Online verfügbar: Beiträge zur Didaktik der Elementarbildung

Die Hefte der Publikationsreihe „Gruß aus der Großheppacher Schwesternschaft“ (gleichzeitig als „Kind und Schwester“ erschienen) stehen kostenlos als Download zur Verfügung. Darin finden sich folgende Beiträge zur Didaktik der Elementarbildung:

Axel Bernd Kunze: Braucht Religion Bildung? Braucht Bildung Religion?, in: Ausgabe 123.

http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/131114_gruss_2013_ds_web.pdf

Axel Bernd Kunze:  Eine Vorschule des Glaubens. Zur Bedeutung gemeinschaftlicher Rituale im Schulalltag, in: Ausgabe: 125.

http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/161108-ghs-gruss-2016-2017-inhalt.pdf

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird 30 Jahre alt, in: Ausgabe: 2018/19.

http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/181204-ghs-gruss-2018-2019-ds.pdf

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Neuerscheinung: Eine Frage der Haltung … Pädagogische Menschenbilder

Eine Frage der Haltung … Pädagogische Menschenbilder ist der Titel des neuen Themenhefts der Zeitschrift engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule (Münster/Westf.: Aschendorff, 36. Jg., H. 4/2018, verantwortlicher Herausgeber: PD Dr. Axel Bernd Kunze, Bonn/Weinstadt).

ZUM GEDANKENGANG UND ZUM INHALT DES HEFTES:

„Die Menschenwürdegarantie, nach der jeder Mensch stets auch als Selbstzweck zu achten ist und niemals für Zwecke Dritter instrumentalisiert werden darf, kann, pädagogisch gewendet, so verstanden werden, dass der Einzelne jederzeit als Quell freier Selbsttätigkeit zu achten ist. Umgekehrt kann das in der Menschenwürdeidee sich ausdrückende Vermögen des Menschen zum Vernunft-, Sprach- und Freiheitsgebrauch ohne Bildung nicht zur Entfaltung kommen.

Die Geschichte lehrt, dass der Anspruch auf Bildung und Beteiligung zahlreichen Gefährdungen ausgesetzt ist. Eine Antwort auf diese Gefährdungen stellt das Recht auf Bildung dar. Es sichert dem Einzelnen jenen pädagogischen Freiraum, der es ihm erlaubt, selbstbestimmt zu handeln, zu urteilen und zu entscheiden. Als soziales Freiheitsrecht garantiert es zugleich jene rechtlichen und strukturellen Voraussetzungen, die für die reale Beteiligung am sozialen Leben unverzichtbar sind. Das Recht auf Bildung zu sichern, ist wichtiges Element einer funktionierenden Demokratie. Dabei geht es nicht allein um die Bewältigung funktionaler Herausforderungen, sondern um die Fähigkeit zur eigenständigen Urteilsbildung. Die pluralistische Willensbildung ist nicht nur ein Ziel der verschiedenen schulischen wie außerschulischen Bildungsangebote, sondern notwendiges Grundprinzip des Bildungssystems einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft.

Die Schule soll ihre Schüler auf das Leben in der modernen Gesellschaft vorbereiten – und ist zugleich ein Teil dieser Gesellschaft. Ethische Fragen gehören somit untrennbar zum Nachdenken über Schule dazu. Dabei handelt es sich bei bildungsbezogenen ethischen Problemen nicht um etwas, das sich ein für alle Mal lösen ließe – würde man nur das „richtige“ Schulsystem aufbauen, alle Schulen bestmöglich ausstatten und jedes Kind optimal fördern (wie immer man sich das dann auch konkret vorstellen wollte). Ethische Probleme können nicht durch pädagogisches Handeln beseitigt werden, aber die Gerechtigkeitsfrage ist gleichfalls auf das pädagogische Handeln hin auszulegen. Und dies bleibt eine beständige Aufgabe der Schule, die ihren Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Leben immer wieder neu reflektieren muss.

