Online verfügbar: Beiträge zur Didaktik der Elementarbildung

Die Hefte der Publikationsreihe „Gruß aus der Großheppacher Schwesternschaft“ (gleichzeitig als „Kind und Schwester“ erschienen) stehen kostenlos als Download zur Verfügung. Darin finden sich folgende Beiträge zur Didaktik der Elementarbildung:

Axel Bernd Kunze: Braucht Religion Bildung? Braucht Bildung Religion?, in: Ausgabe 123.

http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/131114_gruss_2013_ds_web.pdf

Axel Bernd Kunze:  Eine Vorschule des Glaubens. Zur Bedeutung gemeinschaftlicher Rituale im Schulalltag, in: Ausgabe: 125.

http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/161108-ghs-gruss-2016-2017-inhalt.pdf

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird 30 Jahre alt, in: Ausgabe: 2018/19.

http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/181204-ghs-gruss-2018-2019-ds.pdf

Advertisements

Schlaglicht: Das Streiten wieder lernen – oder: Gedanken vor der kommenden Europawahl

Eine Podiumsdiskussion irgendwo im Land – mit dabei: ein ehemaliger Minister, ein Unternehmer und ein bekannter Nachrichtenredakteur aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunkt. Es ging wie so oft um eine Welt voll neuer Unsicherheiten, den beklagenswerten Zustand Europas – ach, nein: der EU – und das veränderte politische Klima im Allgemeinen. Man hörte, was man schon oft gehört hat: Europa fehlten die Visionäre. Europa verliere den Anschluss. Und: Niemand in den Medien verfolge eine geheime parteipolitische Agenda. Richtig, das wird man sogar glauben dürfen. Aber es gibt eine Milieugebundenheit vieler Berufsgruppen, die Alternativen von vornherein ausschließt – hier liegt das Problem einer einseitigen Stimmungsmache heute. Dies fiel aber niemandem auf. Vision ja, aber in den festgelegten Bahnen.

Trump ist böse, aber noch schlimmer ist China – ja, da sollten wir zu Recht aufpassen, bevor wir von unliebsamen Entwicklungen überrollt werden. Aber keiner auf dem Podium kam auf die Idee zu fragen, ob es dafür nicht ein anders organisiertes Europa braucht. Die EU steckt in einer Vertrauenskrise, der Brexit hat dies augenfällig gemacht. Das einzige Rezept, das auch an jenem Abend genannt wurde, lautet aber: noch mehr von einer EU, die längst den Glanz früherer Tage verloren hat. Die Forderungen werden immer umgreifender: Schaffung einer europäischen Nation, einer europäischen Republik, einheitlicher Sozialversicherungssysteme (… auch wenn einzelne Länder dabei draufzahlen werden, am Ende – so das Podium – gewinnen alle; den Beweis wird man nicht erbringen müssen, die richtige Gesinnung allein zählt), ein EU-Parlament, das über den nationalen Parlamenten steht …

Applaus gab es für die mehrfach vorgetragene Forderung, die EU bedürfe eines neuen Visionärs, der den Rückschritt durchbreche – einen neuen Helmut Kohl, der gegen alle Widerstände und alle Bedenkenträger, auch gegen den Mehrheitswillen der eigenen Bevölkerung eine einheitliche europäische Nation durchsetze. Eine Nation technokratisch am Reißbrett entworfen!? Aber wer will kleinlich sein, wenn es darum geht, China zu besiegen. Der Widerspruch fiel niemandem auf: Man beklagt das Vordringen autoritärer Politikstile – und findet selbst nichts dabei, die eigene Bevölkerung zu übergehen. Wer nicht anders will, muss eben zum Guten gezwungen werden. Früher nannte man das einmal einen gesinnungsethischen Moralismus, heute heißt es Verantwortung.

