Neuerscheinung zum Jubiläum der UN-Kinderrechtskonvention: Kindheit – Veränderung und Unveränderliches

2019 wird die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen dreißig Jahre alt. Aus diesem Anlass trägt die neue Ausgabe 2018/19 der Reihe „Gruß aus der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft“ den Titel

KINDHEIT – Veränderung und Unveränderliches.

Axel Bernd Kunze fragt in seinem Beitrag, welche Konsequenzen sich aus den Kinderrechten für die Didaktik der Elementarbildung und die Erzieherausbildung ergeben:

Wie andere Menschenrechtsdokumente auch erwähnt die Kinderrechtskonvention die Elementarbildung nicht ausdrücklich. Allerdings zeigt die mittlerweile dreißigjährige Auslegungspraxis, dass die Bestimmungen der Konvention – im Rahmen der Staatenberichte – zunehmend auch auf den Bereich der frühen Bildung und Erziehung übertragen werden. Der Erzieherberuf kann daher durchaus als wichtige Menschenrechtsprofession begriffen werden.

Erzieherinnen und Erzieher sind Anwälte der Interessen und Bedürfnisse der Kinder. Die volle Verwirklichung des Rechts auf Bildung setzt voraus, dass Kinder bereits von Anfang an bei ihren Lernprozessen unterstützt und in ihrer Entwicklung gefördert werden. Wichtig hierbei sind Formen der kontinuierlichen Beobachtung und Dokumentation, regelmäßige Beratungs- und Entwicklungsgespräche mit den Eltern sowie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Netzwerkpartnern, damit im Bedarfsfall weitergehende Schutz– oder Unterstützungsmaßnahmen vermittelt werden können. Eigene Präventions- und Schutzkonzepte sollten für alle Kindertageseinrichtungen selbstverständliche Pflicht sein.

Wer in Krippe oder Kindertagesstätte arbeitet, erfüllt einen ganzheitlichen Förderauftrag, wie der Gemeinsame Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen von 2004 deutlich macht: „Angesprochen wird damit insbesondere die Entwicklung des Sozialverhaltens sowie der Fähigkeit und der Bereitschaft zur entwicklungsangemessenen Übernahme von Verantwortung. Dies sind auch gleichzeitig anerkannte Aspekte der Persönlichkeitsbildung. Der Bildungsprozess des Kindes umfasst alle Aspekte seiner Persönlichkeit. Bildung und Erziehung werden als ein einheitliches, zeitlich sich erstreckendes Geschehen im sozialen Kontext betrachtet.“ Der Prozess der Weltaneignung ergibt sich vorrangig aus sozialen Situationen, erfolgt in Tageseinrichtungen für Kinder also in erster Linie alltagsbasiert.

Aus dem Alltagsgeschehen einer Kindertageseinrichtung heraus ergeben sich immer wieder wirksame Beteiligungsmöglichkeiten; solche realen Erfahrungen können für die Werterziehung äußerst fruchtbar sein […]

Bildung in Kindertageseinrichtungen beginnt entscheidend damit, dass Erzieherinnen und Erzieher Erfahrungen ermöglichen, durch welche die Kinder lernen, wachsen und sich erproben können. Nicht zuletzt kann die Elementarbildung Erfahrungsräume erschließen, die in der Familie oder im sozialen Umfeld heute vielfach fehlen. Dies können zum Beispiel soziale Erfahrungen für Kinder sein, die ohne Geschwister aufwachsen; Erfahrungen im Wald oder auf der Wiese für Kinder, die sonst keinen direkten Kontakt mit der Natur mehr erleben; Erfahrungen mit Büchern für Kinder, die in der Familie vor allem mit Internet oder Fernsehen aufwachsen; Erfahrungen im handwerklich-künstlerisch-praktischen Bereich für Kinder, die schon früh mit Smartphone und Tablet aufwachsen; Erfahrungen mit Ritualen, religiösen Feiern oder Sinnfragen für Kinder, die in der Familie keine Begegnung mit gelebter Religion mehr erleben; Erfahrungen beim forschenden Experimentieren, kreativen Ausprobieren und Entdecken für Kinder, die sonst nur vorgeformtes Spielzeug kennen …

Auszug aus: Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird 30 Jahre alt, in: Antje Helmond, Axel Bernd Kunze, Magdalene Simpfendörfer-Autenrieht (Red.): Kindheit – Veränderung und Unveränderliches (Gruß aus der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft; 2018/19), o. O. (Weinstadt) 2018, S. 42 – 47.

