Rezension: Lyrische Sehenswürdigkeiten – eine Würdigung aus fachdidaktischer Perspektive

Thomas Hald: die abendsonne im glas. Gedichte (Poesie 21), Deiningen: Steinmeier 2018, 96 Seiten.

Haben Sie dieses eigenartige Verhalten auch schon beobachtet? Man steht an einer dieser Sehenswürdigkeiten, dem Eiffelturm, der Tower Bridge, dem Brandenburger Tor oder dem Hradschin – und die Menschen fotografieren, was das Handy aushält. Das allein ist noch nicht bemerkenswert; bemerkenswert ist aber, dass es gleich nebenbei Ansichtskarten von eben diesen Sehenswürdigkeiten zu kaufen gibt, dass die Bilder im Netz stehen und man sie nur herunterzuladen bräuchte und sich bei begrenzter Reisezeit nicht selbst um die beste Perspektive bemühen müsste. Man möchte mit aufs Bild. Mehr noch: Man möchte sein eigenes Bild, seinen eigenen Blick verewigen. Davon handelt der vorliegende Gedichtband. Er thematisiert Sehenswürdigkeiten.
Was macht etwas, das man sieht, wert, gesehen zu werden? Was macht es zu einer Sehenswürdigkeit? Dass alle da waren? Oder dass man selbst da war? Dass man selbst da war, wo alle waren? Nein – lässt Thomas Hald den Leser in seinem neuen Gedichtbahn ahnen – es ist, dass ich anders da war, als alle anderen da waren. Ein Gedichtband, fast ausschließlich gefüllt mit Gedichten, die Titel tragen wie: „mining, berggasse“, „mariawald“, „neuschwanstein“, „london“, „amsterdam“, „hamburg“, „olympia“ und so weiter. Ikonen des Tourismus. Berühmte Städte und Stätten, Sehenswürdigkeiten eben, die thematisiert werden. Kann man dazu noch etwas sagen? Ja, genau so, wie man selbst den Eiffelturm noch einmal für sich fotografieren kann. Die Gedichte halten fest, was das Ich erlebt hat – bis hin zu intimen Details, die ihm zuweilen der wirkliche Höhepunkt der Sehenswürdigkeit zu sein schien. Hemmungslos privat. Im Inhaltsverzeichnis stehen hinter den Gedichten Daten: Sind die Texte an diesem Tag entstanden – oder waren die Eindrücke auf für das Ich nur gültig an diesem einen Tag? Haben sie sich durchs (Be-)Schreiben aufgelöst – oder erst herausgebildet: „am hauptbahnhof die augen voll von / morgensonnengold // (…) spätabends, (…), fließt dir/ das gold vom morgen aufs papier“ (S. 70). Peter Rühmkorf gab 1979 einen Gedichtband mit dem Titel „Haltbar bis Ende 1999“ heraus, der sich auf ein gleichnamiges Gedicht aus dem Jahre 1978 bezog. Ist bei Hald das Entstehungsdatum auch das Verfallsdatum – oder ist das gerade die Frage? Wie lange sollen diese Gedichte halten? Vielleicht nur einen Tag – und gerade deshalb ein ganzes Leben. Weil sie an diesen einen Tag, an diese ein-maligen, unverwechselbaren, unwiederholbaren Augenblicke erinnern: Wie etwas war nur „an diesem Abend“ (S. 19). Hier will das Ich zuerst einmal nichts verallgemeinern; im Gegenteil: Dass Allgemeingut wird vereinzelt und aufs Ich bezogen. Ist es dann noch ein „Gut“? Oder wird die Sehenswürdigkeit überhaupt erst dadurch zum Gut, dass man sie für sich prüft? Das wird man lesend erarbeiten müssen.
Die Gedichte provozieren beim Lesen Gefühle, indem sie zuallererst von (vergangenen) Gefühlen berichten, von Assoziationen: „LONDON (…) war mein erster gedanke beim anblick der …“ (S. 16). Sie berichten wie der zitierte Reiseleiter, von dem, was kommentiert und damit vom Gesehenen getrennt wurde (S. 18).
Man liest das kleine Büchlein beim ersten Mal so, wie man einen Reiseprospekt durchblättert oder einen Fremdenführer: Was kennt man, was kennt man nicht, wo war man auch? Stimmen die Bilder? Aber es sind keineswegs zu Ikonen gefrorene Bilder, Zitate des Bekannten, es sind keineswegs auch nur Skizzen, „hingepinselt, gereimte zeilen / auf dem papier“ (S. 79) keine Kleinigkeiten wie „eine/dampfende tasse kaffee“ (S. 67), sondern Gegengewichte, die das falsche Leben und Erleben des Allgemeinen ausgleichen sollen: „ein schwereres gegengewicht / um die balance zu finden / formlosigkeit mit deinem gedicht / zu überwinden“ (S. 78). Der Autor hat gewissermaßen „den pinsel im Mund“ (S. 20), er malt nicht wie die Maler, er fotografiert nicht wie die Touristen, sondern er ahmt die Geste des Malens nach, ahmt sie mit Worten nach, die die gleiche Geste zu etwas ganz anderem werden lassen: „könnte ich malen, dann wäre ich / kein dichter: würde schauen und schweigen“ (S. 52). Aber er schreibt. Er ordnet.