Schulreform als Aufgabe der modernen Schule ist dann aber auch etwas anderes als Schulstrukturreform. Die bestehende Schule wird dabei nicht von einer in der Zukunft imaginierten „Idealschule“ her in Frage gestellt, sondern einer beständigen, nicht abschließbaren Selbstrevision unterzogen.

Die Schulpädagogik hat dabei eine zweifache Aufgabe: Sie muss über Gerechtigkeit als Problem der Schule bildungstheoretisch reflektieren. Und sie muss danach fragen, wie ein bestimmter Umgang mit diesem Problem praktisch umsetzbar ist, welche Verbesserungen oder Erfolge, aber auch welche Gefahren oder Fehlschläge damit verbunden sein können – im Blick auf die Lernbedingungen und die Zukunftschancen der Lernenden genauso wie im Blick auf die professionelle Beanspruchbarkeit und Belastbarkeit der Lehrenden. Die bestimmende Perspektive im Umgang mit ethischen Fragen im Kontext von Schule wird dabei eine pädagogische bleiben müssen: ausgerichtet an einer durch Bildung substantiell bestimmten Lebensform. Dabei sollte die pädagogische Reflexion Anwalt einer Humanität sein, die sich im Prozess notwendiger Differenzierung und entlastender Arbeitsteilung gegen mögliche funktionale Verengungen zur Wehr setzt.

Lehrer tragen Verantwortung für die Schüler, aber auch gegenüber der Gesellschaft, die nicht unerhebliche Ressourcen für das Bildungssystem zur Verfügung stellt. Ferner bleibt es wichtig, Alltagsmeinungen, Hypothesen oder bildungspolitische Leitbilder, welche die Schuldebatte bestimmen, aus pädagogischer Perspektive zu prüfen, gegebenenfalls zu korrigieren und darauf aufbauend Handlungsleitlinien für wünschbare Veränderungen zu formulieren. Ein eigener schulpädagogischer Ethikkodex ermöglicht die kritische Reflexion vorgegebener Erwartungen, hilft aber auch, Distanz zu wahren gegenüber Zeitströmungen, modischen Trends oder Verengungen innerhalb des eigenen bildungswissenschaftlichen Diskurses.

Die dafür notwendigen berufsethischen Prinzipien müssen eigenständig hergeleitet und begründet werden, wobei zwischen unbedingten, universal geltenden Normen und interpretierenden Prinzipien zu unterscheiden bleibt. Berufsethik wird über das Menschen- und Gesellschaftsbild wie die Handlungstheorie, die im professionellen Tun vorausgesetzt werden, Rechenschaft ablegen müssen.

Berufsethische Prinzipien müssen zu individuell wirksamen Haltungen werden. Jutta Standop (Trier) zeigt, wie sich ethische Berufsüberzeugungen von Lehrern in der Reflexion über das eigene Menschenbild und die eigene Professionalität ausformen. Anna Maria Riedl (Münster) zeigt die Relevanz ethischer Diskurse über Anerkennung für die Ausgestaltung pädagogischer Beziehungen auf. Die Ergebnisse zweier Studien zeigen, wie zum einen berufspädagogisch relevante Haltungen bei Lehrkräften gefördert werden können (Christina Schwer, Münster/Claudia Solzbacher, Osnabrück) und wie zum anderen angehende Lehrkräfte bereits unterschiedlich gefärbte Einstellungen bestimmten Schulformen gegenüber mitbringen, was wiederum nicht ohne Auswirkungen auf das spätere Berufshandeln bleiben wird (Lothar Müller und Jutta Standop, Trier). Axel Bernd Kunze (Bonn/Weinstadt) stellt eine Methode vor, wie ethische Fallbesprechungen in der Fachschule für Sozialpädagogik eingesetzt werden können. Bei Schulentwicklungsprozessen werden zunehmend schulexterne Training- oder Coachingangebote genutzt. Mechthildisch Bocksch (Bamberg) macht deutlich, auf welche berufsethischen Standards bei der Auswahl entsprechender Anbieter geachtet werden sollte. Zum Abschluss des Thementeils diskutiert Wolfgang Herden (Heilbronn), welche zeitgemäße Bedeutung dem überkommenen Begriff der Herzensbildung im heutigen Berufsalltag und in der beruflichen Ausbildung zufallen sollte.“