Mit der Auflösung der europäischen Nationen in einem einheitlichen Europa könnte Europa als bürokratischer Zentralstaat gerade das verspielen, was Europa immer stark gemacht hat: seine Vielfalt. Wir müssen als christliches Abendland zusammenhalten – aber mit den souveränen Nationen, nicht gegen sie. Was hingegen auf dem Podium gepredigt wurde, darf man durchaus einen europapolitischen „Extremismus der Mitte“ nennen. Dumm nur, dass bei den Europawahlen dann doch noch andere Alternativen zur Wahl stehen. Einmal mehr hat der Abend gezeigt, wie gespalten der öffentliche Diskurs im Land ist und wie gering die Bereitschaft, einander wahrzunehmen und Kompromisse einzugehen. Alles, was nicht ins eigene Weltbild passt, wird ausgeblendet. Nur zwei Beispiele …

„Die Jugend muss endlich aufstehen und die Macht übernehmen. Denn nur die EU kann der Jugend eine Zukunft bieten.“ Hat ein früherer Jugendfunktionär und Staatsratsvorsitzender dasselbe nicht vor der FDJ immer über den Sozialismus behauptet!? Man merke: Die Jugend denkt wie ein monolithischer Block – alle sind glühende Macron- und Merkelanhänger, wenn sie unter 35 sind. Oder: Als zaghafte Kritik aufkam, dass die Deutschen nicht darüber abgestimmt hätten, dass unsere Verfassung und deren Grundrechte mittlerweile durch den EuGH relativiert würden, hieß es: „Wir sind eine repräsentative Demokratie. Die Bürger haben die Parteien im Bundestag gewählt. Und alle Parteien im Bundestag haben sich von Anfang an für die EU entschieden.“ Wie bitte!? Sitzen dort nicht zwei Parteien, für die das nicht gilt: Die AfD will das dezidiert nicht. Und die Linke hat zumindest nicht an der Wiege der EU gestanden, sondern seinerzeit etwas ganz anderes gewollt. Aber wie schon gesagt: Wer will so kleinlich sein, angesichts des großen Ganzen. Für „Fake News“ sind doch immer die anderen zuständig.

Es wird auf Dauer nicht gut gehen, den öffentlichen Diskurs so einseitig zu führen. Und es wird auf Dauer nicht gut gehen, fünfzehn Prozent der eigenen Bevölkerung, die Positionen vertreten, die früher auch einmal in den Unionsparteien hoffähig waren, jetzt als Antidemokraten und Nazis abzustempeln … Dieses Wahljahr könnte spannend werden. Und das muss nicht zum Schaden der Demokratie sein, wenn – ja, wenn – wir das Streiten wieder lernen würden.

Kolumne: Für eine neue politische Streitkultur

In der Kolumne vom 10. Januar 2019 setzt sich Dr. Axel Bernd Kunze, der u.a. als Schulleiter, Sozialethiker und Lehrbeauftragter für Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik tätig ist, mit dem rauer gewordenen Meinungsklima in Deutschland auseinander. Kunze wendet sich gegen eine falsche Interpretation dessen, was als gesellschaftlicher Grundkonsens apostrophiert wird, und wirbt für eine politische Streitkultur auf der Grundlage freiheitlich-demokratischer Prinzipien.

(Wolfgang Kurek)

Die aktuelle sozialethische Kolumne aus der „Tagespost“ vom 11. Januar 2019 ist mittlerweile auch auf den Seiten der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle abrufbar.

Der brutale Überfall auf einen Bremer Politiker unterstreicht in diesen Tagen noch einmal auf gravierende Weise, wie wichtig eine faire-demokratische Streitkultur für die politische Kultur in unserem Land ist. Der öffentliche Diskurs gerät in eine Schieflage, wenn um eines vermeintlich alternativlos Guten willen versucht wird, einen nicht zwingend gegebenen Meinungskonsens mit fragwürdigen Mitteln durchzusetzen. Dies gilt für die politische Debatte wie für andere gesellschaftliche Bereiche. Der öffentliche Kurs verliert dadurch an intellektueller Kraft. Die Sachfragen der diskriminierten Positionen haben sich durch die Etikettierung einzelner Positionen noch keinesfalls erschöpft. Sie werden dann in anderer Form wiederkehren und möglicherweise noch schwerer zu bearbeiten sein.