Hald schreibt in leichter Sprache, gelegentlich etwas sehr leicht, sehr nah am Alltagsjargon, der die Wahrnehmung verstellt („enorm“ [S. 72] – passt das Wort in einen Gedichtband, gleich zweimal?) Viele Gedichte sind nicht gereimt, aber sie zeigen den Sprachartisten, der zuweilen verschwenderisch mit wunderschönen Reimideen umgeht, indem er sie nicht nutzt: „erst schluckte er, dann spuckte er“ (S. 17). „TRAVEMÜNDE // fast eine sünde“ (S. 44). „muscheln“, neben „möwen, die sich kuscheln“ (S. 44). Und dann plötzlich ein Gedicht, das so fein und kompliziert, so artifiziell und federleicht gereimt ist, dass man es beim ersten Lesen überliest: Ausgerechnet das musikalische „Café Mozart“ weist das Reimschema „a,b,c,b,a,c – d,e,d,e, f,g,f,g“ auf (S. 63). (Nur fällt dem mit dem Mund malenden Ich im Café etwas ganz anderes auf, was wir hier dezent übergehen wollen!)
Aber die Hemmungslosigkeit hat einen guten Sinn. Auf diesen Sinn weisen kleine Sprachbilder, die wie Miniaturen in wenigen Worten auf etwas Großes deuten, das man selbst noch auffinden muss: „die eine stirbt, / schon kommt die nächste aus dem nichts“ (S. 86) heißt es – über Wespen. Nur über Wespen? Da „stand im thronsaal nie ein / thron“ (S. 15) – was viel zu denken gibt, zum Beispiel ob ein Esszimmer auch ein Esszimmer ist, wenn man nie in ihm isst? „stop-and-go auf dem Rückweg“ (S. 17) – welch ein Gedankenbild. Bei „Lindau“ erlebt er eine „panoramafahrt / über den boden“ (S. 23) – ist das nicht die Theorie des Tourismus in vier Worten, zumal der Wortsetzer uns lustig stolpern lässt. Denn insgesamt lautet der Satz: „drei länder // panoramafahrt / über den boden // see“ (S. 23). Und: „leucht- / feuer werden vom nebel erstickt.“ (S. 45) – so geht es den Warnern und Propheten; denn „eine boje liegt / auf dem trockenen“ (S.46). In Rom stößt er auf Säulen, die „nur noch ihr eigenes gewicht“ tragen (S. 28) – und vielleicht das Altern symbolisieren – oder den staatstragenden Politiker, den Säulenheiligen, der nicht zurücktreten mag, obwohl er nur noch sich selbst trägt. (Ja, es gibt auch Tagespolitik: Den Brexit [S. 85] etwa. Und witzige Kulturkritik: „timing // beethovensklavier- / trio: zwischen zwei sätzen / klingelt ein handy“.) Kinder, denen der Ballon wegfliegt, und die so ihr Glück nicht fassen können, so wie es uns Erwachsenen im ganzen Leben meistens geht: Man kann es nicht fassen (S. 53). So könnte man, blütenlesend, durch den Text wandern, angeregt vom besonderen Blick und der in Sprache verallgemeinerten Einmaligkeit, die vielleicht mehr über das Ganze verrät, als allgemeine Sätze: „ein spatz / schnappt sich die brösel“ (S. 84).
Das Buch ist artifizieller, als es sich präsentiert und dem spontanen Leser darstellen mag: Es gibt nicht nur die offene Verweise auf andere Poeten, Reiseschriftseller oder Individualisten, auf den heiligen Benedikt (S. 10), Heine (S. 46) (der, wie vielleicht alle Dichter, „beim kurtheater / [nur, V. L.] auf einem niederen sockel“ [S. 47] steht). Verwiesen wird auf Heraklit (Seiten 27. 50) – der das geheime Motto des Gedichtbandes formulierte, nämlich, dass man nichts zweimal gleich erlebt), auf Hölderlin (S. 78), auf Rilke (S. 11; des „überreifen jahrs“; bei Rilke: „Überreif // Mancher Sommer schenkt sich übervoll, / daß man die Früchte nicht mehr pflücken mag. / Die Ernte, die in meinen Körben schwoll, / in meiner Hand in saftig prallen Stücken lag, // war überreich, daß ich sie nur vergeude.“). Sondern es gibt auch feine (und fein versteckte) Zitate, ausgeliehene Bilder: „mir ist immer so fad / (drum fällt mir was ein) / bei der rasur im bad“ – John Lennon fiel dabei ein Liebenslied an seine Frau Yoko ein: „In themiddleof a shave I callyourname / Oh, Yoko / Oh, Yoko / Mylove will turn you on” („Oh Yoko“). Das Gedicht „Schwalben“ (S. 72) erinnert Ernst Tollers erfolgreiches „Schwalbenbuch“ (1924). Und die Frage „wie weit muss man gehen, / um die tage zu nehmen, / wie sie sind?“ (S. 76) an Bob Dylans bekanntestes Lied: „How many roads must a man walk down …”(vergleiche auch Seite 16).
