Schlaglicht: Kirchen im Ausverkauf – nur noch Routine?

„Kirchen im Ausverkauf“ – so der Titel einer Dokumentation, die am 29. No­vember um 21.15 Uhr im dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks lief. Es ging um die Profanierung und den Abriss von Kirchen in Norddeutschland – ein Beispiel davon aus dem Bistum Hildesheim. Zu Jahresbeginn wurde im Hannoveraner Stadtteil Stöcken die Kirche Zur Heiligen Familie aufgegeben und abgerissen. Auf dem Gelände sollen Wohnungen für alte und behinderte Menschen entstehen.

Viele Menschen betrachten schon länger mit großer Sorge, wie sich die Kirche in weiten Teilen unseres Landes aus der Fläche zurückzieht. Der Priestermangel ist sicherlich ein gravierender Punkt, aber nicht der einzige. Es kann nicht darum gehen, jede Strukturveränderung von vornherein auszuschließen. Die Entwicklung von Stadtteilen oder Orten verändert  sich. Und es kann sicher weitere gute Gründe geben, pfarrliche Strukturen zu überdenken. Möglicherweise sind auch Kirchenschließungen nicht immer zu vermeiden, zumal auch die Kirche gezwungen ist, mit ihren finanziellen Mitteln verantwortlich umzugehen. Genauso nachzuvollziehen sind aber die Emotionen, die im Film aus der Gemeinde in Hannover gezeigt wurden. Der Pfarrer der Gemeinde, der im Film mehrfach zu Wort kam und den ich noch aus meinem Theologiestudium kenne, hat den richtigen Ton getroffen, mit der rechten Balance aus notwendiger Loyalität und spürbarer Verärgerung. Die Sprachlosigkeit des Weihbischofs gegenüber den betroffenen Gemeindemitgliedern hingegen war im Film geradezu zum Greifen spürbar. Er versucht, alle Konflikte wegzulächeln.

Was nach der Dokumentation mehr erschüttert hat als die Kirchenschließung, ist die Geistlosigkeit auf der Leitungsebene des Bistums. Wenn in einem Stadtteil die letzte christliche Kirche geschlossen wird (die evangelische Kirche war in diesem Fall schneller), wäre mehr Kreativität gefragt gewesen als jene Routine, mit der Kirchenschließungen mittlerweile abgewickelt werden. Offenbar ist es dem Bistum Hildesheim mittlerweile wichtiger, eine muslimisch-katholische Kindertageseinrichtung in Gifhorn zu unterhalten, als die Präsenz des christlichen Gottesdienstes in einem Stadtteil zu bewahren. Das ist ein fataler Irrweg. Hier werden – bei allem Verständnis für das notwendige interreligiöse Gespräch – die falschen Gewichte gesetzt. Und dies kommt einem Verrat am missionarischen Zeugnis gleich, das der Kirche aufgetragen ist. Will die Kirche mit einem Projekt wie in Gifhorn politisch gefallen? Nimmt man politische Anliegen von außen ernster als die Sorgen einer Gemeinde, der die geistliche Heimat verloren geht?

Auch wenn die Worte des Weihbischofs im Film anderes andeuten, können säkulare Sozialprojekte kein Einsatz für ein Gotteshaus sein. Vielmehr wird auf Dauer auch der diakonische Einsatz erlahmen, wenn er nicht durch eine entsprechende geistliche Haltung gedeckt ist. Überdies hat eine Kirche im Stadtteil eine wichtige Bedeutung, nicht allein für die eigenen Gemeindemitglieder. Wo christliche Kirche nicht mehr präsent ist, verändert sich der Charakter unseres Landes, verändert sich auf Dauer die kulturelle Identität unseres Gemeinwesens.

Deutschland hat zwei Diktaturen hinter sich. Wer diese Erfahrung ernsthaft bedenkt, sollte wissen, wohin ein Gemeinwesen führt, das Gott keinen Platz mehr im öffentlichen Raum einräumt und in dem Kirchen aus dem Weg geräumt werden.

