Christliche Sozialethik – ein persönlicher Rückblick auf fünfundzwanzig Jahre

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Doch sind wir nicht bloß Produkt der Zeitläufte – dann wäre unser akademisches Tun allein Reaktion auf das, was uns äußerlich begegnet. Zugleich sind wir Akteure, die sich zu den Entwicklungen – mal mehr, mal weniger aktiv – verhalten können. Für die bildungsethische Reflexion spielt dieser Punkt eine nicht unbedeutende Rolle …

 

Umweltethik und Gemeinsames Sozialwort der Kirchen

Wenn Bildung zum Gegenstand sozialethischer Reflexion werden soll, genügt es nicht, allein deren äußere soziale Seite zu betonen. Bildung wäre dann nicht mehr als äußere Anpassung; von einer Widerständigkeit des Subjekts könnte keine Rede mehr sein. Die vorgängig subjektiv – personal – bestimmte Sicht auf Bildung in Beziehung zu setzen zu ihren sozialen Bedingtheiten, bildet die spezifische Herausforderung jeder Sozialethik der Bildung.

Diese gehört nicht zu den traditionellen Themen der Disziplin. Das seinerzeitige Bamberger DFG-Forschungsprojekt „Menschenrecht auf Bildung: Anthropologisch-ethische Grundlegung und Kriterien der politischen Umsetzung“ zeigt, wie sich das Fach ausdifferenziert hat. In Münster, wo mein Interesse an der Christlichen Sozialethik geweckt wurde, war diese Entwicklung deutlich wahrzunehmen – in jenen Jahren vor allem geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen Sozialwort. Das Oberseminar in Bamberg, später in Münster, an dem ich fast zwölf Jahre teilnehmen durfte, hat gezeigt, dass sozialethisches Forschen nicht allein Fragen der Staats- und Wirtschaftsordnung betrifft. Diese Offenheit für eine Bandbreite an Themen habe ich als bereichernd empfunden. Den Beginn, tiefer in die Christliche Sozialethik einzusteigen, bildete vor fünfundzwanzig Jahren eine Hausarbeit im umweltethischen Unterseminar von Prof. DDr. Franz Furger und Dr. Marianne Heimbach-Steins am Institut für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster.

 

Axel Bernd Kunze: Soziale Verantwortung zum Thema machen! Das Sozialwort der Kirchen und die kirchlich-soziale Bildungsarbeit (Akademische Abhandlungen zu den Erziehungs­wissenschaften), Berlin 2001.

 

Politische Ethik

Die damalige Spendenaffäre der Union legte ein Thema für die geplante Dissertation nahe: Unser Gemeinwesen lässt sich zentral als Parteiendemokratie bestimmen. Einfluss auf die Ausgestaltung unseres staatlichen oder gesellschaftlichen Zusammenlebens verläuft in entscheidender Weise über die Parteien, denen das Grundgesetz erstmals in der deutschen Verfassungsgeschichte ausdrücklich eine verfassungsrechtliche Rolle zubilligt. Gleichzeitig gibt es ein Unbehagen, das sich auch im Titel der Arbeit niederschlug: Parteien zwischen Affären und Verantwortung. Das erste Mal führte mich beim Vorgespräch mein Weg in die Stadt an der Regnitz …

 

Axel Bernd Kunze: Parteien zwischen Affären und Verantwortung. Anforderungen an eine Verant­wortungsethik politischer Parteien aus christlich-sozialethischer Perspektive (Schriften des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; 52), Münster (Westf.) 2005.

 

Bildungsethik

Die erste Berufung meiner Doktormutter nach Bamberg, der ich – ausgestattet mit einem Promotionsstipendium – folgte, erwies sich als glückliche Fügung. Schnell hatte ich mich in Franken eingelebt, Bamberg wurde so etwas wie eine zweite Heimat. Durch Aufnahme des Bandes der Bamberger Alemannia hat sich diese Verbindung verstärkt – und dauert im Lebensbund fort, auch wenn ich die Stadt mittlerweile beruflich Richtung Schwaben verlassen musste.

Aus der sozialethischen Beschäftigung mit Bildungsfragen ist eine Hauptprofession im Schuldienst und in der Schulleitung geworden. Die Fragen kehren in veränderter Gestalt wieder. Wenn Bildung nur als Selbsttätigkeit denkbar ist, muss gefragt werden, auf welche Weise der Staat bildungspolitisch agieren darf, ohne gerade das zu verhindern, was pädagogisch erreicht werden soll: jene Freiheit der Einzelnen, auf die der Staat um seiner eigenen Zukunft willen nicht verzichten kann. Unser Gemeinwesen lebt von der Produktivität seiner Bürger, die nur begrenzt steuerbar bleibt. Viele Veröffentlichungen aus der Habilitationsphase und der Zeit danach – bis heute – drehen sich nicht zufällig um das Thema Freiheit, an prominenter Stelle im Titel der Habilitationsschrift: Freiheit im Denken und Handeln.