Wie die Sehenswürdigkeiten muss man auch diese Gedichte mehrmals besuchen und dann herausfinden, was sie bedeuten für das eigene Leben.
Die Gedichte dieses Bandes eignen sich (wie schon der frühere Band „im tonfall des jungen sommers. gedichte“. Deiningen 2011; vergleiche Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule 3/2013, S. 305) sehr gut zur Einführung in die Spezifika literarischen Sprechens, speziell der Lyrik. Einige Aspekte sind bereits angeklungen:
• Sämtliche Gedichte zeigen an (auch jungen Schülern) bekannten Beispielen („London“) den Vorgang individualisierten Schreibens: Äußere und innere Welt werden unterschieden und dann wieder in Beziehung gesetzt durch eine eigenwillige Metaphorik; durch biographische Einzelheiten; durch Hervorhebungen individueller Aspekte oder sogar Assoziationen – insgesamt durch die Perspektive, die das Ich einnimmt (Blick aus dem Bus, aus dem Touristenboot, vom Balkon und so weiter) Zuweilen nennt nur die Überschrift einen Namen, der Allgemeines verspricht, während der Text ausschließlich subjektiv und zuweilen privat bleibt. Herauszuarbeiten wäre, wie Hald diese Individualisierung erreicht.
• Das Prinzip des pars pro toto wird immer wieder erkennbar, das heißt, an (unauffälligen) Einzelheiten wird etwas Ganzes erklärt. Bei Hald werden Lebenserfahrungen – fast schon Gesetzmäßigkeiten – aus unscheinbaren Beispielen gewonnen – etwa die Boje, die auf dem Trockenen liegt und so keine Funktionen mehr erfüllen kann – als Bild für die funktionslos gewordenen traditionellen Orientierungen (Sitten, Normen, Kirchen und so weiter) in der modernen („ausgetrockneten“, verebbten, sich zurückziehenden) Gesellschaft.
• Hald geht virtuos mit stilistischen Mitteln wie Zeilenstil, Zeilenbruch oder Reim um: Welche Wirkung (Überraschung, Aufmerksamkeit, Erstaunen, Verwunderung, Aufmerken, „Stolpern“) erreicht er durch diese Stilmittel? Wann reimt er – warum? Welche Wirkungen erzielt der Reim? Welche Bedeutung hat die Kleinschreibung, die ja einen bedeutsamen Lesewiderstand darstellt – und so bewusstes Lesen verlangt.
• Zahlreiche Gedichte formulieren eine Poetik der Lyrik, wenn sie den Vorgang des Schreibens betrachten. Warum schreibt Hald? Ist das Motiv verallgemeinerbar? Wie schreibt er diese Gedichte? Ist das typisch für die Lyrik? In seinen Vergleichen mit der Malerei weist er die Sprache und ihre Leistungen als Besonderheit der Literatur aus – die bestimmte Ansprüche der bildenden Kunst („Kontemplation“) nicht übertragbar machen, weil Sprache immer Reflexion ist. Und ohne Sprache bleiben Bilder stumm.
• Das Prinzip der expliziten und impliziten Intertextualität ist sehr gut zu erarbeiten (zur Theorie vergleiche Richard Aczel: Intertextualität und Intertextualitätstheorien, in: Ansgar Nünning [Hg.]: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart/Weimar 2004 [3. Aufl.], Seiten 299 bis 301). Der Autor zitiert andere Autoren, etwa im Motto, im Text, aber er übernimmt auch allgemeine – oder nur ihm – bekannte Textstellen anderer Autoren. Worte sondern zwar im Alltag aus den diffusen Eindrücken das Gemeinte aus, aber sie erweitern auch das konventionelle (scheinbar definierte) Sprechen, indem sie Mitgemeintes transportieren. Die Gedichte Halds sind teilweise ein „Mosaik aus Zitaten“ (vergleiche Julia Kristeva: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman, in: Jens Ihwe [Hg.]: Literaturwissenschaft und Linguistik III, Frankfurt am Main 1972, Seiten 345 bis 375, hier: S. 345).

