Randnotiz: Weihnachten – das Fest der guten Beispiele

Bundespräsident Joachim Gauck warnt in seiner Weihnachtsansprache (vgl. F.A.Z. v. 24.12.2016, S. 2) davor, „Politiker pauschal zu Schuldigen“ zu erklären. Die etablierten Parteien sind dieses Jahr mit gutem Beispiel vorangegangen – und haben in den diesjährigen Landtagswahlkämpfen die AfD von vornherein als Gesprächspartner pauschal diskreditiert.

Der Bundespräsident fordert in seiner Weihnachtsansprache, keineswegs auf eine Auseinandersetzung über die Flüchtlingspolitik zu verzichen. Der Jubiläumskatholikentag von Leipzig ist in diesem Jahr mit gutem Beispiel vorangegangen – und hat die Auseinandersetzung über Alternativen von vornherein verweigert, indem Vertreter der AfD gleich ganz ausgeladen wurden.

Der Bundespräsident erklärt in seiner Weihnachtsansprache, der Terror sei „plötzlich“ zu uns vorgedrungen. So als habe es warnende Stimmen nicht schon seit längerem gegeben. Erinnert sei nur an die Beiträge der beiden SPD-Politiker Thilo Sarrazin und Richard Schröder in der F.A.Z, die in diesem Sommer erschienen sind (F.A.Z. v. 15. u. 22.08.2016).

Ob der Bundespräsident bei seiner Weihnachtsansprache an diese Beispiele gedacht hat!? Wer die „Gräben in unserer Gesellschaft“ nicht vertiefen will, sollte sich für einen fairen und freiheitlichen demokratischen Diskurs einsetzen. Gerade ein Bundespräsident, dem das Thema Freiheit am Herzen liegt, könnte hier als Vorbild wirken. Dafür müsste Gauck aber den Mut aufbringen, sich vom Konsens der Großen Koalititon auch einmal abzusetzen.

Jetzt – da die Weihnachtstage vergangen sind – wird über die Konsequenzen aus dem Berliner Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz diskutiert (vgl. F.A.Z. v. 28.12.2016, S. 4: „Auf Nummer Sicher gehen“) Die Migrationskrise hat gezeigt, dass die Europäische Union – wenn auch von den Eliten vielfach als solche beschworen – alles andere als eine Schicksalsgemeinschaft darstellt. Schengensystem und Dublinabkommen sind gescheitert. Für das Aufrechterhalten gemeinsam gelebter Freiheit ist es keinesfalls unerheblich, wenn der Nationalstaat schwindet. Denn wo Verbundenheit, wechselseitig übernommene Verpflichtungen und gegenseitiges Vertrauen fehlen, greifen Kontrolle und Regulierung immer stärker um sich und schwinden private Rückzugsräume. Wer – wie die gegenwärtige Bundesregierung – nicht mehr bereit ist, die Grenzen des eigenen Staates wirksam zu sichern und die Identität des eigenen Staatsvolkes aufrecht zu erhalten, muss immer mehr Grenzen, Kontroll- und Überwachungssysteme im Inland einrichten und immer stärker in die Privatsphäre der eigenen Bürger eingreifen.

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Gesegnete Weihnachten und alles Gute zum neuen Jahr

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander:

Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen,

die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles,

was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt worden war.

 Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte,

gab man ihm den Namen Jesus,

wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

(Lk 2, 15 – 21)

Allen Lesern und Leserinnen meines Wissenschaftsweblogs zur Bildungsethik wünsche ich von Herzen gesegnete Weihnachten, erholsame Feiertage sowie alles Gute, Gesundheit und Gottes Segen für das neue Jahr.

Ich verbinde diesen Gruß mit einem herzlichen Dank für Ihr Interesse an meinen Beiträgen zu einer Sozialethik der Bildung und freue mich auch im neuen Jahr auf den bildungsethischen Austausch mit Ihnen. Wenn die folgenden Gedanken aus dem vergangenen Schuljahr unserer Fachschule einige Akzente für die kommende Weihnachtszeit setzen könnten, würde ich mich freuen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Axel Bernd Kunze

 

Predigt in der Christfeier der Großheppacher Schwesternschaft am 18. Dezember 2015:

„Unterm Strich zähl ich.“ – So warb eine große Bank sechs Jahre lang um Kunden. Und traf damit den Nerv der Zeit. Die Bank verspricht, die Bedürfnisse des Einzelnen zu befriedigen – schnell, leicht und zu guten Konditionen. Wer wünschte sich das nicht. Schnelle Bedürfnisbefriedigung steht hoch im Kurs. Wir sprechen gern von Dienstleistungsgesellschaft und erwarten, dass unsere Gefühle und Wünsche unmittelbar erfüllt werden – schließlich zahlen wir dafür. Warum warten. Schließlich habe ich ein Recht, und das darf ich einfordern. Schließlich bin ich „einzigartICH“, wie dieselbe Bank in ihrer Werbekampagne behauptet.