Im Rezensionsteil werden besprochen:

  • K. Peter Fritzsche (Hg.): Menschenrechte. Eine Einführung mit Dokumenten (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Bert Roebben: Schule für das Leben. Eine kleine Didaktik der Hoffnung (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Udo F. Schmälzle: Wissen, Bildung und Schule neu denken. Zugänge zu einem franziskanischen Bildungskonzept (Rez.: Stephan Mokry)
  • Thomas Fleischer: Schule personzentriert gestalten (Rez.: Matthias Bär)
  • Walter Lesch (Hg.): Christentum und Populismus. Klare Fronten?; Benedikt Maximilian Löw: Christen und die Neue Rechte!? Zwischen Ablehnung und stiller Zustimmung. Eine Problemanzeige (Rez.: Hans-Michael Mingenbach)
  • Ali Benjamin: Die Wahrheit über die Dinge, die einfach passieren (Rez.: Astrid Frey)
  • Madeleine L’Engle: Das Zeiträtsel (Rez.: Karin Steinfeld-Bartelt)

 

Themenheft: Pädagogische Urteilsbildung

Das neue Themenheft der Zeitschrift PÄDAGOGIKUNTERRICHT, der größten Fachzeitschrift für pädagogische Fachdidaktik im deutschsprachigen Raum, widmet sich dem Thema PÄDAGOGISCHE URTEILSBILDUNG (38. Jg., H. 4, ISSN 0176-179X):

  • Gernod Röken: Pädagogische Urteilsbildung – eine vertiefende, differenzierende und mit Orientierungsbeispielen versehene Bestimmung
  • Fred Heindrihof: Interkulturelle Bildung in Auseinandersetzung mit politisch-affirmativen Orientierungen
  • Margaretha Armbrüster: Pädagogische Urteilsbildung zwischen Kernlehrplan, „Meinungsfalle“ und Erwartungshorizonten – ein Rückblick auf die Abituraufgaben des Anforderungsbereiches III im Leistungskurs 2018
  • Carsten Püttmann, Bernd Rudow, Bernd Fischer: Belastungen und Gesundheit von Erzieherinnen
  • Gizem Can: Ein Praxisbeispiel zur Förderung der Selbstbestimmungsfähigkeit Heranwachsender

Die Zeitschrift wird vom Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen herausgegeben. Dem Wissenschaftlichen Beirat gehören Prof. Dr. Beyer (Univ. Köln), Prof. Dr. Bernhard (Univ. Duisburg-Essen), Jun.-Prof. Dr. Gather (Univ. Paderborn) und PD Dr. Kunze (Univ. Bonn) an.

Tagungsdokumentation: Plenum digitale? Vacuum mentale?

Anfang Oktober fand die zweite Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz zur Digitalisierung statt – unter dem sprechenden Titel: Plenum digitale? Vacuum mentale?

Die Konferenzbeiträge liegen nun als Videodokumentation vor. Referenten waren der Fachdidaktiker Hans-Peter Klein, einer der Initiatoren der Konferenz, der Neurologe Manfred Spitzer, der Philosoph Julian Nida-Rümelin, der Medienpädagoge Ralf Lankau, der Merdiziner Peter Pospiel, der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Publizist Josef Kraus sowie der Digitalisierungsbeauftragte der Bundesregierung, Helge Braun.

Rezension: Günter W. Zwanzig bespricht „Bildung in der Demokratie“

Kunze, Axel Bernd: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind, Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft 2018 (= Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft; Band 16).

Kunze, Axel Bernd: Befähigung zur Freiheit. Beiträge zum Wesen und zur Aufgabe von Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften, München: AVM Akademische Verlagsgesellschaft München 2013 (= AVM.edition).

