Festrede: Erinnerung an Adolf Reichwein

Der 20. Juli ist in Deutschland der Erinnerung an die Widerstandskämpfer gegen das nationalsozialistische Unrecht gewidmet. Passend zu diesem Gedenktag widmete sich eine Schulleitungsrede, die in dieser Woche anlässlich einer feierlichen Zeugnisübergabe an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt gehalten wurde, dem Reformpädagogen, Kultuspolitiker und Widerstandskämpfer Adolf Reichwein.

 

Ich möchte heute an einen Reformpädagogen, Kultuspolitiker und Widerstandskämpfer erinnern, dessen Geburtstag sich im nächsten Jahr zum hundertzwanzigsten Male jährt. Und ich möchte Ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen, die Sie heute in den pädagogischen Beruf entlassen werden, ein Wort dieses Pädagogen mit auf den Weg geben. Die Rede ist von Adolf Reichwein, geboren 1898 in Bad Ems. An ihn zu erinnern, lohnt meines Erachtens nicht allein wegen des kommenden Jubiläums. Adolf Reichwein war zum einen ein Vollblutpädagoge, ein Pädagoge aus vollem Herzen, der andere begeistern konnte und junge Menschen zu Mündigkeit und Verantwortung erziehen wollte. Zum anderen zeigt sich an seiner Erzieherpersönlichkeit, wie pädagogisches Handeln zum politischen Auftrag werden kann und umgekehrt – ein Impuls, der für ein Wahljahr wie dieses durchaus angemessen ist. Ich hoffe, Sie haben davon auch einen Eindruck im Fach Gemeinschaftskunde erhalten … Auch wenn wir heute in anderen Zeiten leben, hat  sein pädagogisches Ethos nichts an Aktualität verloren.

  1. Wer war Adolf Reichwein?

Adolf Reichwein  entstammte einer Lehrer­familie. Sein reformpädagogisch eingestellter Vater orientierte sich an Pestalozzi, mit dem auch Sie sich im Rahmen Ihrer Ausbildung beschäftigt haben. Keine Sorge: Ich frage jetzt nicht nach, was Sie noch über Pestalozzi wissen … Schon früh unterstützte der Sohn den Vater bei seiner pädagogischen Arbeit an einer einklassigen Volksschule in Hessen. Als der Vater im Ersten Weltkrieg eingezogen wurde, nahm Adolf Reichwein sogar ersatzweise dessen Stelle ein und erhielt so frühe Impulse für seine eigene spätere Tätigkeit als Reformpädagoge. Hans Bohnenkamp charakterisierte nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Freund Adolf Reichwein mit folgenden Worten: „Er konnte hinreißend erzählen. Seine erlebten Geschichten standen jede für sich in einer Atmosphäre von Licht und Frische, Untergründiges klang leise mit, aber der Hauptklang war fröhliche Güte.“

Reichwein war von der Notwendigkeit einer neuausgerichteten Bildungsarbeit und deren gesellschafts­verändernder Kraft überzeugt. In den nur etwas mehr als zwei Jahrzehnten seiner beruflichen Tätigkeit entwickelte er eigene Reformmodelle für verschiedene Bereiche des Bildungssystems: für die Arbeiterbildung und Lehrerausbildung, für die Volkshochschule und Volksschule, für die Medien- und Museumspädagogik. Es ist erstaunlich, was Reichwein in der kurzen Zeit seines pädagogischen Wirkens alles angestoßen hat. Nur zwei Bereiche will ich heute herausgreifen: seine Rolle als Reformpädagoge und als Widerstandskämpfer.

  1. Reichwein als Reformpädagoge

Adolf Reichwein, damals beruflich in der noch jungen Volkshochschulbewegung tätig, unternahm in den Jahren 1926 und 1927 eine Forschungsreise, die ihn über die USA, Kanada und Alaska bis nach Japan, China und auf die Philippinen führte. Die Reise war nicht allein Grundlage für verschiedene wissenschaftliche Veröffentlichungen; Reichwein verarbeitete seine Reiseeindrücke auch in verschiedenen Publikationen für Jugendliche.

Im April 1929 wurde Reichwein dann leitender Pressesprecher und persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, mit dem er gemeinsam die vollständige Akademisierung der Lehrerausbildung in Preußen, auch an den Volksschulen, durchsetzte. Als Becker zu Beginn des Jahres 1930 von seinem Ministeramt zurücktreten musste, reichte Reichwein gleichfalls seinen Rücktritt ein und wurde zum Sommersemester selbst Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an einer der neugegründeten Pädagogischen Akademien in Halle an der Saale. Diese wurde im April 1933 nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten geschlossen, Reichwein zeitgleich durch den neuen nationalsozialistischen Volksbildungs­minister Rust als „unerwünschter Hochschullehrer“ beurlaubt.