Man kann darüber streiten – und dies geschieht ja bereits –, ob der jüngst begonnene Synodale Weg in der katholischen Kirche den Themen Mission und Evangelisierung zu wenig Raum einräumt oder nicht. Eines aber fällt mir immer wieder auf, wenn ich im Ausland zu Gast bin, häufiger in Dänemark und im Vereinigten Königreich: In jeder Eucharistiefeier gehören Katechumenen, die sich beim Kommuniongang oder an der Kirchentür segnen lassen, ganz selbstverständlich zum kirchlichen Leben dazu. In Deutschland ist dies nicht der Fall – und wenn es Glaubenskurse gibt, werden diese, so mein Eindruck, eher verschämt versteckt. Ob die alles in allem immer noch gute finanzielle Absicherung der Kirche hierzulande das Ihrige zu dieser Wahrnehmung beiträgt, will ich nicht spekulieren. Dies ist nicht die Frage. Denn es geht nicht um Geld, sondern um den Geist, der in der Kirche herrscht – und der sollte missionarischer sein. Ich kann mich noch an mein Studium der Pastoraltheologie erinnern, in dem Glaubensweitergabe als falsches Rekrutierungsdenken verunglimpft wurde – dann müssen wir uns über schrumpfende Gemeinden nicht wundern.

Schlaglicht: Ein Prozess schleichender Umdeutung …

Die Grundrechte unserer Verfassung sollen dem Einzelnen die Freiheit zur selbstbestimmten Lebensgestaltung sichern. Frei von staatlicher Bevormundung soll er sein und geschützt vor staatlichen Eingriffen in das eigene Denken, Urteilen und Handeln. Das war einmal. Wer Kinderrechte in die Verfassung aufnimmt, beschneidet das Elternrecht und vergrößert den staatlichen Einfluss auf das Familienleben. Wer eine Frauenquote für Vorstände vorschreiben will, untergräbt die unternehmerische Freiheit und damit ein zentrales Prinzip sozialer Marktwirtschaft. Wer Vereinen, die allein männliche Mitglieder aufnehmen, die Gemeinnützigkeit entzieht, beschädigt die Vereinigungsfreiheit und unterwirft den gesellschaftlichen Bereich staatlicher Bevormundung. Schleichend wird unsere Verfassungsordnung umgedeutet. Es geht nicht mehr um eine produktive Freiheit der Einzelnen zum Wohl des gesellschaftlichen Ganzen, sondern um eine durch den Staat gelenkte Freiheit. Auf diese Weise untergräbt der liberale Rechts- und Verfassungsstaat sein eigenes Fundament. Denn ein vitales, geistig produktives und wirtschaftlich erfolgreiches Gemeinwesen bleibt auf individuelle Freiheit angewiesen. Staatliche Gängelung wirkt auf Dauer lähmend und erstickt die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit. Hoffen wir, dass die individuelle Freiheit nicht zu einem Märchen aus uralten Tagen wird …

Schlaglicht: „Selbstzerstörung der Wissenschaft“

Freiheit ist kein fester Besitz; um sie muss immer wieder neu gerungen werden. Das Bewusstsein für den Wert der Meinungs-, Publikations- und Wissenschaftsfreiheit schwindet bedenklich, auch wenn die Kanzlerin anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums des Mauerfalls anderes behauptet. Heike Schmoll spricht zu Recht von einer „Selbstzerstörung der Wissenschaft“ (F.A.Z. v. 4. November 2019. S. 1). Die Universitäten sind durchaus Taktgeber dieser Entwicklung. Treibende Kraft sind nicht immer radikale Studenten. Immer häufiger sind es die Wissenschaftler selbst, welche die Verfolgung des heterodoxen Geistes in den eigenen Reihen organisieren, mitunter sogar im Namen der Pluralität. So rufen Fachgesellschaften zum Boykott bestimmter Zeitschriften auf, mahnen an, diese nicht mehr in Bibliotheken zu führen, oder verlangen ihren Mitgliedern ab, politische Gesinnungsbekenntnisse zu unterzeichnen. Wie überzeugend ein wissenschaftliches Argument ist, kann allein im freien, fairen wissenschaftlichen Diskurs geprüft werden. Hierfür muss eine Position aber erst einmal ausgesprochen oder veröffentlicht werden dürfen.