Anliegen des Verfassers ist es, Bildung und Erziehung in einem demokratischen Gemeinwesen so zu verankern, dass sie sich voll entfalten können. Insoweit stellt das vorliegende Buch eine beträchtliche Erweiterung der Ideen dar, wie sie im früheren Werk des Autors, „Befähigung zur Freiheit“, niedergelegt wurden. Kunze bezeichnet „Bildung“ als „das Vermögen des Einzelnen, ein reflexives Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu seiner Umwelt einzunehmen. Bildung ist das Vermögen des Menschen, sich selbst als Urheber eigener Bildungsprozesse zu erfahren und eigene Geltungsansprüche zu erheben (…) Wer sich bildet, soll sein Leben aktiv gestalten, sich nicht einfach nur treiben lassen oder äußeren Erwartungen oder Zwängen entsprechen. Das gelingt nur, wenn Bildung mehr sein will als Wissensvermittlung, wenn sie den Einzelnen als sittliches und religiöses Subjekt ernst nimmt.“

Der Verfasser stellt die Anwendbarkeit seiner Vorstellungen gleichsam auf den Prüfstand, indem er die „Demokratie als Thema der Pädagogik“ aufzeigt und in Kontext mit der Entwicklung der parlamentarischen Demokratie bringt. Ihm ist wichtig, dass „Bildungsangebote dem Einzelnen Alternativen eröffnen und die Möglichkeit für Abweichungen offenhalten.“ Es geht um die „Fähigkeit zur eigenen Urteilsbildung. Die pluralistische Willensbildung ist nicht nur ein Ziel der verschiedenen schulischen wie außerschulischen Bildungsangebote, sondern notwendiges Grundprinzip des Bildungssystems  einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft.“

Besonders interessant sind seine Ausführungen zu den beiden Prüfsteinen „Elternrecht“ und „Inklusion“. Er geht sehr behutsam und differenziert mit der Thematik um. Inklusion sollte gut gemachte  Integration sein. Freiheit bleibe nur in maßvollen Systemen erhalten.

Dr. Günter W. Zwanzig, Regierungsdirektor a. D., Oberbürgermeister a. D., Bezirksrat ehem.

 

 

 

„Geschenk und Gnade“ – Bildung stiftet nicht selbst Sinn, aber ermöglicht, die Sinnfrage zu stellen

Aus einer Predigt zur Jahreslosung 2018

(gehalten am 21. Oktober 2018 in der Aegidiuskirche zu Großheppach)

 

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (Offb 21,6)

 

[…] Doch hat die Hauptaufgabe der Schule eine Menge mit dem „Ich“ zu tun. Der Mensch kommt nicht fertig auf die Welt, er vermag nicht einfach zu existieren. Vielmehr muss er sich erst zu dem machen, der er sein will, in den Grenzen der Natur und des Rechts. Diesen lebenslangen Prozess nennen wir Bildung. Der Mensch ist weder ausschließlich Produkt seiner Anlagen noch der sozialen Einflüsse, denen er mehr oder weniger zufällig ausgesetzt ist. Der Mensch steht vor der Aufgabe, sich selbst zu bestimmen. Dies bleibt ein Auftrag, den uns keiner abnehmen kann, weder Erzieherinnen oder die Eltern noch Lehrer oder die Schule. Pädagogen können die Heranwachsenden dabei nur unterstützen. Diese Aufgabe ist mitunter anstrengend, sie macht aber unsere unvergleichliche Würde aus, die uns von Gott, dem Schöpfer, geschenkt worden ist.