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Themenheft: Pädagogische Urteilsbildung

Das neue Themenheft der Zeitschrift PÄDAGOGIKUNTERRICHT, der größten Fachzeitschrift für pädagogische Fachdidaktik im deutschsprachigen Raum, widmet sich dem Thema PÄDAGOGISCHE URTEILSBILDUNG (38. Jg., H. 4, ISSN 0176-179X):

  • Gernod Röken: Pädagogische Urteilsbildung – eine vertiefende, differenzierende und mit Orientierungsbeispielen versehene Bestimmung
  • Fred Heindrihof: Interkulturelle Bildung in Auseinandersetzung mit politisch-affirmativen Orientierungen
  • Margaretha Armbrüster: Pädagogische Urteilsbildung zwischen Kernlehrplan, „Meinungsfalle“ und Erwartungshorizonten – ein Rückblick auf die Abituraufgaben des Anforderungsbereiches III im Leistungskurs 2018
  • Carsten Püttmann, Bernd Rudow, Bernd Fischer: Belastungen und Gesundheit von Erzieherinnen
  • Gizem Can: Ein Praxisbeispiel zur Förderung der Selbstbestimmungsfähigkeit Heranwachsender

Die Zeitschrift wird vom Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen herausgegeben. Dem Wissenschaftlichen Beirat gehören Prof. Dr. Beyer (Univ. Köln), Prof. Dr. Bernhard (Univ. Duisburg-Essen), Jun.-Prof. Dr. Gather (Univ. Paderborn) und PD Dr. Kunze (Univ. Bonn) an.

Tagungsdokumentation: Plenum digitale? Vacuum mentale?

Anfang Oktober fand die zweite Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz zur Digitalisierung statt – unter dem sprechenden Titel: Plenum digitale? Vacuum mentale?

Die Konferenzbeiträge liegen nun als Videodokumentation vor. Referenten waren der Fachdidaktiker Hans-Peter Klein, einer der Initiatoren der Konferenz, der Neurologe Manfred Spitzer, der Philosoph Julian Nida-Rümelin, der Medienpädagoge Ralf Lankau, der Merdiziner Peter Pospiel, der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Publizist Josef Kraus sowie der Digitalisierungsbeauftragte der Bundesregierung, Helge Braun.

Bamberger Wanderausstellung: Wölfel, Aron, Stauffenberg – Formen des Widerstandes

Der jüdische Justizreferendar, Sozialdemokrat und Verbindungsstudent Willy Aron wurde als erstes Opfer aus Bamberg im Mai 1933 im Konzentrationslager Dachau ermordet. Die nach ihm benannte Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. hat es sich zum einen zum Ziel gesetzt, das Andenken an den Bamberger Widerstand lebendig zu erhalten; zum anderen will die Gesellschaft durch ihre Bildungsarbeit zum Einsatz für Freiheit, Recht und Demokratie heute ermutigen.

Hierzu hat der Verein eine vierzehnteilige Wanderausstellung konzipiert. Die Bildtafeln beleuchten einerseits den ideologischen Hintergrund des Nationalsozialismus sowie die Rolle von Militär, Justiz und Religion im NS-Staat, andererseits das Leben und Wirken drei zentraler Bamberger Widerstandskämpfer, deren Vermächtnis auch ein gemeinsames Denkmal im Bamberger Harmoniegarten würdigt. Der schon genannte Willy Aron steht exemplarisch für den Widerstand der Arbeiterbewegung, der Rechtsanwalt Hans Wölfel für den christlich motivierten Widerstand und Claus Schenk Graf von Stauffenberg, einer der Hauptakteure des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944, für den militärisch-konservativen Widerstand. Am Ende der Ausstellung wird gezeigt, wie die Bamberger Akteure innerhalb der verschiedenen Gruppen und Kreise des deutschen Widerstandes vernetzt waren.