 

Kolumne: Wie politisch ist Diakonie?

Wie politisch ist Diakonie? Verbände und Träger im Sozialbereich wollen nicht abseits stehen.

… mit dieser Frage beschäftigt sich eine Kolumne in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 11. Januar 2019:

https://www.die-tagespost.de/politik/wi/Kolumne-Wie-politisch-ist-Diakonie;art314,194814

Der Verfasser, Axel Bernd Kunze, ist Sozialethiker und Pädagogik. Er arbeitet als Schulleiter. Ferner lehrt er in der Lehrerbildung an der Universität Bonn sowie als Lehrbeauftragter in der Sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik.

Wöchentlich schreiben führende deutschsprachige Sozialethiker für die sozialethische Kolumne, die – in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach – in der katholischen Wochenzeitschrift aus Würzburg erscheint. Kommentiert werden aktuelle Entwicklungen unserer Wirtschafts- und Sozialordnung. Seit Jahresbeginn findet sich die Kolumne an fester Stelle auf der Seite für Wirtschaft und Soziales.

Alles Gute und Gottes Segen zum neuen Jahr

Liebe Leserinnen und Leser meines Weblogs,

Ich hoffe, Sie haben alle friedvolle, erholsame Weihnachtsferien verleben können. In der evangelischen Kirche begleitet uns ein Psalmwort als Jahreslosung durch dieses neue Jahr: … suche Frieden und jage ihm nach (Ps 34,15). Weihnachten zeigt uns, dass dieser Friede kein leeres Versprechen ist, keine abstrakte Idee. Gott selbst spricht uns diesen Frieden zu – in ganz konkreter, menschlicher Gestalt: in der Geburt seines eigenen Sohnes. Weihnachten erneuert unser Leben, schenkt uns Hoffnung und Zuversicht – oder wie es Martin Luther in einem Weihnachtslied gedichtet hat: Gott schenkt uns „seinen eingen Sohn. Des freuet sich der Engel Schar und singet uns solch neues Jahr.“ Und so dürfen wir dieses neue Jahr mit der neuen Jahreslosung ganz bewusst unter den Schutz und den Segen Gottes Segen stellen – damit es für uns alle ein friedvolles, gutes, gottgesegnetes neues Jahr werde.

„… ein gottsegnetes neues Jahr“ – mehr können wir uns als Mensch einander nicht wünschen. Und das wünsche ich Ihnen am heutigen Fest der Erscheinung des Herrn  von ganzem Herzen. Den Lernenden unter Ihnen wünsche ich viel Erfolg, Kraft und Gottes Segen für ihre Ausbildung oder ihr Studium und die anstehenden Prüfungen in diesem Jahr! Den Lehrenden unter Ihnen wünsche ich viel Freude, Kraft und Gottes Segen für ihre Unterrichts- oder Forschungstätigkeit!

Ich freue mich, wenn Sie auch weiterhin mein Weblog interessiert verfolgen, und hoffe auf einen weiterhin intensiven, spannenden bildungsethischen Austausch mit Ihnen – herzlichen Dank.

Ihr Axel Bernd Kunze

Rezension: Lyrische Sehenswürdigkeiten – eine Würdigung aus fachdidaktischer Perspektive

Thomas Hald: die abendsonne im glas. Gedichte (Poesie 21), Deiningen: Steinmeier 2018, 96 Seiten.