Gewiss, die Diagnose mag überzeichnet sein. Aber Sie haben es in der Praxis vielleicht auch schon erlebt, wie schwer es manchen Kindern fallen kann zu warten. Schnelle Befriedigung bringt vielleicht kurzfristig Gewinn, führt aber nicht unbedingt langfristig zum Ziel. Leistung, Erfolg und Können fallen nicht vom Himmel – das wissen Sie als angehende Erzieherinnen und Erzieher. Hierfür braucht es Durchhaltevermögen, beharrliches Einüben und Zeit zum Reifen.

Dies alles gilt auch für den Glauben. Dieser ist etwas anderes als die schnelle Befriedigung spiritueller Bedürfnisse, damit das Ich sich wohlfühlen kann. Glaube ist nicht die schnelle Antwort auf alle Fragen. Der Glaube ist nichts Fertiges, er fällt nicht vom Himmel. Auch Glaube bedarf der Einübung, Reifung und Vertiefung. Wie leicht passiert es, dass der Glaube aus Kindertagen einfach abgelegt wird – weil er nicht „mitgewachsen“ ist, weil er nicht vertieft wurde, weil er dann mit zunehmendem Alter banal wirkt und nicht mehr trägt.

Im Evangelium begegnen uns an der Krippe Menschen, die uns zeigen können, was Glauben ausmacht. Es sind Menschen, die sich vom Weihnachtsgeschehen haben treffen lassen, die im wahrsten Sinne des Wortes betroffen sind.

Da sind zum einen die Hirten, die zur Krippe eilen, nachdem ihnen Großes angekündigt worden war. Was treibt sie an? Entscheidend für Lukas ist, dass sie sich von Gott in Eile versetzen lassen – so wie schon Maria ein Kapitel zuvor zu ihrer Verwandten Elisabet geeilt ist. Es sind nicht ihre eigenen Bedürfnisse, die sie antreiben, sondern die größere Sehnsucht auf das, was von Gott her verheißen ist. Was versetzt uns in Eile? Versetzt Gott uns noch in Eile? Oder sind es nicht eher ganz andere Dinge, die uns alles stehen und liegen lassen?

Dabei ist das „Zeichen“, auf das die Hirten achten sollen, durchaus unscheinbar. Versprochen ist ihnen nicht ein machtvolles Zeichen, durch das  Gottes Herrlichkeit mit Pauken und Trompeten sichtbar wird. Es geht eher um ein Erkennungszeichen: ein kleines Kind in Windeln. Sie kennen das, wenn sie in der Krippe arbeiten. Nichts Spektakuläres also, kein Zeichen, das einzigartig wäre oder das menschliche Sensationsbedürfnisse stillen könnte. Doch die Hirten lassen sich darauf ein. Sie trauen dem, was sie gesehen haben – und zwar von innen her gesehen haben. Sie spüren die tiefere innere Freude, die von diesem Kind ausgeht. In dieser Freude kehren sie zurück und teilen anderen davon mit.

Da ist zum anderen Maria, die weiß, dass hier Geschehnisse Gottes am Werk sind. Diese sind nicht auf einmal fassbar. Sie rufen zunächst Entsetzen, Betroffenheit und Nachdenklichkeit hervor – so hat es Lukas ebenso bei der vorangegangenen Geburt Johannes des Täufers berichtet. Auch Maria vermag nicht, im ersten Moment alles zu begreifen. So verschweigt das Neue Testament nicht, wie die Verwandten einmal kommen, um Jesus zu holen – die Begründung ist drastisch: weil sie Jesus für verrückt halten.