Die Ausstellung wurde konzipiert durch die Bamberger Historiker Daniel Dorsch und Andreas Ullmann, die Dramaturgin am städtischen E.T.A.-Hoffmann-Theater, Anja Simon, sowie die Bamberger Pädagogen Erhard Schraudolph und Mechthildisch Bocksch, letztere wurde nicht zuletzt durch ihre Studie über Hans Wölfel bekannt. Die Wanderausstellung kann von Bildungseinrichtungen, Pfarreien, Kommunen, Museen, Verbänden, Behörden oder Betrieben beim Katholischen Erwachsenenbildungswerk im Erzbistum Bamberg e. V. (Kontakt: Herr Kainzbauer-Wütig, erwachsenenbildung@erzbistum-bamberg.de) oder beim Vorstand der Willy-Aron-Gesellschaft kostenlos ausgeliehen werden. Die Katholische Erwachsenenbildung in der Stadt Bamberg e. V. (Kontakt: kath.bildung-ba@t-online.de) und die Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg  e. V. (Kontakt: vorstand@willy-aron-geellschaft.de)  vermitteln auch gern Führungen durch die Ausstellung.

Getragen wird das Ausstellungsprojekt, das u. a. durch die Oberfrankenstiftung gefördert wird, neben der Willy-Aron-Gesellschaft durch das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater, die Initiative Widerstands-DokuZentrum, die Katholische Erwachsenenbildung in der Stadt und im Landkreis Bamberg e. V., den Förderkreis zur Pflege des Erinnerns an Hans Wölfel e. V., die Projektabteilung im Erzbistum Bamberg sowie die Bamberger SPD.

Der Ausstellungskatalog ist nun in zweiter, korrigierter, überarbeiteter und erweiterter Auflage innerhalb der Reihe „Arbeitspapiere der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V.“ erschienen (online abrufbar unter: http://www.willy-aron-gesellschaft.de/Dokumentationen.html#menu1-12):

Daniel Manthey, Mechthildisch Bocksch. Andreas Ullmann (Hgg.); Mechthildis Bocksch, Axel Bernd Kunze (Red.): „Wölfel, Aron, Stauffenberg – Formen des Widerstandes“ Ausstellungseröffnung am 7. Februar 2014 (Arbeitspapiere der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V.; 1/2018), o. O. (Bamberg) ²2018, 63 Seiten.

Petition: Deutschland soll UN-Migrationspakt nicht unterzeichnen

Nachdem Österreich angekündigt hat, den UN-Migrationspakt nicht zu unterzeichnen, ist auch in Deutschland eine heftige Diskussion darüber ausgebrochen.  Neben dem Pakt selbst wird von den Gegnern dieses UN-Papiers auch die Art und Weise kritisiert, wie die Bundesregierung eine Teilnahme Deutschlands an diesem Pakt ohne größere öffentliche oder parlamentarische Debatte durchsetzen will. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb in einem Kommentar hierzu: „Die Diskussion um den Migrationspakt entlarvte einmal mehr die intellektuelle Bequemlichkeit im Deutschen Bundestag. Viele Parlamentarier glauben, mit einem Anti-AfD-Reflex seien sie für solche Debatten hinreichend gerüstet. Sie täuschen sich.“ Auch ein „Schlaglicht“ in diesem Weblog beschäftigte sich vor einigen Tagen mit den zu erwartenden Folgen des UN-Migrationspaktes. Aus diesem Instrument eines „soft law“ würde über kurz oder lang „hartes Recht“ werden, auch wenn die Befürworter immer wieder beteuern, der Pakt sei in keiner Weise rechtsverbindlich.

Die Diskussion zeigt Wirkung. Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat nun doch beschlossen, eine von 55 Unterschriftensammlungen als Petition zu listen. Notwendig ist ein Quorum von 50.000 Unterschriften. Die Onlinepetition findet sich unter folgendem Link:

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2018/_11/_01/Petition_85565.nc.html

 

 

Rezension: Wer war der heilige Nikolaus?

