Die Freiheit soll am höchsten leben! – Gedanken zum 250. Geburtstag Ernst Moritz Arndts

„Überhaupt bin ich nach meiner Ansicht der Dinge und nach der Erfahrung, die ich im Leben gemacht habe, der Meinung, dass für die Freiheit, welche akademische Freiheit heißt, fast gar keine Gesetze gegeben werden müssen, sondern dass die Jugend, welche bestimmt ist, einmal die Geister zu führen, durch das freieste Gesetz der Meinung und dadurch der freiesten Meister, durch den Geist beherrscht werden muss. […] Ja, wir müssen es aller Welt sagen, dass unsere Universitäten, dass die akademische Freiheit und der akademische Geist, der wie ein frischer Samen der Tugend und Ehre über das ganze Vaterland ausgesät wurde, unser Vaterland von Sklaverei errettet habe.“

Der dieses Hohelied akademischer Freiheit gesungen hat, zählte zu den ersten Professoren der als preußischer Reformuniversität gegründeten Bonner Alma mater. Sein Denkmal steht noch heute unweit der Universität auf dem Alten Zoll, hoch über Vater Rhein: 1818 zum Professor für Geschichte berufen, 1821 mit Lehrverbot belegt, 1826 im Zuge der Demagogenverfolgung vom Professorenamt suspendiert und 1840 durch Friedrich Wilhelm IV. rehabilitiert. Die Rede ist von Ernst Moritz Arndt, Mitglied der deutschen Nationalversammlung von 1848. Am vergangenen zweiten Weihnachtstag jährte sich sein Geburtstag zum zweihundertfünfzigsten Mal, in diesem Jahr, am 29. Januar, können wir seinen hundertsechzigsten Todestag begehen.

Ein Blick auf Arndt lohnt aber nicht allein wegen der runden Jubiläen (oder weil der Vortragende selbst ein rheinisches Band jener Universität trägt, an welcher Arndt einmal als Professor tätig war). Ich möchte den heutigen festlichen Abend zum Anlass nehmen, an ein paar seiner Gedanken zu erinnern. Die geneigte Corona mag urteilen, ob Arndt heute noch aktuell ist oder nicht.

 

(1.) Arndts Bildungslehre ist wenig rezipiert worden; diese kennt noch nicht die systematische Unterscheidung zwischen Allgemein- und Fachbildung, wie sie heute Gemeingut ist. Doch gibt es für Arndt eine klare Reihenfolge: „Nur im Amtskleide, nur im Amts- und Berufsgeschäfte müßte man den Bürger sehen, weil er da gilt, bei allen anderen Dingen sollte der Mensch immer vorscheinen, das Große vor dem Kleinen.“ Arndt fragt nicht danach, was der Einzelne im Detail an Kenntnissen und Fertigkeiten für seinen Beruf braucht. Der gebildete Mensch – so seine Überzeugung – werde sich leicht, mit geschärftem Sinn und mit eigenem Urteil in die Bürgerpflichten einfinden.

Die Studentenzeit ist für ihn jene Zeit, in der „eine neue akademische Ritterlichkeit in Tat und Gesinnung“ geschaffen wird. Der heutige Abend zeugt davon, dass eine solche Haltung ein ganzes Leben lang tragen kann. Für das Niveau der gesellschaftlichen Debatte und die Leistungsfähigkeit des Landes bleibt es entscheidend, dass es uns auch heute noch gelingt, ein akademisches Ethos zu vermitteln. Kurzatmige Qualifizierung oder „Googlekompetenz“ reichen hierfür nicht aus – so hat vor einigen Jahren der Verfassungsrichter Johannes Masing in der Frankfurter Allgemeinen gefragt: „[…] braucht ein Arzt, ein Anwalt, ein Richter, ein Lehrer oder ein Bankier nicht eine Grundlage, die ihn mit geistiger Nahrung versieht und ihn in die Lage versetzt, ein berufliches Ethos über Jahrzehnte der Berufstätigkeit durchzuhalten.“

 

(2.) Was wir hier tun, mag für viele veraltet, elitär, nicht mehr zeitgemäß sein. Und doch halten wir daran fest. Warum? Vielleicht kann uns ein zweiter Blick in Arndts Bildungslehre dabei helfen: Wahre Menschenbildung  – so Arndt – wolle den anderen nicht bilden, sondern lasse ihm die Freiheit, sich selbst zu bilden. Arndt wörtlich: „Sich bilden lassen soll man den jungen Menschen, alle Züge der schönen Welt sich frisch in die weiche Tafel einzeichnen lassen; so soll das lustige Reich der Bilder, so das Bild der Bilder, das Leben, in ihm und vor ihm auf- und untergehen. Dies wollen wir Bildung nennen, und die Nichtstörung dieses einfältigen Naturverfahrens heißt uns Menschenbildung im höchsten Sinn.“