Volker Ladenthin (Bonner Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Bonn)

Ich danke Dr. Hans-Michael Tappen (München) für die Vermittlung dieser Rezension.

Advertisements

Rezension: Nichtstun ist keine Lösung

Ist „Gutmensch“ ein Schimpfwort oder eine Auszeichnung? Reicht der Wille zum Guten aus oder braucht es starke Kriterien für eine verantwortungsvolle Güterabwägung? Was bedeutet politische Verantwortung in Zeiten wie den unsrigen? … Um diese und ähnliche Fragen geht es Hilal Sezgin in ihrem Band „Nichtstun ist keine Lösung“. Axel Bernd Kunze beleuchtet den Band kritisch in einer Kurzrezension im aktuellen Heft der Zeitschrift „Publik-Forum“ (Nr. 22/2018, 23. November, S. 54).

Rezension: Wer war der heilige Nikolaus?

Thomas Schumacher (2018): Der heilige Nikolaus – Bischof von Myra. Annäherungen aus Geschichte, Legenden und Theologie, München: Pneuma, 136 Seiten.

Nikolaus kennt man als Kinderfreund. Auch kennt man so manche Geschichten. Doch wer ist dieser einst einflussreichste Heilige überhaupt gewesen? Dieser Frage ist der Theologe Thomas Schumacher in Form von „Annäherungen aus Geschichte, Legenden und Theologie“ nachgegangen und hat ein mit hundertsechsunddreißig Seiten durchaus gut überschaubares Buch vorgelegt, das sich von den zahlreichen Kinderbüchern sowie von jenen übrigen, denen es um Bräuche und scheinbar Biographisches geht, deutlich unterscheidet.