Schlaglicht: Zwischen Begrenztheit und Unendlichkeit – ein Paradoxon der aktuellen Gerechtigkeitsdebatte

Zwei Gründe zwingen uns dazu, über Gerechtigkeit nachzudenken: die Erfahrung von Ungleichheit und die Begrenztheit aller irdischen Ressourcen. So weit, so gut, könnte man meinen. Und die Klimadebatte scheint diese keineswegs neue Erfahrung zu bestätigen. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt, die fossilen Rohstoffe endlich – anderes zu behaupten, wäre töricht. Doch bleibt die Frage, ob Panik ein guter Ratgeber ist, mit begrenzten Ressourcen umzugehen. Diese führt zunächst einmal zu kopflosem Verhalten, nicht aber unbedingt zu sinnvoller Weiterentwicklung der kulturell-technischen Möglichkeiten, die der Mensch als „Kulturwesen von Natur aus“ (Arnold Gehlen) zum Überleben braucht. Solche braucht es vielleicht mehr als eine säkularisierte postprotestantische Verzichtsethik, die gegenwärtig gepredigt, aber keinesfalls gelebt wird.

Und Panik verstellt den Blick. Sonst würde möglicherweise auffallen, dass wir in einer anderen zentralen Debatte unserer Zeit ganz anders argumentieren: „Weshalb Grenzen offen sein sollten“, lautet ein Essay Joseph H. Carens (Ditzingen: Reclam 2019), der bereits 1987 verfasst, aber in unseren Tagen neu aufgelegt wurde. Wer Grenzen grundsätzlich unter Generalverdacht steht, muss von der Unendlichkeit staatlicher Ressourcen überzeugt sein. Wer wie Carens sowohl eine unbegrenzte Freiheit aller Menschen, verstanden als Niederlassungsfreiheit, als auch unbegrenzte Gleichheit aller Menschen, die jegliche Begrenzung als inhuman diskreditiert, fordert, versucht die Quadratur des Kreises. Gerechtigkeit bildet sich durch das polare Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit. Wo es keine Begrenzungen mehr gibt, gibt es auch keine Unterscheidung mehr, damit aber auch weder Identität noch Individualität.

Schlaglicht: Roma locuta, causa finita? Oder fängt der Streit jetzt erst richtig an?

Der Haussegen zwischen Rom und den deutschen Bischöfen hängt schief. Grund ist der synodale Prozess, auf den sich Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken verständigt haben. Man kann einen solchen Prozess machen – oder auch nicht. Mit der Problematik der Missbrauchsskandale hat das nur noch wenig zu tun (insbesondere in der Frauenfrage, die kirchenpolitische Interessen wenig überzeugend damit verquickt). Wer allerdings Reformen ins Werk setzen will, braucht hierfür theologische Substanz. Und die ist gegenwärtig leider oft rar gesät.

In der Sexualethik bestehen deutliche Anfragen hinsichtlich des Umgangs mit humanwissenschaftlichen Aussagen und des kirchlich vorausgesetzten Menschenbildes. Hier beteht Handlungs- und Klärungsbedarf. Doch kann es dbei nicht einfach um Anapassung an eine aktuelle, soziologisch zu beschreibende Mehrheitsmeinung gehen. Denn dann kann die Theologie schnell zur Waise werden. Und bin mir sicher, dass wir neue Antworten aus der eigenen theologischen Tradition heraus entwickeln könnten, auch ohn den problematischen Dauerrekurs auf Judith Butler, der theologisch gegenwärtig sehr en vogue ist.

