Rezension: Luther für junge Leser

Karlheinz Weißmann: Martin Luther für junge Leser. Prophet der Deutschen, mit Illustrationen von Sascha Lunyakov, Berlin 2017, 169 Seiten.

Das Jubiläumsjahr der Reformation neigt sich dem Ende entgegen – ein Jahr, das von nicht wenigen Misstönen begleitet gewesen ist: Es ging los mit dem Bild zweier kirchlicher Würdenträger im Herbst 2016, die auf dem Jerusalemer Tempelberg nicht zum Kreuz als Teil ihrer Amtsinsignien stehen wollten. Was hätte Luther wohl zu dieser Uminterpretation seines „Hier stehe ich … – ich kann auch jederzeit anders“ durch seinen „Nachfolger“, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, gesagt!? Da war die antifaschistische Entgleisung auf einem regionalen Kirchentag in Mitteldeutschland, bei dem Luther auf unflätigste Weise beschimpft wurde. Da waren kritische Stimmen aus den eigenen Reihen, die den Kirchenleitungen einen unreformatorischen Personenkult um Luther, eine Kommerzialisierung seiner Person vorwarfen und den Jubiläumsfeiern theologische Substanzlosigkeit bescheinigten …

Die Beispiele zeigen, wie schwer es heute fällt, die Reformation und einen ihrer Hauptakteure geschichtlich wie theologisch angemessen zu würdigen. Nur in einem war man sich sicher: Es sollte kein nationales Luthergedenken geben, von dem 1983 selbst die Jubiläumsfeierlichkeiten der SED nicht frei waren. Und doch hat Karlheinz Weißmann seiner Lutherbiographie für junge Leser den Untertitel gegeben: „Prophet der Deutschen“. Dieser greift eine Zuschreibung auf, die Luther, der für sich ein prophetisches Amt in Anspruch nahm, schließlich selbst übernahm, als Bürde, nicht als Ehre. Und das war Luther auch – mindestens was seine Wirkungsgeschichte anging. Er hat die Geschichte Deutschlands ebenso geprägt wie dessen religiöse Landschaft. Nebenbei: Weißmanns Buch ist nicht der Ort, die Frage zu stellen, warum sich die Reformation gerade in den nichtrömischen, germanisch-skandinavisch geprägten Ländern bleibend durchsetzen konnte.

Vollständig erfassen wird man Luther durch eine solche Wertung wohl nicht, allzu facettenreich ist seine Persönlichkeit. Und das wäre für eine Biographie auch ein zu großer Anspruch. Doch dem Historiker und Publizisten Weißmann ist zweifelsohne gelungen (wie schon bei seiner vorangegangenen Geschichte Deutschlands für junge Leser), Luther anregend, differenziert und anschaulich für Heranwachsende zu erschließen. Auch wenn nicht alles beim ersten Mal erfasst wird, weckt das Buch Neugier, sich weiter mit Luther zu beschäftigen, den Fragen um seine Person und Wirkungsgeschichte an anderer Stelle nachzuspüren … Illustriert wurde der Band von Sascha Lunyakov.

Luther wird in den Kontext seiner Zeit eingeordnet, wobei der Verfasser ihn stärker an die Schwelle zur Neuzeit als an den Ausgang des Mittelalters rückt (anders, als es Schillings epochales Lutherwerk jüngst getan hat). Es folgen Kapitel zu Luthers Zeit als Mönch und zu seiner Rolle als Reformator.

Die Bedeutung Luthers für die Nationalgeschichte erkennt Weißmann in dessen Einfluss auf die deutsche Sprache (Bibelübersetzung), in seiner Rolle als Initiator einer (sozialen) Volksbewegung, die im Bauernkrieg dann auf dramatische Weise eskalierte und auch sonst durchaus in innerreformatorischen Streitigkeiten mit sich selbst in Konflikt geriet, und in der Neuordnung der Glaubenslandschaft in Deutschland. Diese Punkte sind alle nicht verwunderlich. Bemerkenswert ist, dass Weißmann Luther nicht als den Beginn eines verhängnisvollen deutschen Sonderweges zeichnet, sondern als Leitfigur in eine Geschichte des deutschen Widerstands einreiht: von Arminius und Widukind über Luther bis zu Bismarck und den Widerständlern vom 20. Juli 1944 und 17. Juni 1953. Dies alles gelingt Weißmann, ohne Luther dabei einseitig zu politisieren. Deplatziert und anbiedernd an den Massengeschmack wirkt einzig die Illustration, die Luther vor einem Heer von Fußballfans zeigt, die schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken.

Dies überzeugt und rechtfertigt den Untertitel des Bandes, sofern man die darin enthaltene Charakterisierung nicht exklusivistisch versteht. Für Weißmann bleibt Luther ein religiöses Genie – mit der durchaus üblichen Gratwanderung: Luther konnte harte Urteile gegen andere fällen, wurde aber selbst vom Teufel bedrängt. Dies wird man unterschreiben können. Schwieriger hingegen ist Weißmanns theologische Deutung Luthers – … als eines religiösen Denkers, der etwas Neues beginnen wollte. Dies unterschlägt, dass es Luther zunächst um Rückkehr zu den Wurzeln des Evangeliums ging, auch wenn sich dieses Anliegen schnell mit anderen verband. Etwas holzschnittartig bleibt die Charakterisierung der theologischen Unterschiede zwischen den Konfessionen, zumal nach der Einigung in der Rechtfertigungslehre: hier Größe und Allmacht Gottes, dort dessen Gnade und Hinwendung zum Menschen.

Schwierig erscheint es auch, Luther für den Freiheitskampf Widukinds gegen Karl den Großen zu vereinnahmen, ging es doch hier um eine Auseinandersetzung zwischen heidnischen Sachsen und bereits christianisierten Franken.

Was bleibt am Ende? Weißmann verschweigt nicht die Irrwege der Reformation, die innerprotestantischen Auseinandersetzungen und die Spaltungen des konfessionellen Zeitalters: „Das ‚protestantische‘ Deutschland ist selbstverständlich nicht das ganze Deutschland. Es gibt auch das andere, das im Süden und im Westen, das in vieler Hinsicht reichere, lieblichere, länger kultivierte, das mit dem Nachbarn in engerem Austausch stehende, das ursprünglich römische Germanien. Und unbestreitbar hat es Zeiten der tiefen Spaltung und Feindschaft zwischen dem einen und dem anderen gegeben, zum Unglück der Deutschen“ (S. 20). Gerade die Studenten des Wartburgfestes, das eine Feier des dreihundertjährigen Jubiläums der Reformation war, haben diese Spaltung „in zwei Deutschlands“ beklagt und dagegen ihre Stimme erhoben.

Auf der Habenseite steht in politischer Hinsicht der Freiheitsimpetus des „protestantischen Deutschlands“, nicht zuletzt in Gestalt Preußens und der Attentäter des 20. Juli, die noch einmal die besten Traditionen Preußens aufflammen ließen. Theologisch wurde Luther zu einer „Vatergestalt des Glaubens“, die tiefe religiöse Ernsthaftigkeit bezeugte – ein Aspekt, der heute auch von katholischer Seite anerkannt wird.

Insgesamt handelt es sich um ein lesenswertes Werk für junge Leser (ab zwölf Jahren), die über Luther und dessen Wirkungsgeschichte mehr erfahren wollen.

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