Vieles, was bei der Recherche zum Beispiel auf Wikipedia oder anderen Webseiten wie Fakten dargestellt wird – Biographisches wie unter anderem Lebensdaten zur Zeit Kaiser Konstantins, Teilnahme am Konzil von Nicäa, klerikaler Weg von Jugend an – erweist sich bei näherem Hinsehen als unhistorisch. Schumacher ordnet all das in den großen Kontext ein. Einige derartige „Informationen“ wurden im neunten Jahrhundert auf Basis der ältesten Nikolauslegende aus dem sechsten Jahrhundert für Tatsachen gehalten. Eine Art von Biographie wurde daraus im zehnten Jahrhundert, als man einen anderen Nikolaus, nämlich „Nikolaus vom Sionskloster“, von dem es eine biographische Schrift gibt, mit dem heiligen Nikolaus ineinssetzte und im berühmten, hoch verehrten heiligen Nikolaus aufgehen ließ. Schumacher zeigt all das und „reinigt“ die Person des heiligen Nikolaus von diesen Überlagerungen. So wird der Weg frei für eine Spurensuche, wer der heilige Nikolaus wirklich gewesen ist und wie sich seine Verehrung als ein „Über-Heiliger“ etablieren konnte, zunächst im Osten, später im Westen.

  1. Die Nikolausverehrung entstand just dann, als sich die Heiligenverehrung etablierte. Nach der Zeit der Verfolgungen und der Märtyrer weitete sich mit der Religionsfreiheit unter Kaiser Konstantin der Kreis jener verehrter Männer und Frauen, die man als bei Gott vollendet glaubte und die nach jüdischer Vorstellung (2 Makk 15) als Freunde Gottes angesehen wurden, die fürbittend für die noch auf Erden Lebenden eintreten. Nach jenen, die in einem asketischen Leben eine Art unblutiges Martyrium bestanden haben, wie zum Beispiel der hl. Antonius (verstorben 356), wurden unter Papst Damasus I. (366 bis 384) nun verstärkt Bischöfe als Heilige angesehen. Einer der frühesten heiligen Bischöfe war im Westen der heilige Martin von Tours, im Osten der heilige Nikolaus, der vermutlich Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts gelebt hat und Bischof von Myra war.
  2. Zuvor musste Myra überhaupt Bischofssitz geworden sein. Seit dem vierten Jahrhundert vollzog sich in den Provinzen des (Ost-)Römischen Reiches nach und nach eine Christianisierung. Dieser Prozess erstreckte sich bis zur Zeit Kaiser Justinians I. (527 bis 565) und war durch harte Auseinandersetzungen mit den lokalen heidnischen Kulten geprägt. In der Provinz Lykien entstanden im Verlauf des vierten Jahrhunderts nach und nach christliche Gemeinden in den Kleinstädten, so auch in Myra. Nikolaus war wohl Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts Bischof in Myra. Ein solcher Bischof in der damaligen Provinz war nicht mit Bischöfen wie heute zu vergleichen. Antike Provinzbischöfe waren die Hirten in den kleinstädtischen Gemeinden vor Ort. Schumacher setzt einen Vergleich: Das heutige Bistum Trier ist etwa so groß wie die damalige Provinz Lykien. Nach der Pfarrreform 2018/20 besteht das Bistum Trier aus fünfunddreißig „Pfarreien der Zukunft“. Im antiken Lykien gab es schließlich siebenunddreißig Diözesen. Ein antiker Provinzbischof wie Nikolaus war also eher mit dem Leiter einer heutigen Großpfarrei zu vergleichen.
  3. Unter allen Nikolauserzählungen ragt eine einzelne Legende heraus, welche die erste überhaupt gewesen ist und einen maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Verbreitung der Nikolausverehrung ausgeübt hat. Sie handelt von der Rettung dreier Offiziere oder „Feldherren“ vor Kerker und Hinrichtung. Die Erzählung ist bereits Mitte des sechsten Jahrhunderts belegt. In ihr erschien Nikolaus als ein Heiliger, der dem Kaiser und anderen im Traum erscheinen konnte und mit himmlischer Autorität Anweisungen erteilte. Im Volk verstand man diese Erzählung, als wenn Nikolaus bereits auf Erden den verklärten Leib der Auferstehung gehabt haben müsse. So galt er als Himmelsbürger und Erdenbürger zugleich, als ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, der umso mehr als himmlischer Helfer in aller irdischen Not angerufen werden konnte. Nikolaus wurde daher als eine Art universaler „Über-Heiliger“ verehrt, der die gewöhnlichen Heiligen mit ihren Taten weit überstrahlte.
  4. Der Bilderstreit (726 bis 843) bedeutete für die Nikolausverehrung den Durchbruch. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen, in denen es im Kern auch um die Christologie ging, obsiegten die sogenannten „Bilderfreunde“, deren prominente Vertreter (zum Beispiel Methodius) auch große Nikolausverehrer waren. Wie die Ikonen auf bildhafte Weise, so malte man nun auch literarisch die Heiligengestalten aus. Literatur galt nach antikem Verständnis als Kunst. Zahlreiche Wundererzählungen vom heiligen Nikolaus sowie Zusammenfassungen solcher Erzählungen in Form einer „Vita“ entstanden im neunten und zehnten Jahrhundert. Sie trugen zur weiteren Verbreitung der Nikolaus-Verehrung bei und zogen allerlei weitere Erzählungen nach sich.