Haben Sie dieses eigenartige Verhalten auch schon beobachtet? Man steht an einer dieser Sehenswürdigkeiten, dem Eiffelturm, der Tower Bridge, dem Brandenburger Tor oder dem Hradschin – und die Menschen fotografieren, was das Handy aushält. Das allein ist noch nicht bemerkenswert; bemerkenswert ist aber, dass es gleich nebenbei Ansichtskarten von eben diesen Sehenswürdigkeiten zu kaufen gibt, dass die Bilder im Netz stehen und man sie nur herunterzuladen bräuchte und sich bei begrenzter Reisezeit nicht selbst um die beste Perspektive bemühen müsste. Man möchte mit aufs Bild. Mehr noch: Man möchte sein eigenes Bild, seinen eigenen Blick verewigen. Davon handelt der vorliegende Gedichtband. Er thematisiert Sehenswürdigkeiten.
Was macht etwas, das man sieht, wert, gesehen zu werden? Was macht es zu einer Sehenswürdigkeit? Dass alle da waren? Oder dass man selbst da war? Dass man selbst da war, wo alle waren? Nein – lässt Thomas Hald den Leser in seinem neuen Gedichtbahn ahnen – es ist, dass ich anders da war, als alle anderen da waren. Ein Gedichtband, fast ausschließlich gefüllt mit Gedichten, die Titel tragen wie: „mining, berggasse“, „mariawald“, „neuschwanstein“, „london“, „amsterdam“, „hamburg“, „olympia“ und so weiter. Ikonen des Tourismus. Berühmte Städte und Stätten, Sehenswürdigkeiten eben, die thematisiert werden. Kann man dazu noch etwas sagen? Ja, genau so, wie man selbst den Eiffelturm noch einmal für sich fotografieren kann. Die Gedichte halten fest, was das Ich erlebt hat – bis hin zu intimen Details, die ihm zuweilen der wirkliche Höhepunkt der Sehenswürdigkeit zu sein schien. Hemmungslos privat. Im Inhaltsverzeichnis stehen hinter den Gedichten Daten: Sind die Texte an diesem Tag entstanden – oder waren die Eindrücke auf für das Ich nur gültig an diesem einen Tag? Haben sie sich durchs (Be-)Schreiben aufgelöst – oder erst herausgebildet: „am hauptbahnhof die augen voll von / morgensonnengold // (…) spätabends, (…), fließt dir/ das gold vom morgen aufs papier“ (S. 70). Peter Rühmkorf gab 1979 einen Gedichtband mit dem Titel „Haltbar bis Ende 1999“ heraus, der sich auf ein gleichnamiges Gedicht aus dem Jahre 1978 bezog. Ist bei Hald das Entstehungsdatum auch das Verfallsdatum – oder ist das gerade die Frage? Wie lange sollen diese Gedichte halten? Vielleicht nur einen Tag – und gerade deshalb ein ganzes Leben. Weil sie an diesen einen Tag, an diese ein-maligen, unverwechselbaren, unwiederholbaren Augenblicke erinnern: Wie etwas war nur „an diesem Abend“ (S. 19). Hier will das Ich zuerst einmal nichts verallgemeinern; im Gegenteil: Dass Allgemeingut wird vereinzelt und aufs Ich bezogen. Ist es dann noch ein „Gut“? Oder wird die Sehenswürdigkeit überhaupt erst dadurch zum Gut, dass man sie für sich prüft? Das wird man lesend erarbeiten müssen.