Wir betreiben ein lustiges Spiel mit bunten Bändern und Mützen, und doch mit tiefem Ernst. Unser Comment ist kein Selbstzweck. Er realisiert eine akademische Bildungsgemeinschaft, die groß vom Einzelnen denkt, die um den Ernst des Daseins weiß, die das Individuum zur Selbsttätigkeit freisetzen und nicht betreuen will, die zum Selberdenken herausfordert und jene Kräfte weckt, die notwendig sind, sich dem Zwang zum unproduktiven Gruppendenken zu widersetzen. Wenn das gelingt, können Studentenverbindungen Orte sein, die eine substantiell durch Bildung bestimmte Lebensform der Freiheit vermitteln, die ein ganzes Leben lang tragen kann – der heutige Abend zeugt davon. Ernst Moritz Arndt hat es in seiner Schrift über den „deutschen Studentenstaat“ so ausgedrückt:

„Wer diese höchste Zeit des Daseins, diese deutsche Studentenzeit durchlebt und durchgespielt und durchgefühlt hat, wer in ihr gleichsam alle Schatten eines dämmernden Vorlebens und alle Masken einer beschränkteren und mühevolleren Zukunft in verkleideten Scherzen und mutwilligen Parodien durchgemacht hat, der nimmt in das ärmere Bürgerleben, dem er nachher heimfällt, und dem er seinen gebührlichen Zins abtragen muss, einen solchen Reichtum von Anschauungen und Phantasien hinüber, der ihn nie ganz zu einer chinesischen Puppe und zu einem hohlen und zierlichen Lückenbüßer und Rückenbücker der Vorzimmer werden lässt.“

 

(3.) Ich hoffe, dass wir uns alle diesen Reichtum an Anschauungen und Phantasien bewahrt haben. Genießen wir den heutigen Abend – gegen alle Eintönigkeit, von denen sowohl Studium als auch akademischer Beruf nicht immer frei sind. Singen wir und erheben wir unsere Gläser – gegen alle Traurigkeit und Lebensangst, die uns vielleicht auch dann und wann befallen mag. Bekennen wir Farbe – gegen den Hang zur Banalisierung und Verflachung. Bekennen wir uns zu unseren Werten und Traditionen – gegen den Trend zur Unverbindlichkeit. Und feiern wir heute Abend, was Band und Zipf ausdrücken: die Verbundenheit und die Freundschaft im Lebensbund. In diesem Sinne gratuliere ich zum heutigen Zipfeltausch aus ganzem Herzen – wie könnte es anders sein, noch einmal mit einem Wort Ernst Moritz Arndts:

Willkommen denn zun Neuen Jahr!

Laß uns die Blicke fröhlich heben!

Die Freundschaft lebe treu und wahr!

Die Freiheit soll am höchsten leben!

 

(Grußwort, gehalten zum Zipfeltausch der AV Vitruvia am 14. Januar 2020 in Stuttgart)

Neuerscheinung: Sind Internate noch aktuell?

Sind Internate noch aktuell?, fragt Axel Bernd Kunze in der aktuellen Ausgabe der „Schwarzburg“ (128. Jahrgang, Nr. 4/2019, S. 10 –  14):

„Internate erfreuen sich in der Kinder- und Jugendbuchwelt weiterhin einer ungebrochenen Beliebtheit; ansonsten stehen sie gegenwärtig aber nicht im Mittelpunkt des Interesses, weder in der Erziehungswissenschaft noch in der Bildungspolitik. In der Erzieherausbildung oder Lehrerbildung kommen sie so gut wie gar nicht vor. Zum einen werfen die verschiedenen Missbrauchsskandale ihre langen Schatten. Zum anderen hängt Internaten der Ruf an, elitär und ausgrenzend zu sein; nicht selten werden sie daher als Bremsklotz für mehr Bildungsgerechtigkeit und Inklusion im Schulsystem betrachtet.

Doch gibt es vielfältige Gründe, warum ein Leben im Internat sinnvoll sein kann: die Entfernung zur Schule; die familiären Verhältnisse oder die berufliche Situation der Eltern; besondere Bedürfnisse der Schüler und bessere Fördermöglichkeiten; Schwierigkeiten innerhalb der bisherigen Bildungsbiographie; die Möglichkeit, spezielle Interessen gezielt zu vertiefen; der Wunsch, selbständig zu werden …

Internate finden sich an allgemeinbildenden, aber auch berufsbildenden Schulen. […] Baustein innerhalb eines differenzierten Bildungssystems darstellen, das unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden will.“

Neuerscheinung: Was Erziehung heute leisten kann. Pädagogik jenseits von Illusionen

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Von Professor Dr. Bernd Ahrbeck, Lehrstuhlinhaber für Psychoanalytische Pädagogik an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin, ist im Kohlhammer-Verlag aktuell erschienen: Was Erziehung heute leisten kann. Pädagogik jenseits von Illusionen (Stuttgart 2020).