Die so entstandene Verehrung von Nikolaus als „Über-Heiliger“ erreichte von Osten her Italien und verbreitete sich im elften Jahrhundert vermehrt auch in Mitteleuropa. Schumacher zeichnet diese Entwicklungen nach und zeigt darüber hinaus, wie die Nikolausverehrung in weniger günstiges Fahrwasser geriet: Wie die Reformation gegen die Heiligenverehrung auftrat, wie die Gegenreformation einen neuen Typ von heiligen bevorzugte, wie die Aufklärung Nikolaus ins Pädagogische und Moralische verschob und wie Profanisierung und Säkularisierung bis hin zum Weihnachtsmann führten.

„Der heilige Nikolaus“ ist ein Buch, das es schafft, auf nur hundertsechsunddreißig Seiten eine riesige Fülle an Stoff zu präsentieren. Textstücke aus dem Buch kann man durchaus für die Oberstufe verwenden. Ansonsten ist es aber ein Buch für engagierte Religionslehrkräfte, die in Sachen Nikolaus eine fundierte Fortbildung suchen.

Dr. Hans-Michael Tappen (Rez.), München

Rezension: Potential und Versuchung

Das neue Themenheft der Zeitschrift CONCILIUM widmet sich dem Thema „Weisheit der Völker. Theologie des Volkes“, herausgegeben von Carlos Mendoza-Alvarez und Po Ho Huang.

Am Ende des Heftes bespricht Axel Bernd Kunze zwei Titel zum Thema:

Walter Lesch (Hg.): Christentum und Populismus. Klare Fronten?, Freiburg i. Brsg.: Herder 2017, 228 S.

Birgit Weiler: Gut leben – Tajimat Pujút. Prophetische Kritik aus Amazonien im Zeitalter der Globalisierung (Theologie interkulturell; 27), Ostfildern: Matthias Grünewald 2017, 215 S.

Axel Bernd Kunze (Rez.): Potenzial und Versuchung, in: Concilium 54 (2018), H. 3, S. 348 – 352.

Rezension: Günter W. Zwanzig bespricht „Bildung in der Demokratie“

Kunze, Axel Bernd: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind, Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft 2018 (= Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft; Band 16).

Kunze, Axel Bernd: Befähigung zur Freiheit. Beiträge zum Wesen und zur Aufgabe von Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften, München: AVM Akademische Verlagsgesellschaft München 2013 (= AVM.edition).

Anliegen des Verfassers ist es, Bildung und Erziehung in einem demokratischen Gemeinwesen so zu verankern, dass sie sich voll entfalten können. Insoweit stellt das vorliegende Buch eine beträchtliche Erweiterung der Ideen dar, wie sie im früheren Werk des Autors, „Befähigung zur Freiheit“, niedergelegt wurden. Kunze bezeichnet „Bildung“ als „das Vermögen des Einzelnen, ein reflexives Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu seiner Umwelt einzunehmen. Bildung ist das Vermögen des Menschen, sich selbst als Urheber eigener Bildungsprozesse zu erfahren und eigene Geltungsansprüche zu erheben (…) Wer sich bildet, soll sein Leben aktiv gestalten, sich nicht einfach nur treiben lassen oder äußeren Erwartungen oder Zwängen entsprechen. Das gelingt nur, wenn Bildung mehr sein will als Wissensvermittlung, wenn sie den Einzelnen als sittliches und religiöses Subjekt ernst nimmt.“