Wie andere Zeitgenossen ging Reichwein anfänglich davon aus, dass sich auch die neue Regierung unter der Führung Hitlers wie ihre Vorgänger in der Weimarer Republik nicht lange werde halten können. So schlug er den Ruf auf eine Professur für Wirtschaftsgeographie an der Emigrantenhochschule in Istanbul aus. Die Türkei warb unter Kemal Atatürk um westliche Professoren, die den Modernisierungskurs des Landes vorantreiben sollten.

Stattdessen wurde Reichwein Lehrer an der einklassigen Volksschule in Tiefensee, einer Berliner Sommerfrische am Rande der Märkischen Schweiz. In den sechs Jahren seiner dortigen Tätigkeit entwickelte er sein sogenanntes Tiefenseer Schulmodell, das verschiedene reform­pädagogische Ansätze miteinander vereinte. Seine pädagogischen Ideen publizierte er 1937 im Stuttgarter Kohlhammer-Verlag. Die Schüler lernten in Arbeitsgruppen durch erlebte Praxis und eigenes Schaffen. Sie sollten selbst tätig werden, wir würden heute von handlungs- und projektsorientiertem Unterricht sprechen. Die Kinder erschlossen sich die Welt anhand gemeinsam gebauter Modelle, durch Werks- und Betriebsbesichtigungen, Museumsbesuche, Exkursionen und Ferienfahrten: damals   ungeheure Neuerungen in der Pädagogik!

Parallel begann Reichwein damit, die Möglichkeiten des neuen Mediums Unterrichtsfilm zu erforschen; 1934 wurde die Dorfschule in Tiefensee zur Versuchsschule der neugeschaffenen Reichsstelle für den Unterrichtsfilm erklärt. Sein Werk „Film in der Landschule – Vom Schauen zum Gestalten“ aus dem Jahr 1938 wurde zum Standardwerk der frühen Medienpädagogik. Einen Film, der damals entstand, habe auch ich noch in meiner Grundschulzeit gesehen: Darin ging es um das Beschlagen eines Pferdes durch den Hufschmied – … ein Thema, das ideologisch unverdächtig ist.

Reichwein war ein Mensch, der stets neugierig blieb und das Leben liebte. Seine lebendige und mitreißende pädagogische Arbeit konnte auch von Gegnern nicht infrage gestellt werden, wie drei Schulinspektionen belegten. Wolfgang Klafki, der die Lehrerbildung der alten Bundesrepublik maßgeblich geprägt hat, schrieb über Reichweins pädagogisches Wirken in schwerer Zeit, bei dem er oft bis an die Grenze seiner Kraft ging: „Es ist eine einmalige, unvergleichliche Leistung, daß Reichwein seine einklassige Landschule in Tiefensee in der Mark Brandenburg als eine humane Kinder- und Jugendschule unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems gestaltet hat, als eine weltoffene pädagogische Provinz, in der er – Ansätze der reformpädagogischen Bewegung aufgreifend und in origineller Weise fortführend – eine im Kern antinazistische Erziehung durch reich differenzierten, erfahrungs- und handlungsbetonten Unterricht und ein vielgestaltiges Schulleben entwickelte.“

  1. Reichwein als Widerstandskämpfer

Reichwein war erst in der Endphase der Weimarer Republik – im Oktober 1930 – unter dem Eindruck der Wahlerfolge der Nationalsozialisten in die SPD eingetreten – gegen den Rat von Freunden, die ihn warnten, sich politisch angreifbar zu machen. Doch sah Reichwein, der sich als Hochschullehrer stets zur Weimarer Republik bekannt hatte, allein in der SPD noch eine politische Möglichkeit, „den neuen, lebensgefährlichen Kollektivismus der Blutjünger“ zu stoppen, wie er in einem Brief an einen Freund schrieb.

Reichwein wollte sich während seiner Tätigkeit als strafversetzter Professor zunächst politisch nicht exponieren, sein politischer Wille, der sein pädagogisches Wirken stets geleitet hatte, blieb jedoch wach. Je länger der Nationalsozialismus herrschte, desto stärker drängte es ihn, unmittelbarer im Widerstand zu wirken. So ließ er sich im Mai 1939 an das Staatliche Museum für deutsche Volkskunde in Berlin beurlauben und übernahm dort die Leitung der museums­pädagogischen Abteilung. Hatte er sich schon als Lehrer im Zusammenhang mit den Holz- und Webarbeiten seiner Schüler mit Fragen des Volkshandwerks und der Volkskunst beschäftigt, organisierte er unter Kriegsbedingungen vier große Schulausstellungens sowie Führungen und Praktika für Lehrer. Selbst unternahm Reichwein mehr als hundert museumspädagogische Vortrags- und Seminarreisen, die er zur Kontaktaufnahme mit oppositionellen Kreisen nutzte.

