeren Vergangenheit zunehmend unpolitischer geworden ist – möglicherweise eine Kehrseite der oben beschriebenen Ausdifferenzierung? Staatsrechtliche und -politische Fragen, das Nachdenken über die – gefährdeten – Grundlagen unseres Gemeinwesens und die Belastbarkeit des Staates oder Themen wie Vaterland, Nation, Volk und Identität stehen nicht hoch im Kurs. Die Gesellschaft hat dem Staat sozialethisch den Rang abgelaufen. Fragen der Gesellschaftsreform, kulturwissenschaftliche Betrachtungen oder ein Menschenrechtsdenken jenseits nationalstaatlicher Bezüge stehen sozialethisch im Vordergrund.

Meine Skepsis bleibt, dass sich auf diese Weise sozialethisch ein Staat machen lässt. Die Disziplin fußt auf der starken Tradition eines christlich orientierten Staatsdenkens. Möglicherweise werden die genuin staatsethischen Fragen im Zuge der Migrationskrise schneller zurückkehren, als viele gegenwärtig glauben. Ich freue mich darauf, diese und weitere Debatten auch in Zukunft sozialethisch mitzugestalten …

 

Axel Bernd Kunze: Wo stößt Gastfreundschaft an Grenzen?, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg./Basel/Wien: Herder 2017, S. 56 – 69.