Der Verfasser stellt die Anwendbarkeit seiner Vorstellungen gleichsam auf den Prüfstand, indem er die „Demokratie als Thema der Pädagogik“ aufzeigt und in Kontext mit der Entwicklung der parlamentarischen Demokratie bringt. Ihm ist wichtig, dass „Bildungsangebote dem Einzelnen Alternativen eröffnen und die Möglichkeit für Abweichungen offenhalten.“ Es geht um die „Fähigkeit zur eigenen Urteilsbildung. Die pluralistische Willensbildung ist nicht nur ein Ziel der verschiedenen schulischen wie außerschulischen Bildungsangebote, sondern notwendiges Grundprinzip des Bildungssystems  einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft.“

Besonders interessant sind seine Ausführungen zu den beiden Prüfsteinen „Elternrecht“ und „Inklusion“. Er geht sehr behutsam und differenziert mit der Thematik um. Inklusion sollte gut gemachte  Integration sein. Freiheit bleibe nur in maßvollen Systemen erhalten.

Dr. Günter W. Zwanzig, Regierungsdirektor a. D., Oberbürgermeister a. D., Bezirksrat ehem.

 

 

 

Rezension: Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit

Karlies Abmeier bespricht in den aktuellen „Stimmen der Zeit“ 10/2018 den in zweiter Auflage erschienenen Tagungsband des „Forums Sozialethik – Initiative junger Sozialethikerinnen und Sozialethiker“ zur Migrations- und Integrationsethik:

„Bereichernd ist ein Streitgespräch zwischen den Theologen Andreas Fisch und Axel Bernd Kunze. Geschickt hinter einzelnen Themenkomplexen eingeschoben beiten die vertiefenden Fragen die Chance, dass die Beiträge nicht unwidersprochen präsentiert, sondern Kontroversen ausgetragen und teilweise von akademischen Höhen in die Niederungen der politischen Alltagsdebatte geführt werden.“ (S. 747)

Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hgg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet (Forum Sozizalethik; 18), Münster: Aschendorff 2., durchges. Aufl./2018.

Markus Babo rezensiert „Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit?“

Markus Babo (Katholische Stiftungshochschule München) bespricht in der aktuellen Ausgabe 1/2018 der Zeitschrift „Ethik und Gesellschaft“ den Tagungsband des Forums Sozialethik von 2016:

Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hgg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet (Forum Sozizalethik; 18), Münster: Aschendorff 2., durchges. Aufl./2018.

http://dx.doi.org/10.18156/eug-1-2018-rez-3

Aufgelockert und bereichert zugleich wird das umfangreiche Werk durch vier Streitgespräche, die sich gleichmäßig über den Sammelband verteilen und aktuelle politische Kontroversen zur Bedeutung von Politik und Kirche als Akteure der Einwanderungsgesellschaft (147–160), zur Rolle von Bildung und Bildungseinrichtungen bei der Integration (199–209), zur grundsätzlichen Bewertung von Zuwanderung als Bereicherung bzw. Bedrohung (257–267) sowie zur Irritation von Identität durch Migration widerspiegeln (383–396). Auf diese Weise bietet das vorliegende Buch trotz der Heterogenität der einzelnen Beiträge eine Fülle von Perspektiven und Einsichten aus unterschiedlichen Disziplinen, die sehr zur Rationalisierung des politischen Diskurses beitragen können und wichtige Anregungen zum Nach- und Weiterdenken liefern. Gerade angesichts der in Deutschland immer noch unterentwickelten Migrations- und Flüchtlingsforschung besteht darin der eigentliche Wert des vorliegenden Sammelbandes. Bedauerlich bleibt freilich, dass der durchaus überschaubare sozialethische Forschungsstand zum Thema weder erfasst noch verarbeitet wurde. Grundlegend neue Erkenntnisse wird man deshalb nicht erwarten dürfen. Zu wünschen aber bleibt, dass auf dem begonnenen Niveau an den Themen intensiv weitergearbeitet wird.