Wie lässt sich diese Aufgabe umschreiben? Bildung kann als Fähigkeit verstanden werden, Alternativen zu denken, zwischen denen ich mich entscheiden kann. Sich vorzustellen, dass diese Welt auch ganz anders sein könnte, als sie ist. Fähigkeiten zu entdecken, die mir helfen, mein Leben aktiv zu gestalten – und nicht einfach so leben zu müssen, wie andere es von mir erwarten. Erst Bildung ermöglicht es, im eigentlichen Sinne, Ich sagen zu können; oder anders gesagt: Erst durch Bildung wird der Einzelne zum Autor des eigenen Lebens. Erst Bildung erlaubt uns, Fragen zu stellen, die Welt selber zu denken und zu gestalten. Als Christen glauben wir, dass wir auf diese Weise am Schöpfungswerk Gottes teilhaben dürfen.

Gleich ob wir Lehrkraft, Schulleiter, Erzieher oder Erzieherin sind … – eines verbindet uns: Wir dürfen Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene auf diesem spannenden Weg der Bildung – des Entdeckens von Alternativen – begleiten. Und als Fachschule dürfen wir unsere Schüler und Schülerinnen auf dem Weg in einen pädagogisch-erzieherischen Beruf begleiten, damit sie wiederum Kinder und Jugendliche auf dem Weg ins Leben begleiten, damit sie ihnen helfen, Alternativen für sich zu entdecken und ihren Lebensweg aktiv zu gestalten.

Dies alles gelingt nur, wenn wir es nicht verlernen, Fragen zu stellen, wenn wir nicht die Neugier verlieren, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Schwierig wird es, wenn der Hunger nach Bildung erstirbt, wenn die Frage nach Sinn nicht mehr gestellt wird; ja, wenn Antworten auf die großen Lebensfragen gar nicht mehr vermisst werden. Theologen und Religionspädagogen diagnostizieren für unsere Zeit eine „Gottesverdunstung“ und meinen damit eine Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen, die den Menschen daran hindern, in den Zwängen des Alltags aufzugehen. „Gottesverdunstung“ spricht davon, wie schleichend das Bewusstsein dafür verloren gehen kann, dass es im menschlichen Leben etwas geben sollte, das über die Mittel der bloßen Daseinserhaltung hinausgeht. Wir sollen nicht allein in den vielfachen Zwängen und Erwartungen, Konventionen und Routinen des Alltags aufgehen.

Die Jahreslosung ruft uns dazu auf, den Durst nach lebendigem Wasser nicht aufzugeben, die Sehnsucht nach den größeren Möglichkeiten unseres Lebens nicht verdunsten zu lassen. Bildung und Erziehung aus gläubiger Verantwortung tragen ihren Teil dazu bei; beide sind nichts Geringeres als ein zentraler christlicher Liebesdienst an den jungen Menschen. Es gibt eine „Bildungsarmut“, über die selten geredet wird. Verantwortung gegenüber der nachfolgenden Generation betrifft nicht allein eine schuldenmindernde Haushaltsführung, eine nachhaltige Sozialpolitik oder den schonenden Umgang mit unserer Umwelt. Gerade Kindern und Jugendlichen Orte vorzuenthalten, wo sie sich mit Fragen des Glaubens auseinandersetzen können, ist nicht minder Ausdruck einer mangelnden Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation. Dies setzt voraus, dass wir als Pädagogen immer wieder selbst fragen und dann auch davon Zeugnis geben, was unserem pädagogischen Tun Sinn und Richtung gibt – als Christen werden wir diese Fragen vor dem Hintergrund biblischer und kirchlicher Lehre beantworten. Unsere Fachschule darf immer wieder neu „lebendiges Wasser“ aus dem Traditionsstrom christlicher Hoffnung schöpfen.

[…]

Der Theologe und Pädagoge Friedrich Schleiermacher hat einmal davon gesprochen, dass jede neue Generation dem Auftreten von Barbaren gleiche. Dies soll niemanden abschrecken, einen pädagogischen Beruf zu ergreifen. Schleiermacher erinnert an die alten Griechen, die alle Völker, die nicht die griechische Kultur besaßen, als Barbaren bezeichneten. Kultur und Tradition müssen immer wieder neu weitergegeben und mit Leben gefüllt werden. Pädagogisch tragen wir dabei eine soziale, weit über die Gegenwart hinausreichende Verantwortung. Denn wie künftige Generationen reden, denken und handeln werden, hängt davon ab, wie wir heute reden, denken und handeln – und was wir davon im Bildungsprozess an die nächste Generation weitergeben.

