Amtsstuben brauchen beides: Flagge und Kreuz

Die Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten, Markus Söder, aus diesem Sommer, in Behörden des Freistaates Kreuze aufhängen zu lassen, hat nahezu reflexhaft, ablehnende bis gehässige Reaktionen ausgelöst. Identitätsargumente haben in Deutschland einen schweren Stand. Ein Argument dieser Debatte ist zumindest bedenkenswert: Kein Staat darf das Kreuz exklusiv für sich reklamieren oder vereinnahmen – das ist richtig.

Das heißt aber umgekehrt nicht, dass der Staat religiöse Symbole aus der Öffentlichkeit verbannen sollte. Staatliche Neutralität in religiösen Dingen meint die Diskriminierungsfreiheit religiös-weltanschaulicher Überzeugungen, nicht deren Neutralisierung oder Nivellierung zu einer staatlich betriebenen, einheitlichen Zivilreligion, wie immer man sich diese dann auch vorzustellen hätte. Jedes Gemeinwesen, das stabil, handlungsfähig und geistig lebendig bleiben will, ist darauf angewiesen, sich seiner kulturellen Herkunft zu versichern. Und diese ist entscheidend religiös geprägt. Daher wäre es auch künstlich, strikt zwischen der konfessorischen und kulturethischen Bedeutung christlicher Ausdrucksformen trennen zu wollen. Die Bürger sind Träger religiöser Haltungen und umgekehrt.

Auf der einen Seite ist das Christentum nicht einfach in eine allgemein verständliche Nächstenliebe aufzulösen, der wir uns allgemein sicher sein könnten. Schwinden christlicher Erlösungsglaube und christliche Praxis aus unserem Land, werden viele Werte unserer Staats- und Gesellschaftsordnung nicht zu halten sein. Der Staat darf zeigen, auf welche religiösen Wurzeln er sich beruft, solange sich auch andere religiöse Bekenntnisse im Rahmen des gesellschaftlichen Toleranzgebots öffentlich äußern dürfen.

Auf der anderen Seite sollte Politik nicht allzu selbstgewiss daherkommen. Das Kreuz in öffentlichen Amtsräumen markiert jene „Leerstelle“, die der freiheitliche Rechts- und Verfassungsstaat nicht selbst füllen kann, will er nicht übergriffig werden. Es geht um das geistige Fundament, auf das der moderne Staat, der selbst der Legitimation bedarf, unverzichtbar angewiesen bleibt, das er sich aber nicht selbst legen kann. Es geht um eine notwendige Rückversicherung gegenüber totalitären Tendenzen – wider eine Selbstüberschätzung des Menschen, wider einen Staat, der sich absolut setzt, wider jene Form des Materialismus, der den Menschen in letzter Konsequenz nur mehr als Funktionär der sozialen oder politischen Verhältnisse betrachtet.

Die Regeln unseres Verfassungsstaates müssen unterfüttert werden durch ein Fundament konkret gelebter Orientierungswerte. Diese bestimmen das sozialethische Verhalten der Bürger im Alltag und sind Ausdruck gemeinsamer Identität.

Der liberale Rechts- und Verfassungsstaat kann eine bestimmte „Leitkultur“ seiner Bürger nicht hoheitlich herstellen, aber er darf einen entsprechenden, politisch belastbaren Gedächtnisraum fördern. Denn Recht und staatliche Ordnung leben von affektiven Bindungen an ihre kulturellen Prägungen. Und eine stabile Rechts- und Staatsordnung lebt davon, dass die Herkunft der ihnen zugrundeliegenden Werte und Prinzipien aus der spezifischen, einheimischen Tradition nicht geleugnet wird.

Das christliche Evangelium stemmt sich politischen Heilslehren entgegen, die sich selbst absolut setzen. Aber es „liefert“ umgekehrt – so formuliert es die Pariser Erklärung – auch „kein umfassendes göttliches Gesetz“. Niemand sollte in der Kirche vorschnell behaupten, er wüsste schon im Voraus ganz genau, was politisch praktizierte Christlichkeit zu sein habe. Vielmehr eröffnet das Evangelium den Raum für eine Politik aus christlicher Verantwortung, die im politischen Diskurs Kontur gewinnt und eine Verschiedenartigkeit säkularer Gesetze zulässt.

Deutschland ist kein zentralistischer Nationalstaat, aber seit den Befreiungskriegen und der Einigungsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts auch nicht einfach nur ein loser Verbund regionaler Landsmannschaften. Die Nation ist eine politische Schicksalsgemeinschaft, die auf gemeinsamer Geschichte, Kultur und Identität beruht: nicht abstrakt, sondern politisch-geschichtlich gewachsen und religiös geprägt. Und wir tun gut daran, uns unserer kulturellen Herkunft immer wieder zu versichern, wenn unser Gemeinwesen nicht auseinanderfallen soll. Auch der weltanschaulich neutrale, liberale Verfassungsstaat sollte sich zu seinen nationalen Traditionen und seinen Werten bekennen, darf Flagge wie Kreuz gleichermaßen zeigen.

Eine ausführliche Fassung des Beitrags findet sich in der neuen Festschrift zum siebzigjährigen Jubiläum der Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“:

Axel Bernd Kunze: Flagge und Kreuz, in: Johannes Röser (Hg.): Gott? Die religiöse Frage heute, Freiburg i. Brsg.: Herder 2018, S. 70 – 73.

https://www.herder.de/cig/

Information des Verlages:

Zum Jubiläum der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART

Was verliert eine Kultur, eine Gesellschaft, ein Staat, wenn Gott mehr oder weniger sang- und klanglos aus dem Leben der Bürgerinnen und Bürger verschwindet? Und was könnten sie gewinnen, wenn der Sinn für die Gottesfrage wächst? 135 Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens gehen diesen Fragen nach und lassen Hoffnungen und Zweifel, Erfahrungen und Enttäuschungen, Sehnsüchte und Erwartungen zur Sprache kommen – Trost, Ermutigung und Anregung für viele, die sich mit dem Verdrängen des Lebenswichtigsten nicht abgefunden haben: ob es einen wahren, ewigen Grund gibt für die menschliche Existenz, für Geist und Materie, für das Dasein des Universums.

»Die Beiträge dieses Buches widmen sich der Frage aller Fragen: Gott? Dabei wird deutlich, es ist in erster Linie ein Tasten und Suchen, ein Ahnen und Vermuten, ein Versuch zu erkennen jenseits eines plakativen, manchmal auch nur vermeintlichen Wissens. Glauben aber funktioniert nicht ohne Wissen. Und Wissen gibt es nicht ohne Glauben. In dieser Spannung nähern sich die Texte dem, was das Menschsein vielleicht doch unbedingt angeht. So ist ein wahres ›Gottes-Lesebuch‹ entstanden in einem weiten Spannungsbogen, voller Unruhe und Neugier. Diese Publikation fördert den Dialog über ein modernes Christsein in einer modernen Welt.« (Johannes Röser, Chefredakteur)

Dieses Buch ist entstanden aus Anlass des siebzigjährigen Bestehens der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART. Sie ist allen Reformkräften verbunden, die für Gewissenserforschung, Wahrhaftigkeit, Freimütigkeit und religiöse Erneuerung eintreten. Als unabhängige und überregionale Wochenzeitschrift beleuchtet sie die Horizonte hinter den Schlagzeilen und richtet sich an alle, die einen persönlichen christlichen Lebensstil und ein zeitgemäßes Glaubensverständnis angesichts heutiger Welterfahrung suchen.

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