Lukas zeigt, wie auch Maria Zeit braucht, den Weg ihres Sohnes zu verstehen. Sie hört die Worte der Hirten und sinnt darüber nach. Glaube heißt nicht, sich vom Gefühl des Augenblicks, von einem unmittelbaren Bedürfnis emotional überwältigen zu lassen. Glaube gründet in etwas, wovon wir zutiefst überzeugt sind – mit Herz und Verstand. Nur so kann sich ein vertieftes Verständnis des Glaubens entwickeln, das sich dann auch im Tun verwirklicht.

Lukas macht im weiteren Verlauf seines Evangeliums deutlich, dass dieser Weg die wahre Zugehörigkeit zur Familie Jesu eröffnet: auf sein Wort zu hören, darüber nachzudenken und daraus zu handeln. Maria geht diesen Weg. Gerade deshalb kann sie uns ein Vorbild des Glaubens sein. Schließlich wird sie nach Ostern zu einer der zentralen Gestalten der jungen christlichen Gemeinde.

Glaube bedarf der Übung, er muss reifen – im beständigen Nachsinnen über Gottes Geschehnisse. Nur so können wir das Wesentliche des Glaubens aus unserem Inneren heraus immer tiefer erfassen. Das können wir von Maria lernen. Die Weihnachtszeit, die vor uns liegt, ist eine neuerliche Einladung, über das nachzudenken, was für uns wichtig und bedeutsam ist, eine Zeit, in der unser Glaube weiter wachsen und reifen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Weihnachtstage, erholsame Feiertage mit viel Muße sowie einen guten Jahreswechsel.

(PD Dr. Axel Bernd Kunze, Gesamtschulleitung der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt)

Randnotiz: „Mittelmaß genügt nicht“

„Mittelmaß genügt nicht“ – so Heike Schmoll in der F.A.Z. vom 16.12.2016 im Blick auf die aktuelle Studie des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Darin ist ihr zuzustimmen, wenn Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten will. Zuzustimmen ist auch ihrer Kritik an so manch fragwürdiger Methodik innerhalb der Grundschulpädagogik. Das Schreiben nach Gehör muss abgestellt werden, Rechtschreibung und Grammatik müssen wieder stärker eingeübt werden – nicht allein in der Primarstufe. Allerdings plädiert Heike Schmoll gleichzeitig für starke Einschnitte in die pädagogische Freiheit des Lehrers. Der Ursprung fragwürdiger Methoden liegt aber in den Hochschulen, Lehrerseminaren und Kultusverwaltungen. Widerstand dagegen kam, wenn überhaupt, von den Lehrkräften aus der Praxis. Wer den Kultusministerien mehr Macht gibt, vergrößert nur noch die Gefahr, dass sich Fehlentwicklungen flächendeckend durchsetzen. Was wir brauchen, ist gerade mehr Vertrauen in die pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer vor Ort und eine Entlastung der Schule von gesellschaftsreformerischen Ideen. Wer Leistungsorientierung oder Begabtenförderung beständig als bildungsungerecht denunziert, muss sich nicht wundern, wenn am Ende Mittelmaß herauskommt.

Randnotiz: DHV kürt Wissenschaftsminister 2016 ohne Entscheid der Mitglieder

Im Wissenschaftsteil der F.A.Z. vom 14. Dezember 2016 setzt sich Heike Schmoll kritisch mit dem neuen Akkreditierungssystem auseinander, das die Kultusminister jetzt verabschiedet haben. Die Kritik an einem aufgeblähten Akkreditierungsrat, der das Zeug hat, zum bürokratischen Monstrum zu werden, ist nachvollziehbar. Die Neuregelung dürfte sich keineswegs als besser, freiheitlicher und ressourcenschonender erweisen als das bisherige Verfahren. Seltsam mutet allerdings an, wie der Deutsche Hochschulverband als Lobbyvereinigung der Professorenschaft seine Kritik an der politischen Entscheidung vorbringt. Zunächst verzichtet man beleidigt auf das übliche Ministerranking, dann erklärt der Vorstand par ordre du mufti Mathias Brodkorb aus Mecklenburg-Vorpommern, der sich als einziger der Neuregelung widersetzte, zum Wissenschaftsminister des Jahres. Vertraut die Verbandsführung nicht mehr darauf, dass die Mitglieder, hätte man sie befragt, zum selben Ergebnis gekommen wären? Haben mittlerweile die meisten Professoren, die innerhalb der „Bolognauniversität“ nach oben gekommen sind, ihren Frieden mit dem System der Akkreditierung geschlossen, sodass man ein Mitgliedervotum lieber umgehen wollte? Die Auszeichnung für Brodkorb hat durch das gewählte Verfahren deutlich an Überzeugungskraft und verbandspolitischer Glaubwürdigkeit verloren.

