Zwei Stimmen zum „Lexikon der Schulsozialarbeit“

Konzeption des Lexikons der Schulsoziarbeit

Das Lexikon der Schulsozialarbeit orientiert sich an den vielfältigen Aufgaben und Aufträgen sowie an den sozialen Problemen in der Schule und ihrem sozialräumlichen Umfeld.

Neben praxisrelevanten Fragestellungen werden auch maßgebliche wissenschaftstheoretische Diskurse thematisiert. Vor diesem Hintergrund bieten funktionale Verbindungslinien und inhaltliche Verknüpfungen eine hervorragende Orientierungs- und Entscheidungshilfe zur Beantwortung der sich in Forschung, Wissenschaft, Studium und Praxis stellenden Fragen.

Die Freiheit der inhaltlichen Gestaltung der von den Autorinnen bzw. Autoren präsentierten Stichwörter und die damit verbundenen Aussagen waren eine Grundbedingung, die dazu geführt haben, dass zu einzelnen Fragestellungen zahlreiche Anregungen, mitunter aber auch kontroverse Positionen und folglich unterschiedliche Antworten gegeben werden und/oder einzelne Passagen sich bewusst überschneiden (z.B. aus dem Blickwinkel der Erziehungs- und Bildungsinstanzen ‚Schule‘ und ‚Jugendhilfe‘). Zugleich werden aber auch aufgrund der Natur des Gegenstandsbereiches Schulsozialarbeit deren Verbindungslinien hervorgehoben und Schnittmengen benannt. Mit derartigen Entwicklungen und widersprüchlichen Wahrnehmungen werden zum Teil irrationale Reflexe bedient und aus unterschiedlichen Perspektiven kontroverse Diskussionen angefeuert. Insofern spiegeln ‚abweichende Meinungen‘die Vielfalt alltäglicher Praxis der Schulsozialarbeit sowie die in der Literatur erkennbaren unterschiedlichen Auffassungen zu teilweise heftigen Streitfragen und praxistauglichen problemlösenden Maßnahmen wider. Dieser Widerstreit wird von dem Herausgeber bewusst in Kauf genommen und zugleich begrüßt, zumal die jeweiligen Aspekte der Schulsozialarbeit in unterschiedlichen Bereichen, Blickfeldern und Zusammenhängen – auch differenziert nach einzelnen Bundesländern (beachte die Kulturhoheit der Länder) – auftreten, die in einzelnen Bereichen und Sektoren noch erweiterungsfähig sind. Diese stellenweise mit Vehemenz geführten Auseinandersetzungen begründen sich z.B. in der spannungsgeladenen Widersprüchlichkeit des jeweiligen gesellschaftlichen Grundverständnisses von Grundvoraussetzungen und Rahmenbedingungen der Erziehung, Bildung, Sozialisation und letztlich auch der Schulsozialarbeit. Offene Fragen, wo Antworten nicht einfach sind, werden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern mit ernstgemeinter Gestaltungsverantwortung problemlösenden Maßnahmen zugeführt. Zudem ist es nicht das Bestreben des Herausgebers, strittige Meinungen dogmatisch auszutragen oder eigenen Reformideen zum Durchbruch zu verhelfen. Letztlich geht der Herausgeber davon aus, dass sich Schulsozialarbeit durch einem stetig zu befördernden Diskurs zu den System- und Funktionszusammenhängen sowie durch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Auffassungen, Meinungen und Standpunkten gewinnbringend weiter entwickeln wird und demokratische Grundsätze und vor allem Kinderrechte sichern helfen.

Die von rund 200 Autorinnen und Autoren verfassten über 450 Stichworte bieten eine erste Auswahl und sorgfältige Darstellung schulsozialarbeiterischer Grundlagen und Rahmenbedingungen. Ergänzt mit fachpraktischen Hinweisen, Kindeswohl fördernden Erfahrungen und einer gezielten Auswahl von zum Teil ineinandergreifender Best-Practice Beispiele wird das Lexikon der Schulsozialarbeit dem rasant wachsenden Bedeutungsgewinn der Schulsozialarbeit gerecht und leistet darüber hinaus einen wichtigen innovativen Beitrag zur Professionalisierung des Praxisfeldes Schulsozialarbeit.

Das Lexikon der Schulsozialarbeit wird von dem Sozialarbeiter und Erziehungswissenschaftler sowie ehemaligen Jugendamtsleiter Herbert Bassarak herausgegeben, der zum einen während seiner Studienzeit in dem Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund bei Prof. Dr. Hans-Günter Rolff wirkte und zudem über dreißig Jahre in Fachausschüssen des Deutschen Vereins als ordentliches Mitglied gewirkt hat und darüber hinaus Gründungsmitglied und seitdem Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit Bayern e.V. ist. Herbert Bassarak ist zugleich Mitinitiator des im deutschsprachigen Raum ersten Masterstudienganges Schulsozialarbeit, der an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt angeboten wird und seit 2016 mit großem Erfolg läuft.