Thomas Schumacher (2018): Der heilige Nikolaus – Bischof von Myra. Annäherungen aus Geschichte, Legenden und Theologie, München: Pneuma, 136 Seiten.

Nikolaus kennt man als Kinderfreund. Auch kennt man so manche Geschichten. Doch wer ist dieser einst einflussreichste Heilige überhaupt gewesen? Dieser Frage ist der Theologe Thomas Schumacher in Form von „Annäherungen aus Geschichte, Legenden und Theologie“ nachgegangen und hat ein mit hundertsechsunddreißig Seiten durchaus gut überschaubares Buch vorgelegt, das sich von den zahlreichen Kinderbüchern sowie von jenen übrigen, denen es um Bräuche und scheinbar Biographisches geht, deutlich unterscheidet.

Vieles, was bei der Recherche zum Beispiel auf Wikipedia oder anderen Webseiten wie Fakten dargestellt wird – Biographisches wie unter anderem Lebensdaten zur Zeit Kaiser Konstantins, Teilnahme am Konzil von Nicäa, klerikaler Weg von Jugend an – erweist sich bei näherem Hinsehen als unhistorisch. Schumacher ordnet all das in den großen Kontext ein. Einige derartige „Informationen“ wurden im neunten Jahrhundert auf Basis der ältesten Nikolauslegende aus dem sechsten Jahrhundert für Tatsachen gehalten. Eine Art von Biographie wurde daraus im zehnten Jahrhundert, als man einen anderen Nikolaus, nämlich „Nikolaus vom Sionskloster“, von dem es eine biographische Schrift gibt, mit dem heiligen Nikolaus ineinssetzte und im berühmten, hoch verehrten heiligen Nikolaus aufgehen ließ. Schumacher zeigt all das und „reinigt“ die Person des heiligen Nikolaus von diesen Überlagerungen. So wird der Weg frei für eine Spurensuche, wer der heilige Nikolaus wirklich gewesen ist und wie sich seine Verehrung als ein „Über-Heiliger“ etablieren konnte, zunächst im Osten, später im Westen.