„Eine Abgrenzung zwischen der Vermittlung schulischer Wissensbestände einerseits und Wertvorstellungen auf der anderen Seite kann zwar im Einzelfall schwierig sein, grundsätzlich stehen sich jedoch unterscheidbare Pole gegenüber. Auch auf der Ebene der Werte und Bewertungen sind wichtige Differenzierungen vorzunehmen, die entlang der Linie Öffentliches und Privates, gesellschaftlich Erwartbares und Intimes entfalten. Axel Bernd Kunze (2015) hat darauf anhand des Verhältnisses von Toleranz und Akzeptanz verwiesen Beide dürfen nicht miteinander verwechsel werden. […] Aus diesem Grund ist Kunze skeptisch, wenn staatlicherseits oder in anderen Bereichen des öffentlchen Lebens Akzeptanz eingefordert wird, eine Akzeptanz, die im Widerspruch zur Selbstbestimmung und freien Selbstentfaltung stehen kann. ‚Von der Schule erzwungene, [oder gar noch] durch Noten sanktionierte Werturteile sind moralisch wertlos und widersprechen dem Indoktrinatiinsverbot‘ (Kunze, 2015, S. 7).“

(S. 129 f.)

Neuerscheinung: Festschrift zum zweihundertjährigen Jubiläum des Wartburgfestes

Das Wartburgfest am 18. Oktober 1817 stellt einen wichtigen Schritt in der deutschen Nationalstaatswerdung und Verfassungsgeschichte dar. Auch der Grundrechtskatalog unseres Grundgesetzes wurzelt letztlich in diesem Ereignis. Am 21. Oktober 2017 fand auf Einladung der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V. auf der Göpelskuppe bei Eisenach – direkt neben dem Burschenschaftsdenkmal, mit Blick auf die Wartburg – ein Festsymposium zum zweihundertjährigen Jubiläum des Wartburgfestes statt. Nun – zwei Jahre später – liegt in der Reihe „Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert“ die Dokumentation der Tagung vor:

Harald Lönnecker, Klaus Malettke (Hgg.): 200 Jahre Wartburgfest. 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 2017. Studien zur politischen Bedeutung, zum Zeithintergrund und zum Fortwirken der Wartburgfeier, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2019.

Ein Beitrag der Festschrift widmet sich dem christlichen Zweig der burschenschaftlichen Bewegung:

Axel Bernd Kunze: Gott – Freiheit – Vaterland. Erbe und Auftrag christlicher Burschenschaften, in: ebd., S. 393 – 422.

Stipendium der Alfred-Petzelt-Stiftung

Die Alfred-Petzelt-Stiftung für Wissenschaft und Forschung ist eine Stiftung nach bürgerlichem Recht mit Sitz in Karlsruhe; gegründet im Februar 2018. Der Stiftungszweck besteht in der „Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Bildungspolitik im Sinne der Prinzipien systematischer Pädagogik von Alfred Petzelt“. Verwirklicht wird dieser Zweck insbesondere durch wissenschaftliche Arbeiten im Bereich theoretischer Pädagogik, die den systematischen Denkansatz Petzelts weiterführen.

Zum 01.04.2020 vergibt die Alfred-Petzelt-Stiftung zum zweiten Mal ein themengebundenes Promotions­stipendium.

Themen der Dissertation

Das Stipendium ist gebunden an die Bearbeitung einer der folgenden Themenaspekte:

  • Biographie Alfred Petzelts
  • Kommentierte Bibliographie zu Alfred Petzelts Werk
  • Alfred Petzelts „Theorie des Ich“ und ihre Verknüpfung mit aktuellen erziehungs­wissenschaftlichen Diskursen um Subjekt und Subjektivierung

Die Stiftung bietet

  • ein Stipendium in Höhe von 500 € monatlich bei einer Laufzeit von (zunächst) 12 Monaten.
  • Beratung und Förderung durch wissenschaftliche Expertise.
  • die Möglichkeit, im Rahmen der Jahrestagung Vortrags- und Diskussionserfahrungen vor und mit renommierten Fachvertreter/innen zu sammeln.

Die Stiftung erwartet

  • einen zur Promotion berechtigenden Hochschulabschluss in einem einschlägigen Fach.
  • überdurchschnittliche Studienleistungen, die durch ein Empfehlungsschreiben der promo­tionsbetreuenden Person bestätigt werden.
  • eine Skizze des Dissertationsprojekts zu einem der oben genannten Themenaspekte (max. 10 Seiten mit Angaben zu Forschungsstand, Methode, Gliederung, erwartetem Ertrag, Bibliographie und Zeitplan).

Bewerbungsunterlagen mit Projektskizze, Lebenslauf, Em­pfehlungsschreiben sowie Zeugniskopien richten Sie bitte bis zum 31.12.2019 in elektronischer Form (zusammenhängende pdf) an den Vorstand der Alfred-Petzelt-Stiftung (info@alfred-petzelt.de).

 

Rückfragen bitte an den Stiftungsvorsitzenden, PD Dr. Thomas Mikhail (mikhail@kit.edu). Über die Bewilligung des Stipendiums entscheidet der Stiftungsvorstand; der Rechtsweg ist ausgeschlossen.