Herbert Bassarak (Herausgeber), Vorstand BAG Schulsozialarbeit und Vorstand LAG Schulsozialarbeit Bayern e. V., Lauf

 

Herbert Bassarak (Hrsg.): Lexikon der Schulsozialarbeit,  1. Aufl., Baden-Baden: Nomos 2018, ISBN-13: 978-3-8487-1594-7, 98,00 Euro.

 

Zukunftsträchtiges Arbeitsfeld mit praxisrelevantem Nachschlagewerk

Es ist ein großes Projekt, das sich Professor Herbert Bassarak vorgenommen hat: Ein Lexikon der Schulsozialarbeit, das vor allem Beiträge von praktizierenden Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen enthalten soll und möglichst praxisrelevant das weite Feld der Sozialarbeit an Schulen abdeckt. Gleichwohl ist es hier gelungen, die Vielseitigkeit des Handlungsfeldes auch in den verschiedenen Beiträgen von über 200 Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum einzubringen, ohne dass das Fachliche oder die Leserlichkeit der Texte beeinträchtigt wurden. Dieses Lexikon bietet den so notwendigen wissenschaftstheoretischen Diskurs, indem vielseitige Fragestellungen zu den Bildungs- und Erziehungssystemen erörtert werden. Dabei ist es dem Herausgeber ein ausgesprochenes Anliegen, dass die Autorinnen und Autoren selbstverantwortlich zu ihren Beiträgen stehen und so die insgesamt über 450 Stichworte auch teils kontroverse Standpunkte beinhalten.

So wird schon im ersten Stichwort die „Abgrenzung Jugendsozialarbeit an Schulen und Schulsozialarbeit“ diskutiert und im letzten Beitrag „Zwangsheirat“ sowohl vom rechtlichen, psychologischen, sozialarbeiterischen und kulturellen Aspekten als auch bezüglich Präventionsangeboten erörtert. Die Verknüpfung der praktischen und theoretischen Gesichtspunkte unterschiedlicher Disziplinen machen auch den Geist dieses Lexikons aus. Hier wird ausgesprochen praxisbezogen beschrieben, ohne sich in kleinschrittigen Punkten zu verlieren. Vielmehr sind die fachpraktischen Hinweise und die dargestellten Erfahrungen mit Projekten und Medien gut dosiert präsentiert. Diese gezielte Auswahl von Best-Practice Beispielen macht das Lexikon der Schulsozialarbeit zu einem vortrefflichen Nachschlagewerk. Das Pendel bewegt sich dabei von direkt im schulischen Kontext eingreifenden Punkten bis hin zu Aspekten, die mehr der Jugendhilfe als dem Bildungsbereich zugeordnet werden. Entsprechend der konzeptionellen Vielfalt der Sozialarbeit an Schulen können hier Praktikerinnen und Praktiker sich bei einzelnen Stichwörtern vertieft befassen. Ob nun Sucht, Gewalt, Schweigepflicht, Selbstverletzendes Verhalten, Elternarbeit, Sozialraum, Schutzkonzepte, Pubertät, Sozialtrainings, Suizidprävention, Cybermobbing, Mädchenarbeit, Essstörungen oder Ganztagsschule, politische Bildung oder Berufsorientierung: Hier findet jede Fachperson aus der Sozialen Arbeit an Schulen entsprechende Verknüpfungen zu der praktischen Arbeit bzw. der entsprechenden Reflexion. Die Übersichtlichkeit ist durch den Fettdruck der Stichwörter und die nicht übermäßigen Längen der einzelnen Beiträge mit der begrenzten Anzahl an Literaturhinweisen sowie die große Anzahl von binnenstrukturellen Querverweisen gegeben. Ein Stichwortverzeichnis (leider ohne Angabe der jeweiligen Autorenschaft) und ein 75seitiges, oft sehr aktuelle Titel berücksichtigendes Literaturverzeichnis helfen beim strukturellen Lesen des Lexikons. Beim Autoren/-innen-Verzeichnis werden die beruflichen Hintergründe und Emailanschriften aufgeführt. So lässt sich gegebenenfalls auch Kontakt zu den einzelnen Personen aufnehmen. Die beeindruckend hohe Anzahl an Beiträgen verdeutlicht die Komplexität des Arbeitsfeldes und den hohen Anspruch, der an die Schulsozialarbeiter/-innen gestellt wird. Wer sich die Liste der Stichwörter anschaut, wird den Punkt Sexualpädagogik vermissen, obgleich diese in der praktischen Arbeit eine bedeutende Rolle spielt. Hier würde man sich für die nächste Auflage einen Beitrag wünschen. Alles in allem ist dieses Lexikon eine ausgesprochen vielseitige Ansammlung an Informationen und fachlichen Einschätzungen. So ist es ein hervorragendes Beispiel zur weiteren Professionalisierung des so zukunftsträchtigen Praxisfeldes. Dieses Lexikon sollte in jedem Jugendamt Schule machen und in jeder Schule helfen, dass die Schülerinnen und Schüler zugleich auch als Kinder bzw. Jugendliche wahrgenommen werden. Denn es bedarf auf Dauer einer fundierten Konzeptionierung und verlässlichen Ausstattung an Personal und Räumen, damit Schulsozialarbeit in all ihren Möglichkeiten wirksam werden kann. Das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ ist hierfür ein hervorragender Baustein!