  1. Die Nikolausverehrung entstand just dann, als sich die Heiligenverehrung etablierte. Nach der Zeit der Verfolgungen und der Märtyrer weitete sich mit der Religionsfreiheit unter Kaiser Konstantin der Kreis jener verehrter Männer und Frauen, die man als bei Gott vollendet glaubte und die nach jüdischer Vorstellung (2 Makk 15) als Freunde Gottes angesehen wurden, die fürbittend für die noch auf Erden Lebenden eintreten. Nach jenen, die in einem asketischen Leben eine Art unblutiges Martyrium bestanden haben, wie zum Beispiel der hl. Antonius (verstorben 356), wurden unter Papst Damasus I. (366 bis 384) nun verstärkt Bischöfe als Heilige angesehen. Einer der frühesten heiligen Bischöfe war im Westen der heilige Martin von Tours, im Osten der heilige Nikolaus, der vermutlich Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts gelebt hat und Bischof von Myra war.
  2. Zuvor musste Myra überhaupt Bischofssitz geworden sein. Seit dem vierten Jahrhundert vollzog sich in den Provinzen des (Ost-)Römischen Reiches nach und nach eine Christianisierung. Dieser Prozess erstreckte sich bis zur Zeit Kaiser Justinians I. (527 bis 565) und war durch harte Auseinandersetzungen mit den lokalen heidnischen Kulten geprägt. In der Provinz Lykien entstanden im Verlauf des vierten Jahrhunderts nach und nach christliche Gemeinden in den Kleinstädten, so auch in Myra. Nikolaus war wohl Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts Bischof in Myra. Ein solcher Bischof in der damaligen Provinz war nicht mit Bischöfen wie heute zu vergleichen. Antike Provinzbischöfe waren die Hirten in den kleinstädtischen Gemeinden vor Ort. Schumacher setzt einen Vergleich: Das heutige Bistum Trier ist etwa so groß wie die damalige Provinz Lykien. Nach der Pfarrreform 2018/20 besteht das Bistum Trier aus fünfunddreißig „Pfarreien der Zukunft“. Im antiken Lykien gab es schließlich siebenunddreißig Diözesen. Ein antiker Provinzbischof wie Nikolaus war also eher mit dem Leiter einer heutigen Großpfarrei zu vergleichen.
  3. Unter allen Nikolauserzählungen ragt eine einzelne Legende heraus, welche die erste überhaupt gewesen ist und einen maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Verbreitung der Nikolausverehrung ausgeübt hat. Sie handelt von der Rettung dreier Offiziere oder „Feldherren“ vor Kerker und Hinrichtung. Die Erzählung ist bereits Mitte des sechsten Jahrhunderts belegt. In ihr erschien Nikolaus als ein Heiliger, der dem Kaiser und anderen im Traum erscheinen konnte und mit himmlischer Autorität Anweisungen erteilte. Im Volk verstand man diese Erzählung, als wenn Nikolaus bereits auf Erden den verklärten Leib der Auferstehung gehabt haben müsse. So galt er als Himmelsbürger und Erdenbürger zugleich, als ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, der umso mehr als himmlischer Helfer in aller irdischen Not angerufen werden konnte. Nikolaus wurde daher als eine Art universaler „Über-Heiliger“ verehrt, der die gewöhnlichen Heiligen mit ihren Taten weit überstrahlte.
  4. Der Bilderstreit (726 bis 843) bedeutete für die Nikolausverehrung den Durchbruch. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen, in denen es im Kern auch um die Christologie ging, obsiegten die sogenannten „Bilderfreunde“, deren prominente Vertreter (zum Beispiel Methodius) auch große Nikolausverehrer waren. Wie die Ikonen auf bildhafte Weise, so malte man nun auch literarisch die Heiligengestalten aus. Literatur galt nach antikem Verständnis als Kunst. Zahlreiche Wundererzählungen vom heiligen Nikolaus sowie Zusammenfassungen solcher Erzählungen in Form einer „Vita“ entstanden im neunten und zehnten Jahrhundert. Sie trugen zur weiteren Verbreitung der Nikolaus-Verehrung bei und zogen allerlei weitere Erzählungen nach sich.

Die so entstandene Verehrung von Nikolaus als „Über-Heiliger“ erreichte von Osten her Italien und verbreitete sich im elften Jahrhundert vermehrt auch in Mitteleuropa. Schumacher zeichnet diese Entwicklungen nach und zeigt darüber hinaus, wie die Nikolausverehrung in weniger günstiges Fahrwasser geriet: Wie die Reformation gegen die Heiligenverehrung auftrat, wie die Gegenreformation einen neuen Typ von heiligen bevorzugte, wie die Aufklärung Nikolaus ins Pädagogische und Moralische verschob und wie Profanisierung und Säkularisierung bis hin zum Weihnachtsmann führten.

„Der heilige Nikolaus“ ist ein Buch, das es schafft, auf nur hundertsechsunddreißig Seiten eine riesige Fülle an Stoff zu präsentieren. Textstücke aus dem Buch kann man durchaus für die Oberstufe verwenden. Ansonsten ist es aber ein Buch für engagierte Religionslehrkräfte, die in Sachen Nikolaus eine fundierte Fortbildung suchen.

Dr. Hans-Michael Tappen (Rez.), München

Schlaglicht: „Soft law“ bleibt „law“ – Gedanken zum UN-Migrationspakt

Deutschland streitet um den UN-Migrationspakt („Global Compact for Migration“) – nicht ganz: Die öffentliche Meinung ist gespalten. Die politischen Entscheidungsträger versuchen, eine öffentliche Debatte so gut es geht zu verhindern. Der Pakt sei gar nicht rechtsverbindlich, eine parlamentarische Beschlussfassung daher auch gar nicht notwendig, werden Bedenken heruntergespielt. Die Regierungsparteien bedienen sich dabei der üblichen Etikettierungen („Rechtspopulisten“) oder der Beschimpfung („Verschwörungstheoretiker-Verein“, „Antisemiten“) des politischen Gegners. Populismus gibt es nicht allein rechts von der Mitte, sondern in allen politischen Richtungen – die Migrationskrise hat dafür seit 2015 eine Menge Beispiele geliefert.