Die Gedichte provozieren beim Lesen Gefühle, indem sie zuallererst von (vergangenen) Gefühlen berichten, von Assoziationen: „LONDON (…) war mein erster gedanke beim anblick der …“ (S. 16). Sie berichten wie der zitierte Reiseleiter, von dem, was kommentiert und damit vom Gesehenen getrennt wurde (S. 18).
Man liest das kleine Büchlein beim ersten Mal so, wie man einen Reiseprospekt durchblättert oder einen Fremdenführer: Was kennt man, was kennt man nicht, wo war man auch? Stimmen die Bilder? Aber es sind keineswegs zu Ikonen gefrorene Bilder, Zitate des Bekannten, es sind keineswegs auch nur Skizzen, „hingepinselt, gereimte zeilen / auf dem papier“ (S. 79) keine Kleinigkeiten wie „eine/dampfende tasse kaffee“ (S. 67), sondern Gegengewichte, die das falsche Leben und Erleben des Allgemeinen ausgleichen sollen: „ein schwereres gegengewicht / um die balance zu finden / formlosigkeit mit deinem gedicht / zu überwinden“ (S. 78). Der Autor hat gewissermaßen „den pinsel im Mund“ (S. 20), er malt nicht wie die Maler, er fotografiert nicht wie die Touristen, sondern er ahmt die Geste des Malens nach, ahmt sie mit Worten nach, die die gleiche Geste zu etwas ganz anderem werden lassen: „könnte ich malen, dann wäre ich / kein dichter: würde schauen und schweigen“ (S. 52). Aber er schreibt. Er ordnet.
Hald schreibt in leichter Sprache, gelegentlich etwas sehr leicht, sehr nah am Alltagsjargon, der die Wahrnehmung verstellt („enorm“ [S. 72] – passt das Wort in einen Gedichtband, gleich zweimal?) Viele Gedichte sind nicht gereimt, aber sie zeigen den Sprachartisten, der zuweilen verschwenderisch mit wunderschönen Reimideen umgeht, indem er sie nicht nutzt: „erst schluckte er, dann spuckte er“ (S. 17). „TRAVEMÜNDE // fast eine sünde“ (S. 44). „muscheln“, neben „möwen, die sich kuscheln“ (S. 44). Und dann plötzlich ein Gedicht, das so fein und kompliziert, so artifiziell und federleicht gereimt ist, dass man es beim ersten Lesen überliest: Ausgerechnet das musikalische „Café Mozart“ weist das Reimschema „a,b,c,b,a,c – d,e,d,e, f,g,f,g“ auf (S. 63). (Nur fällt dem mit dem Mund malenden Ich im Café etwas ganz anderes auf, was wir hier dezent übergehen wollen!)
Aber die Hemmungslosigkeit hat einen guten Sinn. Auf diesen Sinn weisen kleine Sprachbilder, die wie Miniaturen in wenigen Worten auf etwas Großes deuten, das man selbst noch auffinden muss: „die eine stirbt, / schon kommt die nächste aus dem nichts“ (S. 86) heißt es – über Wespen. Nur über Wespen? Da „stand im thronsaal nie ein / thron“ (S. 15) – was viel zu denken gibt, zum Beispiel ob ein Esszimmer auch ein Esszimmer ist, wenn man nie in ihm isst? „stop-and-go auf dem Rückweg“ (S. 17) – welch ein Gedankenbild. Bei „Lindau“ erlebt er eine „panoramafahrt / über den boden“ (S. 23) – ist das nicht die Theorie des Tourismus in vier Worten, zumal der Wortsetzer uns lustig stolpern lässt. Denn insgesamt lautet der Satz: „drei länder // panoramafahrt / über den boden // see“ (S. 23). Und: „leucht- / feuer werden vom nebel erstickt.