Bildung ist etwas Schönes: Sie macht unser Leben anregungs- und beziehungsreich. Und kann daher auch ein wichtiger Quell an Lebensfreude und Lebensgenuss sein. Daran bleibt zu erinnern in Zeiten einer regelrechten „Bildungspanik“, da Bildung gleichsam zum neuen „Heilsversprechen“ einer säkularisierten „Wissensgesellschaft“ zu werden droht. Auch sogenannte „digitale Bildung“ wird nicht der neue Heilsbringer sein können. Bildung ist keine moderne Selbsterlösung. Und das Ziel umfassender Persönlichkeitsbildung – früher sprach man treffend von Charakterbildung – wird gerade dort verfehlt, wo diese zum Wahn nach Selbstoptimierung entartet, nach dem Motto: immer früher, immer schneller, immer mehr. Bildung selbst – schon gar nicht ein bestimmter Bildungsabschluss – kann die Frage nach dem Sinn unseres Daseins im Letzten beantworten. Bildung ist aller Anstrengung wert, aber sie kann nicht mechanisch hergestellt, beliebig produziert und standardisiert werden.

Bildung und Religion in einem weiten Sinne haben einiges gemeinsam. Beide sind im Kern zweckfrei, setzen Freiheit und Beziehung voraus. Der Altmeister der bundesrepublikanischen Lehrerbildung, Wolfgang Klafki, wusste in seiner epochalen Dissertation noch, dass Bildung bei aller notwendigen Lern- und Anstrengungsbereitschaft doch „Geschenk und Gnade“ bleibt. In einer evangelischen Feier wie heute mögen wir bei dieser Formulierung durchaus an das „Sola gratia“ – Allein aus Gnade – der lutherischen Tradition denken. Im Bildungsprozess erschließt sich der Einzelne die kulturelle Welt für das eigene lernende Ich – und umgekehrt wird diese Welt für ihn aufgeschlossen. Wer sich bildet, bekommt neue Einsichten, Erfahrungen und Horizonte geschenkt, mitunter ganz spontan, unerwartet und „umsonst“. Und hierzu gehört auch die Suche nach dem „lebendigen Wasser“, ohne das unser Leben verdorrt.

Bildung stiftet nicht selbst Sinn, aber schafft jene Freiräume, in denen wir die Sinnfrage überhaupt erst stellen können – auch die Frage nach Gott, der allein uns in seiner Gnade im Tiefsten unseres Herzens frei macht, frei jenseits aller menschengemachten Bildungsanstrengungen. Und der uns zuruft: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst. Amen.

Neuerscheinung: Heterogenität und Bildung

Mit einem Sammelband zum Verhältnis von Heterogenität und Bildung wird die Reihe „Gymnasium – Bildung – Gesellschaft“ fortgesetzt. Die Reihe steht im Zusammenhang mit dem Deutschen Philologenverband, ihr Ziel umreißen die Reihenherausgeber folgendermaßen: „Ziel war und ist es, im Interesse einer nach TIMSS und PISA neu begonnenen Interaktion zwischen Wissenschaft, Bildungspolitik und Schule den Diskurs von Wissenschaftler/inne/n aus unterschiedlichen Disziplinen sowie Schulpraktiker/inne/n zu bildungspolitisch relevanten Themen für Entscheidungen in der Bildungs- und Schulpolitik fruchtbar zu machen. Der neue – zehnte – Band ist aus einer Tagung des Wissenschaftlichen Beirates des Verbandes erwachsen, der in diesen Tagen erneut getagt hat; in diesem Jahr beschäftigte sich das Gremium mit dem Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung.

Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Thomas Gaube (Hgg.): Heterogenität und Bildung – eine normative pädagogische Debatte? (Gymnasium – Bildung -Gesellschaft), Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2018.