Wenn ein Pakt nicht rechtsverbindlich ist und angeblich nichts ändert, braucht man ihn auch nicht zu unterschreiben … – ist schon mal eine erste, sehr naheliegende Vermutung. Bei genauerem Hinsehen sieht man: Es handelt sich hier um „soft law“, wie es in der internationalen Politik inzwischen äußerst beliebt ist. Die Erfahrung zeigt, dass aus diesem „soft law“ über kurz oder lang durch die damit verbundenen Monitoringsysteme, über Gewohnheitsrecht und durch politischen Druck, u. a. von NIchtregierungsorganisationen, dann doch „hartes Recht“ wird. Dies sind keine Verschwörungstheorien, hierfür gibt es diverse Beispiele, auch aus der bildungsethischen Diskussion (etwa die Debatte um Inklusion). „Soft law“ bleibt eben doch „law“. Juristen, die es in der Politik zuhauf gibt, sollten das wissen. Dies ausschließlich als „Verschwörungstheorie“ abzutun, grenzt schon an gezielte Wählertäuschung. Die Initiatoren und Befürworter des Pakts wollen die Koordinaten staatlicher Souveränität verschieben – und dies durch Umgehung des Souveräns, des Volkes. Daher wird die Öffentlichkeit nicht richtig informiert, deshalb findet kein öffentlicher Diskurs statt und deshalb werden Petitionen auf die lange Bank geschoben. Nebenbei: Wenn Abgeordnete versuchen, die Schuld nun auf das Auswärtige Amt abzuschieben, mag dies nicht ganz falsch sein. Aber was macht eigentlich das Parlament? Die Legislative hat die Aufgabe, die Regierung zu kontrollieren. Wenn der parteipolitische Diskurs nicht so borniert geführt würde, könnte man zumindest in diesem Punkt Schnittpunkte zwischen der AfD und den übrigen Parteien erkennen.

Der Pakt erklärt explizit Migration zu einem Erfolgsmodell, wenn es diese als „Quelle des Wohlstands, der Innovation und der nachhaltigen Entwicklung“ bezeichnet – damit wird die internationale Migration durch falsche Signale weiter angefacht. Was es braucht, sind deutliche Zeichen gegen Migration sowie die damit verbundene Organisierte Kriminalität, nicht zuletzt das Schlepperunwesen. Dann hätten wir immer noch genug damit zu tun, die weiterhin vorhandene Migration aus unabweisbar humanitären Gründen zu regeln.

Mag sein, dass viele Staaten den Pakt unterstützen. Viele tun es aber auch nicht, etwa Ungarn, Israel, Österreich, Tschechien, Bulgarien, Estland oder die USA … Dafür gibt es gute Gründe. Nicht allein die staatliche Souveränität wird durch den Pakt über kurz oder lang eingeschränkt, sondern auch die demokratische Mitbestimmung des Souveräns verletzt. Wir verlagern Entscheidungen in internationale Organisationen, machen das über weiche Steuerungsinstrumente und am Ende will es niemand gewesen sein. Colin Crouch ist nur einer, der dies in seinem Suhrkampbändchen zur Postdemokratie beschrieben hat. Schleichend und ohne demokratische Legitimation werden die verfassungsmäßigen Grundlagen des Staatswesens verändert. Die politische Elite hat sich schon weit vom Nationalstaatsgedanken verabschiedet, scheut aber die offene, faire und mitbestimmungsoffene Debatte darüber.

Nun wird man immer mit politischen Entscheidungen leben müssen, die einem nicht gefallen. Der demokratische Konsens, mit Mehrheitsabstimmungen zu leben und diese mitzutragen, wird aber beschädigt, wo die politischen Entscheidungsträger nicht mehr bereit sind zu argumentieren. Der Pakt liege im nationalen Interesse, behauptet die Bundesregierung. Allein: Die Begründung bleibt sie bis heute schuldig.