“ (S. 45) – so geht es den Warnern und Propheten; denn „eine boje liegt / auf dem trockenen“ (S.46). In Rom stößt er auf Säulen, die „nur noch ihr eigenes gewicht“ tragen (S. 28) – und vielleicht das Altern symbolisieren – oder den staatstragenden Politiker, den Säulenheiligen, der nicht zurücktreten mag, obwohl er nur noch sich selbst trägt. (Ja, es gibt auch Tagespolitik: Den Brexit [S. 85] etwa. Und witzige Kulturkritik: „timing // beethovensklavier- / trio: zwischen zwei sätzen / klingelt ein handy“.) Kinder, denen der Ballon wegfliegt, und die so ihr Glück nicht fassen können, so wie es uns Erwachsenen im ganzen Leben meistens geht: Man kann es nicht fassen (S. 53). So könnte man, blütenlesend, durch den Text wandern, angeregt vom besonderen Blick und der in Sprache verallgemeinerten Einmaligkeit, die vielleicht mehr über das Ganze verrät, als allgemeine Sätze: „ein spatz / schnappt sich die brösel“ (S. 84).
Das Buch ist artifizieller, als es sich präsentiert und dem spontanen Leser darstellen mag: Es gibt nicht nur die offene Verweise auf andere Poeten, Reiseschriftseller oder Individualisten, auf den heiligen Benedikt (S. 10), Heine (S. 46) (der, wie vielleicht alle Dichter, „beim kurtheater / [nur, V. L.] auf einem niederen sockel“ [S. 47] steht). Verwiesen wird auf Heraklit (Seiten 27. 50) – der das geheime Motto des Gedichtbandes formulierte, nämlich, dass man nichts zweimal gleich erlebt), auf Hölderlin (S. 78), auf Rilke (S. 11; des „überreifen jahrs“; bei Rilke: „Überreif // Mancher Sommer schenkt sich übervoll, / daß man die Früchte nicht mehr pflücken mag. / Die Ernte, die in meinen Körben schwoll, / in meiner Hand in saftig prallen Stücken lag, // war überreich, daß ich sie nur vergeude.“). Sondern es gibt auch feine (und fein versteckte) Zitate, ausgeliehene Bilder: „mir ist immer so fad / (drum fällt mir was ein) / bei der rasur im bad“ – John Lennon fiel dabei ein Liebenslied an seine Frau Yoko ein: „In themiddleof a shave I callyourname / Oh, Yoko / Oh, Yoko / Mylove will turn you on” („Oh Yoko“). Das Gedicht „Schwalben“ (S. 72) erinnert Ernst Tollers erfolgreiches „Schwalbenbuch“ (1924). Und die Frage „wie weit muss man gehen, / um die tage zu nehmen, / wie sie sind?“ (S. 76) an Bob Dylans bekanntestes Lied: „How many roads must a man walk down …”(vergleiche auch Seite 16).
Wie die Sehenswürdigkeiten muss man auch diese Gedichte mehrmals besuchen und dann herausfinden, was sie bedeuten für das eigene Leben.
Die Gedichte dieses Bandes eignen sich (wie schon der frühere Band „im tonfall des jungen sommers. gedichte“. Deiningen 2011; vergleiche Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule 3/2013, S. 305) sehr gut zur Einführung in die Spezifika literarischen Sprechens, speziell der Lyrik. Einige Aspekte sind bereits angeklungen:
• Sämtliche Gedichte zeigen an (auch jungen Schülern) bekannten Beispielen („London“) den Vorgang individualisierten Schreibens: Äußere und innere Welt werden unterschieden und dann wieder in Beziehung gesetzt durch eine eigenwillige Metaphorik; durch biographische Einzelheiten; durch Hervorhebungen individueller Aspekte oder sogar Assoziationen – insgesamt durch die Perspektive, die das Ich einnimmt (Blick aus dem Bus, aus dem Touristenboot, vom Balkon und so weiter) Zuweilen nennt nur die Überschrift einen Namen, der Allgemeines verspricht, während der Text ausschließlich subjektiv und zuweilen privat bleibt. Herauszuarbeiten wäre, wie Hald diese Individualisierung erreicht.
• Das Prinzip des pars pro toto wird immer wieder erkennbar, das heißt, an (unauffälligen) Einzelheiten wird etwas Ganzes erklärt. Bei Hald werden Lebenserfahrungen – fast schon Gesetzmäßigkeiten – aus unscheinbaren Beispielen gewonnen – etwa die Boje, die auf dem Trockenen liegt und so keine Funktionen mehr erfüllen kann – als Bild für die funktionslos gewordenen traditionellen Orientierungen (Sitten, Normen, Kirchen und so weiter) in der modernen („ausgetrockneten“, verebbten, sich zurückziehenden) Gesellschaft.
• Hald geht virtuos mit stilistischen Mitteln wie Zeilenstil, Zeilenbruch oder Reim um: Welche Wirkung (Überraschung, Aufmerksamkeit, Erstaunen, Verwunderung, Aufmerken, „Stolpern“) erreicht er durch diese Stilmittel? Wann reimt er – warum? Welche Wirkungen erzielt der Reim? Welche Bedeutung hat die Kleinschreibung, die ja einen bedeutsamen Lesewiderstand darstellt – und so bewusstes Lesen verlangt.
• Zahlreiche Gedichte formulieren eine Poetik der Lyrik, wenn sie den Vorgang des Schreibens betrachten. Warum schreibt Hald? Ist das Motiv verallgemeinerbar? Wie schreibt er diese Gedichte? Ist das typisch für die Lyrik? In seinen Vergleichen mit der Malerei weist er die Sprache und ihre Leistungen als Besonderheit der Literatur aus – die bestimmte Ansprüche der bildenden Kunst („Kontemplation“) nicht übertragbar machen, weil Sprache immer Reflexion ist. Und ohne Sprache bleiben Bilder stumm.
• Das Prinzip der expliziten und impliziten Intertextualität ist sehr gut zu erarbeiten (zur Theorie vergleiche Richard Aczel: Intertextualität und Intertextualitätstheorien, in: Ansgar Nünning [Hg.]: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart/Weimar 2004 [3. Aufl.], Seiten 299 bis 301). Der Autor zitiert andere Autoren, etwa im Motto, im Text, aber er übernimmt auch allgemeine – oder nur ihm – bekannte Textstellen anderer Autoren. Worte sondern zwar im Alltag aus den diffusen Eindrücken das Gemeinte aus, aber sie erweitern auch das konventionelle (scheinbar definierte) Sprechen, indem sie Mitgemeintes transportieren. Die Gedichte Halds sind teilweise ein „Mosaik aus Zitaten“ (vergleiche Julia Kristeva: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman, in: Jens Ihwe [Hg.]: Literaturwissenschaft und Linguistik III, Frankfurt am Main 1972, Seiten 345 bis 375, hier: S. 345).