Randnotiz: Neue Debatte um doppelte Staatsbürgerschaft

Nach dem CDU-Parteitag wird wieder einmal über die doppelte Staatsbürgerschaft diskutiert (vgl. F.A.Z. v. 8. Dezember 2016, S. 1 u. ö.). Wie der Parteitag deutlich machte, wachsen in der Union die Vorbehalte gegen dieses Integrationsinstrument. Die Kanzlerin hat erklärt, ihrer Partei in diesem Punkt nicht folgen zu wollen.

Die Macht des Staates gründet auf seiner Anerkennung durch die Staatsbürger, deren Rechtsgehorsam und der Einsicht, sich der Eigenmacht zu enthalten. Diese Gehorsamspflicht der Bürger ist kein fester Besitzstand. Auf Dauer wird der Staat Macht und Rechtsgehorsam nur gegen den Willen einer kleinen Zahl Abweichler behaupten können, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Bei Mehrheits- und Kompromissentscheidungen wird es stets Unterlegene geben, die ihre Position nicht durchsetzen konnten. Dies zu akzeptieren, setzt  einen gesellschaftlichen Konsens voraus, ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten, auf das wir vertrauen können. Daher ist es für die Stabilität einer Demokratie keinesfalls belanglos, wie sich das Staatsvolk zusammensetzt. Die Integrationsfähigkeit sollte nicht überstrapaziert werden, beispielsweise durch doppelte Staatsbürgerschaft, welche die Gefahr von Loyalitätskonflikten birgt.

Antrag auf Einbürgerung und Annahme desselben stehen und fallen miteinander; daraus folgt eine Anpassungsverpflichtung des Einwanderers. Einbürgerung sollte erst dann möglich sein, wenn jemand Loyalität zum Aufnahmeland bewiesen hat und für sich selbst aufkommen kann. Ferner sollte der Rechtsstaat durch robustes Auftreten verhindern, dass fremde kulturelle Konflikte ins Land geholt werden. Eingeschränkt werden müssen zum Beispiel Wahlkampfauftritte ausländischer Politiker oder die Verwendung fremder Hoheits- und Nationalsymbole im Gastland.

Veranstaltungsbericht: Stuttgarter Buchwochen

Peter Constantin berichtet in der Onlineausgabe des „Württemberg Reporter Magazins“ über seine Erfahrungen und Begegnungen auf den diesjährigen Stuttgarter Buchwochen – mit dabei auch der Band „Rote Fahnen, bunte Bänder“:

http://www.wuerttemberg-reporter.de/aktuell/news-2016/reiseabenteuer-und-erlebnisse-auf-den-stuttgarter-buchwochen/

Constantins Fazit am Ende: „Die Stuttgarter Buchwochen sind […] nicht nur als eine Bereicherung für interessiertes Publikum zu sehen, sondern ebenso als Quelle des fachlichen und freundschaftlich inspirierenden Austausches von renommierten Autoren und Nachwuchsautoren.“

Neuerscheinung: Nobelpreis und Leistung – Beitrag jetzt online zugänglich

Mit dem morgigen Luziafest, das in Schweden eine besondere Rolle spielt, geht traditionell die Nobelpreiswoche zu Ende. Vor 115 Jahren wurde der Nobelpreis erstmals verliehen. Der nach seinem Stifter, Alfred Nobel, benannte Preis würdigt hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Medizin, der Literatur und der Förderung des Friedens. Die Zeitschrift „Katholische Bildung“ nahm dieses Jubiläum zum Anlass,  der pädagogischen Bedeutung des Leistungsbegriffs nachzuspüren. Der Beitrag ist mittlerweile auch in der Onlineausgabe leicht zugänglich:

http://www.vkdl.de/pdf/katholische-bildung/2016-12-10+Katholische-Bildung_12-2016.pdf

Axel Bernd Kunze: Vor 115 Jahren wurde der Nobelpreis erstmals verliehen: Ein Anlass, nach der Rolle von Leistung in Schule und Pädagogik zu fragen, in: Katholische Bildung 117 (2016), H. 12, S. 485 – 495.