Reichwein schloss sich dem Kreisauer Kreis um Hellmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg an. Der ehemalige Akademieprofessor wurde als Kultusminister einer Regierung nach Hitler gehandelt und war maßgeblich am kulturpolitischen Programm der Kreisauer Widerstandsgruppe beteiligt. Nach der Ausbombung in Berlin siedelte die Familie Reichwein 1943 gänzlich nach Kreisau auf das schlesische Gut von Moltkes über. Reichwein nahm an zwei der drei großen Tagungen des Kreisauer Kreises teil.

Zeitlebens begleiteten Adolf Reichwein die Ideale der Jugendbewegung. Und er blieb seinen pädagogischen und politischen Idealen bis zum Einsatz seines eigenen Lebens treu. Kurz vor seiner Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei schrieb er: „Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des Deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muß es sein. Es ist schon sehr spät, aber noch nicht zu spät.“

Im Juni 1944 war Reichwein maßgeblich an einem Berliner Treffen mit Vertretern der illegalen Kommunistischen Partei beteiligt. Die Zusammenkunft wurde durch einen Spitzel auf kommunistischer Seite verraten. Reichwein wurde daraufhin am 4. Juli 1944 in Berlin verhaftet und in der Strafanstalt Berlin-Görden gefoltert. Der Schauprozess vor dem „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler begann am 20. Oktober 1944 im Kammergericht in Berlin-Schöneberg. Noch am Nachmittag desselben Tages wurde das Unrechtsurteil in Berlin-Plötzensee durch den Strang vollstreckt.

  1. Wie ist Reichwein in Erinnerung geblieben?

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sein Freund Hans Bohnenkamp damit, das pädagogische Erbe Reichweins zu sichern. Die Eltern in Tiefensee begegneten dem strafversetzten Professor zunächst durchaus misstrauisch, doch war es Reichwein gelungen, sich das Vertrauen der Dorfgemeinschaft zu erwerben. Hieran  erinnert Bohnenkamp im Geleitwort zur Neuausgabe von Reichweins Tiefenseer Schulschriften, die er 1951 besorgte: „Auch die Eltern merkten die seelische Gelöstheit, die diese Schule ihren Kindern gab. Ein Vater, nach seinen Eindrücken befragt, antwortete: ‚Der Professor? Wissen Sie, der hat unsere Kinder frei gemacht.‘“ Eine bemerkenswerte Aussage, wenn wir uns den nationalsozialistischen Hintergrund für Reichweins Bildungs- und Erziehungsarbeit verdeutlichen! Reichwein war davon überzeugt, dass Kultur und Bildung eine starke politische Bedeutung haben. Hätte er die Diktatur überlebt, so wäre er sicher zu einer wichtigen Stimme beim Wiederaufbau eines demokratischen Bildungswesens geworden. Beim Abschied aus Tiefensee schrieb er jedem Kind eine eigens gedichtete Losung ins Poesiealbum. Eine davon ist so etwas wie sein pädagogisches Vermächtnis in Kurzform, dem er bis zum Tod treu blieb – und diese Worte möchte ich Ihnen mitgeben, wenn wir Sie heute in die pädagogische Berufswelt entlassen:

„Richte immer die Gedanken

Fest und ohne schwaches Schwanken

Auf das selbst gewählte Ziel!

Hilft das Herz als Kompaß viel,

Weist die Richtung in der Stille,

Soll der selbst gestählte Wille

Doch Dich stärken, fest zu halten

Und dein Leben zu gestalten

Nach den großen Tugendbildern,

Die des Lebens Härte mildern:

Güte allen Menschen zeigen,

Wahrheit gegen jedermann,

über andrer Fehler schweigen,

Und nur wollen, was man kann.“

Ich gratuliere Ihnen im Namen der Schulleitung und des gesamten Kollegiums ganz herzlich zum erfolgreichen Abschluss Ihrer Ausbildung. Sie dürfen die Kinder und Jugendlichen in das Leben begleiten – nicht zuletzt durch Ihr Vorbild und Ihre erzieherische Persönlichkeit. Für Ihre künftige pädagogische Arbeit wünsche ich Ihnen Freude, gutes Gelingen und Gottes Segen.

(Axel Bernd Kunze, Gesamtschulleiter)

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