Dass es momentan viele Reformen, etwa die Forcierung von Wort-Gottes-Feiern oder die Errichtung von Seelsorgeeinheiten, gibt, die weder kirchenrechtlich stimmig noch theologisch überzeugend sind, sondern den Geruch von Notlösungen atmen, die aber als etwas anderes verkauft werden, ist unbefriedigend. So wichtig strukturelle Veränderungen oder eine Neuorientierung in der Sexualethik sind, ebenso wenig sollte der synodale Prozess eine andere Frage aus dem Blick verlieren: Wie kann die Pastoral missionarischer werden? Wenn ich im Ausland bin, erlebe ich, wie selbstverständlich Taufbewerber dort zum Gottesdienstbild dazugehören und wie selbstverständlich Priester solche Besucher, die sich für den Katholizismus interessieren, zu Glaubenskursen oder zum Gespräch einladen. Ja, man rec hnet damit, dass sich Menschen für den Glauben interessieren … Im Theologiestudium hingegen habe ich eine Pastoraltheologie erlebt, die solches als „Rekrutierungspastoral“ verunglimpft hat. Dann sollten wir uns über schwindende Zahlen nicht wundern.

Schlaglicht: Gesinnungs- oder Verantwortungsethik?

„Lindner kritisiert Aufnahmequote für Flüchtlinge“ – so die F.A.Z. am 16. September 2019 auf ihrer Titelseite. Der Bundesinnenminister lässt schon lange eine klare politische Linie vermissen. Nun ein weiterer Kurswechsel, sekundiert von den üblichen Verdächtigen – und dies aus wahlstrategischen Gründen: Konnte Seehofer die harte Linie gegenüber der Kanzlerin nicht durchsetzen, will er jetzt bei den Grünen punkten. Und verfehlt dabei seine Aufgabe. Der F.D.P.-Chef hat mit seinen Bedenken Recht. Es geht nicht um humanitäre Seenotrettung, sondern um den Missbrauch eines uralten Rechts durch Organisierte Kriminalität. Diese zu bekämpfen, braucht es einen Staat, der wieder gewillt ist, äußere und innere Sicherheit durchzusetzen. Seehofers Entscheidung wird eine Sogwirkung erzeugen, welche das Schleppernwesen verstärkt. Und es braucht keine Gesinnungsethik, wie der EKD-Ratsvorsitzende sie predigt, sondern eine Verantwortungsethik, wie sie der evangelische Sozialethiker Richard Schröder vertritt.

Schlaglicht: Päpstlicher Populismus?

F.A.Z.: „Arsenpillen für den Heiligen Vater“?

Im deutschen Katholizismus sind viele bereit, über die Fragwürdigkeiten dieses Pontifikats hinwegzusehen. Franziskus verkauft sich medial gut, zeigt aber wenig Interesse, bestehende Probleme strukturiert anzugehen. Eine klare Linie ist nicht erkennbar, vor allem fehlt es an theologischer Substanz. Wenn der Papst vor politischem Populismus warnt, wäre zugleich Selbstkritik und weniger Selbstgewissheit bei vorletzten Fragen angebracht. Franziskus liebt plakative Formulierungen, bedient dabei aber allzuoft linke Klischees oder den politischen Zeitgeist. Von einer großen Glaubensgemeinschaft wie der katholischen Kirche wäre mehr sozialethische Klugheit und staatsethische Verantwortung zu erwarten. Zudem verliert Religion, wo diese politisiert wird, an geistlicher Kraft. Das nächste Konklave dürfte ebenfalls wenig berechenbar sein, da die Kardinalsernennungen der letzten Jahre die bisherigen theologischen Zentren in Europa und Nordamerika geschwächt haben. Zumindest das war Programm.

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/papst-warnt-europa-und-geht-mit-kritikern-hart-ins-gericht-16379857.html