Diese bleibt ein gefährdetes Gut. So werden die Fachschulen „im Ländle“ etwa von der Dienst- und Fachaufsicht verpflichtet, eine Didaktische Jahresplanung zu implementieren. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese als Trojanisches Pferd. Denn was auf diese Weise unter dem Signum pädagogischer Qualitätssicherung gesteuert werden soll, ist darüber hinaus das methodische Handeln der Lehrkräfte. Dies widerspricht der pädagogischen Freiheit, welche die eigentliche Professionalität des Lehrberufes ausmacht. Gerade deshalb verschleiert die staatliche Schulaufsicht ihren Eingriff in die konzeptionell-methodische Freiheit der Lehrer und Privatschulen unter dem Etikett „didaktisch“. Nur ein Beispiel dafür, welche Rolle bildungsethische Fragen im beruflichen Schulalltag spielen …

In guter, dankbarer Erinnerung geblieben sind mir aus der Zeit am Bamberger Lehrstuhl die angenehme, kollegiale Atmosphäre sowie die regelmäßigen Dienstbesprechungen, die über das Organisatorische hinaus Einblick in die Praxis wissenschaftlicher Arbeit ermöglichten.

In unserer damaligen DFG-Projektgruppe bestand keinesfalls Einigkeit darüber, wie das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit bei der Bestimmung von Bildungsgerechtigkeit angemessen auszulegen sei. Der Verfasser dieser Zeilen wird bis heute nicht müde, Widerspruch anzumelden gegen einen aus seiner Sicht schädlichen Egalitarismus im bildungspolitischen und -ethischen Diskurs. Weitere Diskussionspunkte waren etwa die Bewertung des neuen Kompetenzparadigmas, die Aussagekraft, die der empirischen Bildungsforschung zugemessen werden kann, oder die Abgrenzung zwischen unerlässlichen Wesensgehalten und vorläufigen, interpretierenden Prinzipien bei Auslegung eines Rechts auf Bildung. Bemerkenswert und sehr wohltuend war, dass die verschiedenen Auffassungen im gemeinsamen Forschungsprojekt zu Wort kommen konnten und respektiert wurden. Aus Sicht der Projektleitung war es sicher nicht immer leicht, die kontroversen Positionen zusammenhalten, was bis zum Ende gut gelungen ist.

 

Axel Bernd Kunze: Freiheit im Denken und Handeln. Eine pädagogisch-ethische und sozialethische Grundlegung des Rechts auf Bildung (Forum Bildungsethik; 10), Bielefeld 2012.

 

Migrationsethik

Immer wieder sind bei der sozialethischen Reflexion Maß und Mitte nicht aus dem Blick zu verlieren. Dies kann ein hartes, kontroverses Ringen bedeuten, wie sich nicht zuletzt in der jüngeren Migrationsethik zeigt. In der ethischen Beurteilung der migrations-, integrations- und staatspolitischen Herausforderungen, vor denen wir nicht allein kurzfristig stehen, zeigen sich auch innerhalb der sozialethischen Disziplin deutliche Gräben zwischen den verschiedenen Lagern. Einen Niederschlag hat dieses argumentative Ringen in der Beteiligung am Sammelband Zerreißprobe Flüchtlingsintegration gefunden.

Nicht zuletzt der Stellenwert staatsethischer Argumente bleibt strittig. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Christliche Sozialethik in der jüngeren Vergangenheit zunehmend unpolitischer geworden ist – möglicherweise eine Kehrseite der oben beschriebenen Ausdifferenzierung? Staatsrechtliche und -politische Fragen, das Nachdenken über die – gefährdeten – Grundlagen unseres Gemeinwesens und die Belastbarkeit des Staates oder Themen wie Vaterland, Nation, Volk und Identität stehen nicht hoch im Kurs. Die Gesellschaft hat dem Staat sozialethisch den Rang abgelaufen. Fragen der Gesellschaftsreform, kulturwissenschaftliche Betrachtungen oder ein Menschenrechtsdenken jenseits nationalstaatlicher Bezüge stehen sozialethisch im Vordergrund.

Meine Skepsis bleibt, dass sich auf diese Weise sozialethisch ein Staat machen lässt. Die Disziplin fußt auf der starken Tradition eines christlich orientierten Staatsdenkens. Möglicherweise werden die genuin staatsethischen Fragen im Zuge der Migrationskrise schneller zurückkehren, als viele gegenwärtig glauben. Ich freue mich darauf, diese und weitere Debatten auch in Zukunft sozialethisch mitzugestalten …

 

Axel Bernd Kunze: Wo stößt Gastfreundschaft an Grenzen?, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg./Basel/Wien: Herder 2017, S. 56 – 69.

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