Detlef Rüsch (Rezensent)

Der Rezensent ist als Diplomsozialpädagoge, systemischer Familientherapeut und Supervisor in Landshut tätig.

 

Viele Jahre lang wurde darüber nachgedacht und diskutiert, was Schulsozialarbeit ist, was sie ausmacht. Klar war immer, dass Schulsozialarbeit eine gewichtige Sache ist. Dies wird einem so richtig bewusst, wenn man die erste Ausgabe des „Lexikons der Schulsozialarbeit“ mit seinen knapp 1500 Gramm in Händen hält.

Nun kann man sich getrost hineinbegeben in diesen „Dschungel“. Rund zweihundert Autorinnen und Autoren bieten ihre jahrelang gemachten praktischen Erfahrungen und Ergebnisse beharrlicher wissenschaftlicher Auseinandersetzung in diesem Werk mit seinen über 450 Stichworten an. Dieser immer wichtiger werdende Bereich der Sozialen Arbeit wird äußerst praxisnah, lebendig und anschaulich der Leserschaft präsentiert.

Manches ist leider in diesem Lexikon (noch) nicht erfasst, so dass man gelegentlich schmerzliche Lücken zu spüren bekommt. Der Grund hierfür ist wohl in der Weite und in der rasanten Entwicklung dieses wichtigen Bereiches der Sozialen Arbeit zu suchen. Es hätten sich mit Sicherheit auch mehr Fachleute zu Wort melden können und müssen. Der Informationswert dieses Buches hätte dann annähernd der erlebbaren Situation entsprochen und somit den Bedürfnissen des Suchenden noch besser gerecht werden können. Für den Herausgeber gilt es also, mit der zweiten Auflage unbedingt die gelegentlich erkennbaren Schwächen zusammen mit den entsprechenden Fachleuten zu beseitigen.

Zudem fällt auf, dass einige ‚gewichtige‘ Stichwörter in für manchen Leser zu kurzer Form angeschnitten werden und sich gerade noch auf das Wesentliche konzentrieren. Es ist für die interessierte Leserschaft mit Sicherheit hilfreicher, wenn die äußerst aktive und aktivierende Schulsozialarbeit auch entsprechend dargestellt wird. Die Beiträge wären dann besser nachvollziehbar und noch informativer.

Das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ ist insgesamt gesehen gelungen und eine sehr gute Hilfe, quasi eine Landkarte, sich in dem schwierigen Terrain von Schule und Jugendhilfe zu orientieren und zurechtzufinden. Mit vielen unterschiedlichen „Best-Practice-Beispielen“ bietet diese umfassende Publikation eine qualitätssichernde Möglichkeit, bei auftretenden theoretischen oder praktischen Fragen Antworten zu finden sowie adäquate Handlungsoptionen zu entwickeln. Die zahlreichen Informationen aus Wissenschaft und beruflicher Praxis bereichern das vorliegende, äußerst umfangreiche Nachschlagewerk. Es ermöglicht passgenaue Entscheidungs- und Handlungsoptionen in Theorie und Praxis. Bestehende Brücken zwischen verschiedenen Systemen werden aufgezeigt, neue werden geschlagen, wo sie denkbar, möglich oder nötig sind.

Ob man gezielt nach einem bestimmten Begriff sucht, oder einfach „nur so“ in diesem Lexikon der Schulsozialarbeit blättert, man erhält kompetent Auskunft und wird bespiellos fachlich informiert und inspiriert.

Das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ ist ein Muss für jeden, der im Kontext von Schule und Jugendhilfe tätig ist.

Wolfgang Habberger (Rezensent)

Der Rezensent (Jahrgang 1967) ist Sozialpädagoge. Er ist seit Januar 2000 Mitglied der Gewerkschaft und Erziehungswissenschaft und wirkt seit zwanzig Jahren hauptberuflich in der Schulsozialarbeit. Darüber hinaus engagiert er sich in unterschiedlichen gewerkschaftlichen Bereichen und Ebenen der Schulsozialarbeit in Bayern.

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