Volker Ladenthin (Bonner Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Bonn)

Ich danke Dr. Hans-Michael Tappen (München) für die Vermittlung dieser Rezension.

Schlaglicht: Politische Überwältigung im Namen der Vielfalt …

Die Lichtfeier (Luzernarium) besitzt eine lange Tradition innerhalb der Liturgie; am feierlichsten findet diese innerhalb der römischen Liturgie zu Beginn der Osternachtfeier statt. Seit mittlerweile fünfundzwanzig Jahren holen Pfadfinder vor Weihnachten das sogenannte „Friedenslicht“ aus der Geburtsgrotte in Bethlehem nach Deutschland. In vielen Gemeinden wurde dieses am Ende der Adventszeit im Rahmen einer Lichtfeier ausgeteilt – so auch in jener Gemeinde, in der ich am vierten Advent die Vorabendmesse mitgefeiert habe.
Von einer Lichtfeier möchte ich in diesem Fall aber gar nicht sprechen. Was an diesem Samstagabend geboten wurde, war eine politische Überwältigung der Gottesdienstgemeinde. Ich fühlte mich auf den Parteitag irgendeiner politischen Gruppierung am äußerst linken Rand versetzt. Ich möchte hier nicht das pfadfinderische Engagement schmälern, das innerhalb der DPSG geleistet wird – ich bin selbst aktiver Pfadfinder gewesen und diesem Ideal heute noch verbunden. Allerdings ist mir die parteipolitisch einseitige Parteinahme des jungendpastoralen Dachverbandes BDJK, bis hin zur Übernahme linksradikaler Forderungen, schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Was an diesem Abend dann auch geschah, war ein Missbrauch der Liturgie für politische Indoktrination und Manipulation. Dass man über bestimmte Fragen unter Demokraten auch anderer Auffassung sein kann, schien den Verantwortlichen gar nicht in den Sinn zu kommen. In einer PowerPoint-Präsentation wurden der Gemeinde „gute Nachrichten“ vorgestellt, die allesamt – so die DPSG-Vertreterin – im vergangenen Jahr in den Medien unterdrückt worden seien. Nur zwei Beispiele: Das eine Mal ging es um Flüchtlinge, die bei Siemens Arbeit gefunden haben, das andere Mal um einen SPD-Abgeordneten, der einem AfD-Kollegen als Ersthelfer das Leben rettete. Hier fühlte ich mich als Gottesdienstteilnehmer mehr als für dumm verkauft: Alle genannten Nachrichten waren aus Medienberichten des zu Ende gegangenen Jahres bereits mehr als bekannt. Von manipulativer Berichterstattung konnte hier nicht die Rede sein. Dies traf eher auf die Einführung des Friedenslichtes zu: Auf manipulative Weise wurden am Ende der Messe so unterschiedliche Themen wie der Umgang mit der aktuellen Migrationskrise, Fragen innerer wie äußerer Sicherheit oder die Forderung nach einer inklusiven Einheitsschule für alle umstandslos durch einen undifferenzierten Egalitarisus miteinander verbunden und als „christlich alternativlos“ in den Raum gestellt.
Die Liturgie verkommt zur Spielwiese eines sich fortschrittlich dünkenden Milieus, das keine Hemmungen hat, alles, was politisch missliebig ist, auszugrenzen und abzukanzeln. Ich nenne das borniert. Es war zwar viel von „Vielfalt“ und „Toleranz“ die Rede, doch scheinen diese nur für solche Positionen zu gelten, die einem linksliberalen bis linken Mainstream folgen. Wer davon abweicht, wird mundtot gemacht – auch im Gottesdienst. Befähigung zu demokratischer Mitbestimmung scheint in der kirchlichen Jugendarbeit heute zu bedeuten, sich für eine Gleichschaltung der öffentlichen und innerkirchlichen Debatte einzusetzen.
Wenn wir den unnachahmlichen Satz des Neuen Testaments „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ ernstnehmen, dann richtet sich dieser nicht allein gegen einen Staat, der sich absolut setzt. Der Satz warnt auch die Kirche vor allzu viel politischer Selbstgewissheit in vorletzten Fragen. Das Evangelium ist politisch relevant, aber nicht parteipolitisch. Aus dem Evangelium ergibt sich noch kein umfassendes göttliches Gesetz. Vielmehr sind Christen aufgerufen, sich in gläubiger Verantwortung in die politische Gestaltung unserer Welt einzubringen. Die konkreten Antworten auf die jeweiligen Herausforderungen der Zeit formen sich dabei im politischen Diskurs. Dabei können wir unter Christen auch zu unterschiedlichen politischen Antworten kommen, über die politisch – durchaus mitunter heftig – gestritten werden muss. Dies müssen wir in der christlichen Gemeinde aushalten. Das „Friedenslicht“ steht heute offenbar für eine Politik, die sich keine Gedanken mehr macht, wie unser staatliches Zusammenleben auf Dauer erhalten, die territoriale Integrität des Staates gesichert und die Identität des eigenen Volkes bewahrt werden kann. Politik aus christlicher Verantwortung sieht für mich anders aus – und darüber lasse ich gern mit mir streiten. Dies war aber an jenem letzten Adventssamstag nicht möglich.
Der Gottesdienst darf nicht zur Bühne für parteipolitische Übergriffe verkommen. Wenn ein kirchlicher Verband eine solche Grenzverletzung nicht ausschließen will, gehört das „Friedenslicht“ im neuen Jahr nicht mehr in eine Messfeier.
Es bedarf immer wieder neuer Anstrengung, ein stabiles, befriedetes und leistungsfähiges Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Die Verantwortung, welche die Kirche für ein gelingendes staatliches Zusammenleben trägt, ist nicht gering. Gegenwärtig wird sie dieser Verantwortung in unserem Land nicht gerecht. Viele Akteure in Kirche und Theologie scheinen aber die große Tradition katholischen Staatsdenkens vergessen zu haben.